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Neue Hexen braucht das Land
Das letzte Album der Hamburger Songwriterin lùisa hieß „New Woman“ und erschien im Frühling 2021 – also mitten in der Pandemie. Damals präsentierte sich lùisa ja bereits als kämpferische Empowerment-Queen – konnte die Botschaft aber aufgrund der damals herrschenden Einschränkungen nicht so aktiv verbreiten, wie das notwendig gewesen wäre. Vielleicht auch aus diesem Grund verpasste sich lùisa mit dem nun vorliegenden, vierten Album „Call Me The Witch“ ein Upgrade in Sachen Empowerment, erklärte sich zur Hexe – und konnte das dann auf ihrer aktuellen Headliner-Tour auch entsprechend vertreten. Jedenfalls wurde das ganze Album – aufgelockert mit einigen älteren Tracks – auch im Kölner artheater komplett gespielt.
Den Support an diesem Abend machte die verlässliche Lokalmatadorin Annie Bloch – die stets in so viele parallel laufende musikalische Projekte verwickelt ist, dass es fast schon erstaunlich ist, dass sie immer wieder Zeit hat, den Weg auf die Kölner Bühnen zu finden, um Stimmung für befreundete KünstlerInnen zu machen. Ihre aktuelle Veröffentlichung ist ein Klassik-Album mit dem Titel „The Mendelssohn Project“, auf dem Annie als Organistin zusammen mit der Cellistin Emily Wittbrodt Stücke des Komponisten Mendelssohn Bartholdy interpretiert. Das war natürlich nichts für den gegebenen Anlass – und so griff Annie für die Show auf das Material ihrer im letzten Jahr erschienenen LP „I Depend“ und ein paar Tracks ihrer EP „Four Trips To The Shop“ zurück, die sie dann – ohne Bandbegleitung – solo vortrug. Wie gewohnt agierte Annie dabei konzentriert und wortkarg – nicht deswegen, weil sie keine Lust hat, etwas zu erzählen, sondern weil sie ihre Songs lieber für sich sprechen lässt. Im Vergleich zu den Studio-Produktionen kommen die Songs dann nicht nur reduziert, sondern obendrein regelrecht entschleunigt daher – insbesondere was ältere Tracks wie „Dates“ oder das Instrumental „Chamomile Tea“ betrifft. Einen interessanten Aspekt gab es an diesem Abend zu beobachten – nämlich den, dass Annie bei einigen Tracks die gesungenen Lyrics auf der Gitarre mit entsprechenden lautmalerischen Licks komplimentierte – ein gelungener Trick, um so aus ganz wenig ganz viel zu machen und den Blick in besonderer Weise auf die Lyrics zu lenken. Pop-Musik im klassischen Sinne war das dann nicht – aber dennoch wurde das Set von den lùisa-Fans dankbar angenommen.
Ursprünglich hätte lùisa mit ihrer Band in der Kölner Wohngemeinschaft aufspielen sollen, wo sie bereits zuvor zu Gast gewesen war. Jedoch war der kleine Club dann so schnell ausverkauft, dass das Konzert ins größere artheater hochverlegt werden musste, um mehr Fans die Möglichkeit zu geben, ein Ticket zu erwerben. Der Grund dafür ist ein für lùisa erfreulicher: Im vergangenen Jahr hatte lùisa als Support für Simply Red im Rahmen von deren Europa Tour auch in Köln auf der Bühne gestanden – und wie sich auf Nachfrage herausstellte, hatten wohl einige der Fans im artheater lùisa bei dieser Show als Live-Act überhaupt erst für sich entdeckt.
Wie gesagt standen die Songs des neuen Albums „Call Me The Witch“ auf dieser Tour im Zentrum – waren dann aber gut gemischt mit den Tracks des Vorgänger-Albums „New Woman“, die ja einer ähnlichen Thematik verpflichtet sind. Los ging es dann gleich mit dem Album-Opener „My Love Is Easy“, der in einer fast schon rockigen, druckvollen Version dargeboten wurde, mit der lùisa die Messlatte für das Energielevel des Abends schon gleich recht hoch legte. Die Tracks „Walking Home With A Lover“ und „Come Around“ vom „New Woman“-Album folgten mit einer entsprechenden Attitüde auf dem Fuß. „Ich habe das Gefühl, dass das Kölner Publikum tanzen will“, schmunzelte lùisa, als sich erste dementsprechende Bemühungen im Auditorium Bahn brachen. Das mit dem Tanzen machte lùisa dann auch selbst zum Programm, indem sie auf der Bühne gerne wie ein Derwisch herumwuselte und als sie sich gegen Ende der Show – wo dann endlich auch der Titeltrack „Call Me The Witch“ gegeben wurde – selbst ins Publikum begab und mit den Fans abhottete.
