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Phönix aus der Asche
Wishbone Ash gleichen dem mythologischen Vogel Phönix, der sich aus der Asche erhebt. Und es gibt sogar zwei davon. Die 1969 gegründete Urformation mit Andy Powell, den nicht verwandten Ted und Martin Turner sowie Steve Upton hielt nur vier Jahre, legte aber den stilbildenden Grundstein mit dem singenden Twin-Guitar-Sound. Zig Personalwechsel folgten, irgendwann tourten zwei Formationen um die Welt: Unter dem Namen Martin Turner’s Wishbone Ash beschränkt sich der Bassist weitgehend auf Konzertaktivitäten, während Andy Powells Formation immer wieder mal im Studio aktiv ist und neben den unkaputtbaren Klassikern zahlreiche neuere Stücke in die Setlist integriert. So auch in der gut gefüllten Blues Garage in der Nähe der niedersächsischen Landeshauptstadt.
Dass dieser Auftritt zustande kam, ist für Blues Garagen-Chef Henry Gellrich keine Selbstverständlichkeit, der die Band in seiner Anmoderation in höchsten Tönen lobt. Schließlich spielten die Musiker bereits im Januar eine Art Wohnzimmerkonzert, da Eis und Schnee für viele die Fahrt aufs Land unmöglich machten. Man sei sich aber schnell einig geworden, den enttäuschten Fans einen weiteren Termin anzubieten. So unterbrachen Wishbone Ash den Niederlande-Teil ihrer „The Time Was“-Tour für den Abstecher nach Isernhagen.
Eingerahmt von zwei vergleichsweise kompakten Instrumentalstücken vom 2002er Studioalbum „Bona Fide“ (der Titelsong und „Peace“) spielen Wishbone Ash zwei Sets mit insgesamt 13 Stücken, von denen sieben aus den frühen Siebzigern stammen. Sie sind wenig überraschend die besten und umjubelten. „Jailbait“ leitet der neue schottische Drummer Windsor McGilvray mit mächtigen Kickdrum-Schlägen ein, Bob Skeat fügt einen pulsierenden Bass-Beat hinzu, bis die Gitarren einsetzen und immer wieder in einen Dialog miteinander treten. Exzellenter Blues-Rock und melodisch auf Augenhöhe mit Canned Heats „On The Road Again“. „Blowin‘ Free“ überzeugt mit dem mehrstimmigen Gesang, an dem sich lediglich Gitarrist Mark Abrahams nicht beteiligt. Der wechselt sich an Lead- und Rhythmusgitarre mit Powell ab, um immer wieder zum Unisono-Sound zusammenzufinden. In „Enigma“ klingt Abrahams‘ Gitarre fast wie ein Keyboard, den Über-Klassiker „The King Will Come“ von Wishbone Ashs Vorzeigealbum „Argus“ beginnt er mit einem Wah-Wah-Riff. Wie auf dem berühmten „Live Dates“-Album folgen nahtlos „Warrior“ und „Throw Down The Sword“. Danach Pause und die Frage: Schon zu viel Pulver verschossen?
Keineswegs. Zwar zählen die Gesangslinien von „Living Proof“ nicht zu den kompositorischen Meisterleistungen, die Gitarrenparts gelingen hingegen wieder tadellos. Damit punktet auch das Instrumental „F.U.B.B.“, vor allem aber das sich über fast 20 Minuten majestätisch ausbreitende „Phoenix“ vom vor 56 Jahren veröffentlichten Debütalbum. Ein Trommelwirbel als Intro, Abrahams‘ klagende Gitarre, die mitten im Stück ganz leise wird, bis die Drums ein aufloderndes Gitarrenfeuer anzünden, so als erhebe sich der Phönix aus der Asche. Abrahams ist auf dem kompletten Griffbrett unterwegs, die Gitarren vereinigen sich zu diesem typischen singenden Klang, Riffwechsel, Bass-Solo, Rimshots und überhaupt ein Monster-Drumming von McGilvray. Da hat Powell einen guten Griff getan. Der 76-jährige Brite ist offensichtlich erkältet, hat ein wenig mit der Stimme zu kämpfen, die aber meist von den mehrstimmigen Chorussen aufgefangen wird. Sein Spiel auf der Gibson-Flying-V ist nach wie vor eine Ohrenweide, sowohl als Leadgitarre wie auch im Duett mit Abrahams. Vor allem die melodischen, epischen Rockstücke mit ihren fantasievollen Instrumentalpassagen aus dem Frühwerk nähern sich jazzigen Improvisationen, obwohl wahrscheinlich alles genauso einstudiert ist. „Throw down the sword and leave the glory“, singt Powell. Sein Schwert ist die Gitarre; die sollte er noch nicht an den Nagel hängen. Möge der Phönix noch eine Weile um die Welt fliegen.





























