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Der Sit-down-Comedian
Zwei rote Plüschsessel, dazwischen ein Tischchen mit Lampe, dahinter eine Leinwand mit Werbung für Francis Rossis neues Soloalbum „The Accidental“, das er mit seinem Gitarristen Andy Brook produzierte. Der stimmt noch einmal die vier bereitstehenden Instrumente. Davor rund 1.000 erwartungsfrohe Status Quo-Fans, im Schnitt nicht viel jünger als Rossi, im fast ausverkauften Theater am Aegi. Solch gediegene Locations hat der 76-Jährige für seine Tour buchen lassen, die einen etwas sperrigen Titel trägt: „An Evening of Francis Rossi’s Songs from the Status Quo Songbook and More…“. „More“ bezieht sich dabei auf Rossis ausgeprägte Erzählphasen. So sprach Rossi im Vorfeld auch von einer „Tunes and Chat“-Tour. Die 17 ausgewählten Songs stammen vor allem aus den stilprägenden 1970er Jahren, ein paar aus den 1980ern. Viele Deeper Cuts und reichlich Hits, dargeboten mit Andy Brook auf akustischen Gitarren, und vor allem zahlreiche witzig-unterhaltsame Anekdoten.
„Bitte begrüßen Sie: Francis Rossi!“ ruft eine Stimme aus dem Off und der Meister badet zunächst ausgiebig im Applaus. „Guten Abend, meine Hannoveraner Freunde“, sagt er brav auf Deutsch. Noch mehr Applaus. Bevor der erste Song erklingt, plaudert Rossi erst einmal über eine Viertelstunde. Sein einziger vollständiger Satz auf Deutsch sei: „Können Sie mir den Weg nach Bielefeld zeigen?“ Zu seinen Lieblingswörtern zählt er „Frikadelle“ und „Brötchen“ und überhaupt habe er ziemlich Hunger. Der Gag zieht sich leitmotivisch durch den Abend. Wie auch die vergebliche Kommunikation mit seinem Sidekick Andy Brook. „They don’t call you Mr. Talkative“, merkt Rossi an. Falten, Haarausfall und Prostata-Beschwerden – Rossi lässt nichts aus. Und ja, das Knie, er müsse sich nun setzen. Also eher Sit-down- als Stand-up-Comedian.
Irgendwann gibt es auch Musik. Die erste Status Quo-Single „Pictures Of Matchstick Men“ aus dem Jahr 1967 blühte damals im psychedelischen Flower-Power-Garten. Kein Mauerblümchen, sondern gleich ein Top-10-Hit. „In My Chair“ und der „Spinning Wheel Blues“ stammen aus den frühen 70ern und zeigen bereits die typische Quo-Mischung aus Boogie und Rock’n’Roll, nun in einem folkigen Blues-Shuffle-Gewand. Brook und Rossi werfen sich die Bälle zu, wechseln sich mit Lead- und Rhythmus-Gitarre ab und bauen hörenswerte Instrumentalparts in die neuen Arrangements ein.
Das einstündige erste Set hat lediglich Platz für acht Songs, die nicht zu den großen Hits zählen. Außer „Burning Bridges (On And Off And Again)“, direkt vor der Pause, zu dem das Publikum gern einen deutschen Fantasietext mitträllern möge. Begleitend bietet Rossi klamaukige Sing-along-Varianten an, irgendwas zwischen Kneipe und Fernsehgarten. Davor spielt das Duo Country („The Wild Side Of Life“), den immer gern berücksichtigten Blues-Shuffle „Don’t Waste My Time“, das Stück „Rock ‘n‘ Roll“, das genau das nicht ist, sondern purer Pop, und „Gerdundula“ mit seinen dudelsackartigen Passagen und einem Dialog zwischen den beiden Gitarren. Was Rossi diesmal erstaunlicherweise nicht erzählt: Mit Gerd und Ulla freundete sich Rossi einst in Bielefeld an, was die Bedeutsamkeit der Frage nach dem Weg nach Bielefeld erklären könnte.