Die Stärke der lùisa Band wurde so schnell deutlich. Hier ging es nicht um die Demonstration selbstverliebter musikalischer Fähigkeiten, sondern um eine geradlinige Unterstützung des jeweiligen Songs. lùisa übernahm dabei oft genug die Rolle der Gitarristin und überließ ihren Bandmusikern Max Quendtmeier und Lasse Weinbrandt die Feinarbeit. Auch die Idee, die Band für die Tour mit der Keyboarderin/Sängerin Elin Bell (Fortuna Ehrenfeld) zu ergänzen, erwies sich als klug und richtig. Zum einen, weil Elin lùisa auch gesanglich unterstützen konnte und zum anderen, weil sie auch als Bassistin agieren konnte, wenn lùisa einmal die Gitarre zur Seite legte, um sich als Croonerin zu betätigen, und dann Max, der hauptamtlich als Bassist agierte, dann zur Gitarre griff.
Da bei einer Headliner-Show ja mehr Zeit für so etwas blieb, ließ lùisa keine Gelegenheit aus, die Geschichten hinter den Geschichten der Songs zu erzählen. Dabei ging es vor allen Dingen darum, das Thema der letzten beiden Scheiben auf den Punkt zu bringen: Die Emanzipation lùisas von den Fängen des patriarchalisch orientierten Musikbusiness – die in letzter Konsequenz dazu geführt hatte, dass sie die neue LP selbst organisiert, geschrieben und produziert hatte. Immer wieder gab es da Spitzen gegen toxische Männlichkeit, Mansplaining und das Patriarchat. Nun ja: lùisa möchte ja auch eine Frau sein, vor der die Männer Angst haben, wenn sie nachts alleine nach Hause geht. Aber auch andere Themen, wie zum Beispiel die Erforschung emotionaler Mindsets mit Songs wie „Into The Void“, „Summer in The Woods“ und nicht zuletzt „Deep Sea State Of Mind“ wurden ausführlich erläutert und dargelegt.
Die geradlinige, songorientierte musikalische Umsetzung des Materials – die sogar dem gelernten Jazzer Lasse Weinbrandt abnötigte, Backbeats zu spielen – führte dann unter dem Strich dazu, dass nur gelegentlich verspielte Live-Versionen mit improvisierten Jam-Partien entstehen konnten. Aber: Erstens sind wir ja nicht mehr in den 70ern, wo so etwas Gang und Gäbe gewesen war, zweitens wurde das durch die für die Live-Produktion abgeänderten Arrangements wieder wettgemacht (insbesondere bei balladeskeren Songs wie „Trust“ und „Pace“, die lùisa ja dezidiert nicht als Pop-Singles, sondern als Album-Tracks angelegt hatte) und letztlich wäre das dann auch Meckerei in dünner Luft, denn insgesamt hat lùisa mit ihrem auf der Bühne dezidiert Old-School-mäßig aufgeschlossenem New-Woman-Witch-Pop offensichtlich den Zeitgeist auf ihre Weise elegant eingefangen und sich so auch die Achtung ihrer – großteils weiblichen – Fans als nahbares Role-Model erworben.
Dabei beeindruckt insbesondere die enorme musikalische und performerische Weiterentwicklung, die lùisa an den Tag gelegt hat. Selbstverständlich war das nie – aber Mut und Durchhaltevermögen zahlten sich halt aus. Auf die Frage, ob sie sich diese Entwicklung zu Beginn ihrer Karriere hätte vorstellen können – als sie mit Sampler und Loopstation spröde Mädchenschmerz-Elegien auf der Bühne zu erzeugen suchte – antwortet lùisa jedenfalls mit einem entwaffnenden „Nein“. Inzwischen agiert sie souverän auf einem Level, das auch ihre geschätzte Kollegin Alice Merton (deren Live-Karriere ja eigentlich in der Kölner Wohngemeinschaft begann) an den Tag legt. „Well played“ kann man da nur sagen.




























