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Zwischen den Welten
Einzigartig und vielseitig zugleich: Steve Gunn hat in der Vergangenheit als Singer/Songwriter mit einer Vorliebe für traditionalistische Roots-Klänge ebenso geglänzt wie mit seinen Vorstößen auf das Terrain der improvisiert-avantgardistischen Instrumentalmusik. Doch obwohl sein beeindruckendes aktuelles Album „Daylight Daylight“ eher in erstere Kategorie fällt, gelingt es dem in Brooklyn lebenden Gitarrenvirtuosen bei seinem inzwischen vierten Gastspiel im bis auf den letzten Platz besetzten Kölner King Georg mühelos, beide Welten miteinander zu verbinden.
Noch bevor ein Ton gespielt ist, wird deutlich, dass Steve Gunn kein Mann der großen Gesten ist. Eine halbe Stunde nach der ursprünglich angekündigten Anfangszeit schlurft der vor zwei Tagen 49 Jahre alt gewordene Musiker betont relaxt auf die nicht vorhandene Bühne des King Georg.
In aller Seelenruhe sortiert er zunächst sein Equipment und stimmt seine Akustikgitarre und macht auch sonst wenig Anstalten, gängigen Musiker- geschweige denn Rockstar-Klischees zu entsprechen. Dass er irgendwann sein Baseball-Käppi abnimmt und auf seinem Verstärker verstaut, ist gewissermaßen das einzige Zeichen, dass es nun losgehen kann.
Doch auch wenn Gunn allein, nur mit einer Akustikgitarre und Fingerpicks an der rechten Hand auf der Bühne steht und die Grundstimmung zwischen verträumt und ätherisch stets entspannt bleibt, ist der Auftritt – das unterstreicht gleich zu Beginn der ausufernde Opener „On The Way“ – alles andere als ein typisches Folk-Konzert.
Lediglich das Gunns fast auf den Tag genau vor zehn Jahren verstorbenem Vater gewidmete „Stonehurst Cowboy“ und die Zugabe „Morning Is Mended“ bleiben komplett im strikt traditionellen Rahmen.
Obwohl die Songs im Kern mit brillantem Fingerpicking, das nicht nur beim langen Instrumentalpart vor „Old Strange“ für Gänsehaut-Momente sorgt, und evokativem Storytelling auf Folk-Tugenden fußen, hat Gunn – gefühlt an diesem Abend noch mehr als in der Vergangenheit – seine helle Freude daran, die traditionellen Strukturen immer wieder aufzubrechen.
Percussions-Loops und Atmosphäre aus seinen Effektgeräten sorgen dafür immer wieder dafür, dass der Sound seiner Songs viel größer (und lauter) wirkt, als man das von einer Ein-Mann-Akustik-Show erwarten darf. Das gilt auch für die feine Interpretation des Velvet-Underground-Klassikers „I’ll Be Your Mirror“, die sanft und leise im Geist des Originals beginnt und dann im Noise-Gewitter aufgeht.
Auch sonst hat Gunn immer wieder die Gelegenheit, sein außergewöhnliches Können an der Gitarre unter Beweis zu stellen. Allerdings sollte man nicht den Fehler machen, ihn auf die Fähigkeiten an seinem Instrument zu reduzieren.
Ebenso bemerkenswert ist sein Gespür für großartige, oft ein wenig verschleppte Melodien und Kompositionen, die vielleicht nicht auf den ersten Blick im klassischen Sinne eingängig sind, an diesem Abend aber nicht selten eine geradezu hypnotische Wirkung entfalten.
So stellt Gunn im King Georg zwar die Songs seines aktuellen Songwriter-Albums „Daylight Daylight“ – allen voran „Nearly There“ ganz am Ende des Sets – in den Mittelpunkt, gleichzeitig bleibt aber auch viel Raum für seine eher avantgardistische Seite.
Immer wieder driften die Songs deshalb in lange, experimentelle Instrumentalpassagen ab, bei denen Gunn es offenkundig genießt, sich im psychedelischen Geheul des Feedbacks zu verlieren. Ohne dass er viel Zeit mit ausführlichen Ansagen verschwendet, passen deshalb gerade einmal neun Songs in fast 80 Minuten.
Ganz am Ende kniet er sogar vor seinen Effektgeräten auf dem Boden, während seine quer auf dem Verstärker platzierte Gitarre im Hintergrund die Feedback-Götter beschwört. Langanhaltender Applaus ist am Ende der hochverdiente Lohn für dieses ebenso intime wie intensive Konzerterlebnis.