Für das zweite Set verspricht Rossi weniger Reden und mehr Musik. Das reicht dann für neun Songs. Das unverwüstliche „What You’re Proposing“ mit dem Trademark-Riff zum Neustart, dann drei Deeper Cuts im Folkpop-Kostüm als Klimax: von „And It’s Better Now“ über die vergessene Perle „Someone Show Me Home“ bis zu der Wiederentdeckung „Tongue Tied“. Das Lied kenne zwar keiner, sei aber ein persönlicher Favorit, sagt Rossi, und Applaus wäre nett: „Keep an old man happy!“ Dann reiht sich Hit an Hit und die Fender Acoustic Telecasters, die sogenannten Acoustasonics, rocken. Eine, so Rossi, stamme aus den U.S.A., die andere aus Mexiko und die mexikanische klinge besser – „Dear Mr. Trump!“. „Roll Over Lay Down“ wird mit dem „Roadhouse Blues“ verzahnt und wirkt mit seinen solistischen Freiheiten fast jazzig, „Down Down“ bekommt ein längeres Jamming eingepflanzt. John Fogertys „Rockin‘ All Over The World“, das erst mit Status Quo auf den Ätherwellen um die Welt reiste, „In The Army Now“ von den Bolland-Brüdern und „Caroline“ aus eigener Feder treffen auf ein textsicheres Publikum. Alle stehen, grölen mit, skandieren.
Das Akustik-Konzept ist nicht neu. Noch vor Rick Parfitts Tod hatten Status Quo eine Tour ohne E-Gitarren unternommen, allerdings in großer Besetzung mit Akkordeon, Streichern und Backgroundsängerinnen. Heruntergedimmt auf zwei Gitarren und zwei Stimmen werden kompositorische Feinheiten jenseits der berüchtigten drei Akkorde, auf die Quo gern reduziert wurden, freigelegt; aber natürlich tritt auch Rossis Gesang mehr in den Vordergrund. Seine Stimme klingt wie eine Kreuzung aus Bonnie Tyler und Joe Cocker. Tatsächlich helfen der Griff zur Wasserflasche und Rachenspray nur bedingt. Ob erkältungs- oder altersbedingt, bei den hohen Tönen bricht Rossis Stimme schon mal weg.
Was bleibt, ist aber ein unterhaltsamer Abend mit einer guten Zusammenstellung aus Vergessenem und Megahits, vor allem Anekdoten aus einer 60-jährigen Musikerkarriere. Rossi als Sohn eines italienischen Eisverkäufers und einer irischen Mutter, sein gescheiterter Versuch, aus einer Wandergitarre eine Strom-Gitarre zu basteln, erste Bühnenerfahrungen mit The Spectres, aus denen Status Quo schlüpfte, Drogenerfahrungen und acht Kinder, für deren Entstehung 16 Minuten Sex gereicht hätten, zwei Minuten für jedes Kind. Nun ja, mitunter geht es unter die Gürtellinie auf das Niveau eines Altherrenwitzes, doch Rossi kommt so selbstironisch daher, dass man ihm das gern nachsieht. Auch wenn die eine oder andere Geschichte etwas weitschweifig gerät: Man konnte gewarnt sein, heißt Rossis Autobiografie doch „I Talk Too Much“. Er demonstriert typische Songstrukturen, stimmt Volkslieder an, erteilt Klatschverbote und -gebote, lässt wegen des Plastikdeckel-Ärgernisses den Schluck aus der Wasserflasche noch zu einem komischen Moment werden und stellt am Ende fest, dass er nun aber wirklich „fuckin‘ hungry“ sei. Auf der Leinwand erscheinen die Plattencover zu den jeweils präsentierten Songs. Auszüge aus dem anfangs beworbenen Soloalbum gibt es hingegen nicht.
Ob es nach der Tour ein Wiedersehen mit Rossi oder gar mit Status Quo geben wird? Rossi wisse es selbst nicht, wie er in einem Interview mit Rock Antenne kürzlich erklärte. Das Alter könne man nicht wegdiskutieren. „Ihr seht genauso alt aus wie ich“, entgegnet er beim Blick in die ersten Sitzreihen. Manch Konzertbesucher würde sich sicher glücklich schätzen, wäre er so rank und schlank wie Rossi. Dann würde auch das alte Status Quo-T-Shirt wieder passen.




