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Jeder ist eine Insel
„Niemand ist eine Insel“ nannte der österreichische Trivial-Autor Johannes Mario Simmel 1975 einen seiner unzähligen Romane. Der aus Palermo stammende Sizilianer Fabrizio Cammarata ist da einer ganz anderen Meinung. Denn als Sohn der südlich vom italienischen Festland gelegenen Insel ist er der Meinung, dass jeder eine Insel sei – oder auch mehrere davon in seinem Inneren mit sich trage. Das ist der Grund, warum er seine Ende letzten Jahres erschienene, aktuelle LP – auf der er von seinem Leben mit Inseln aller Art berichtet – demzufolge auch „Insularities“ nannte. Bei seiner Show in der Kölner Wohngemeinschaft wich er dann auch von seinem üblichen Konzept ab, seine Songs ohne große Erklärungen zu präsentieren, und erläuterte die Philosophie der Inselbildungen dann ausführlich.
Unterstützt wurde Fabrizio bei dieser Show dann bei der jungen Kölner Dreampop-Band Living Room Estate, die dann bei dieser Gelegenheit sowohl ihr Debüt als Live-Band in der Wohngemeinschaft wie auch einen der ersten Live-Auftritte überhaupt feierte. Dementsprechend nervös erschienen die Musiker denn auch – allerdings nicht auf eine irritierende, sondern eher auf eine sympathische Art. Dabei stehen Living Room Estate sowieso noch am Anfang ihrer Laufbahn und haben seit Anfang des Jahres gerade mal vier Tracks veröffentlicht. Allerdings hat sich das Quartett bereits eine interessante, aktuelle nicht besetzte musikalische Subnische ausgesucht und präsentiert sich im wavigen Sound-Design der 80er Jahre.
Während Frontmann Dennis Dahl für den – sicherlich noch ausbaufähigen – Gesang zuständig ist, überrascht die Gitarristin Nicolina Cordone durch einen konstanten, psychedelischen Flow filigran/ornamentaler Gitarren-Vignetten, mit denen sie sozusagen den Vortrag Dahls nicht nur begleitet, sondern auf gewisse Weise auch spielerisch kommentiert. Der Sound kommt dabei dem nahe, was Vinnie Reilly von Durutti Column oder Robin Fraser von den Cocteau Twins dereinst prägend als Genre-Standard etablierten. Mit dem richtigen Songmaterial – wie z.B. der Single „Lost In The Sound“ – ergibt sich so ein attraktives, melancholisches Setting mit Hit-Potential. Das hatte zwar grundsätzlich so überhaupt nichts mit dem zu tun, was Fabrizio Cammarata gemeinhin zu bieten hat, da man sich aber offensichtlich auf der menschlichen Ebene gut versteht, war Fabrizio dann voll des Lobes für das Tun von Living Room Estate.
Dass das Projekt „Insularities“ dann für Fabrizio selbst etwas grundsätzlich Neues ist – denn hier beschäftigt er sich auf poetische und philosophische Weise mit seiner Identität und Herkunft – machte er auch deutlich durch die gewählte Präsentationsform. Nachdem er zuvor meistens alleine mit Gitarre angetreten war, gab es dieses Mal noch ein Computer-Setup, mittels dessen er mit einem Mini-Keyboard, Sampler und/oder Loopstation elektronische Sounds, Samples, Soundbanks und rhythmische Effekte abrief.
In der Mitte der Bühne stand dann ein einsamer Mikro-Ständer, den Fabrizio – wie gewohnt – impulsiv und mit fast spiritueller Intensität „umspielte“. Wenn er dann ans Mikro trat, um die Songs zu erläutern bzw. die Lyrics mit geschlossenen Augen und immenser Inbrunst verkörperte, dann tat er das ohne performerische Effekte wie z.B. Kunstnebel oder Lightshow. Einzug illuminiert von weißen Strahlern links und rechts der Bühne – die wohl die dichotomische Qualität des erzählerischen Konzeptes von „Insularities“ repräsentieren sollten – bot Fabrizio eine faszinierende No-Nonsense-Performance, die die Intensität seiner früheren Gastspiele in der Wohngemeinschaft noch einmal toppte. Das war dann ebenso effektiv wie wagemutig – denn Fabrizios Publikum besteht aus eher älteren, gesitteten Musikfreunden, die (dem Aussehen nach) gar nicht auf der Suche nach musikalischer Konfrontation waren.
Nachdem Fabrizio – wie gesagt entgegen seiner Gewohnheiten – nicht kommentarlos ins Geschehen eingestiegen war, sondern zunächst mal das Insel-Prinzip erläutert hatte (nachdem jeder Mensch eine Insel für sich sei und darüber hinaus die Option in sich trägt, andere Inseln in seine Welt zu integrieren und sich mit diesen auszutauschen), gab es dann jede Menge markanter Highlights, die den Vortrag deutlich von einer archetypischen Folk-Show absetzten. Da waren zum einen Fabrizios Einlagen mit der Elektronika. Nach der Show berichtete Fabrizio, dass das Experimentieren mit elektronischen Sounds für ihn auch etwas Neues sei – und er vor allen Dingen Wert darauf gelegt habe, organisch zu agieren. Das gelang ihm, indem er nicht etwa einfach Synthesizer spielte, sondern Geräusche, Effekte und Samples mit organischen Sounds abrief – so gab es Mellotrom- und Orgel-Sounds ebenso zu hören wie abstrakte Soundbytes oder aber opulente Soundtrack-Emulationen mit Chören und Orchestern – und auch ein paar Beats. Was die rhythmische Akzentuierung betraf, so leistete er das allerdings eher live, indem er sein – eh schon rhythmisches Gitarrenspiel – durch Klopfen und harte Anschläge ergänzte.
Das Programm bestand überwiegend aus den Songs der neuen LP – die Fabrizio naturgemäß sehr liberal und viel improvisatorischem Talent präsentierte und deren Hintergründe er dann entsprechend erläuterte. So zum Beispiel im Fall des Songs „Água e Sal“ (Wasser und Salz), den er teils auf portugiesisch vortrug. Hier geht es darum, dass Fabrizio bei einem Aufenthalt auf der Insel Acudi (wo er eigentlich den Tod eines Freundes betrauern wollte) auf Marina aus São Paulo traf – einer Frau voller Licht und Geheimnisse, wie Fabrizio erklärte.
Abgerundet wurde das Programm dann mit einigen ausgewählten älteren Tracks, die Fabrizio besonders am Herzen liegen. So etwa dem Song „Come And Leave A Rose“ von seinem 2017er Album „Of Shadows“, den er geschrieben hatte, nachdem er erfahren hatte, als sein Idol Prince verstorben war. Den Song garnierte er dann mit einem grandiosen Gitarren-Solo – und einer Strophe von Princes „Purple Rain“ – was nur selten geschehe, wie er sagte. Und da war natürlich auch wieder das abschließend gegebene „La Llorona“ – ein spirituell/mythologisches Traditional, das er bei einem Mexico-Aufenthalt kennenlernte und das er seit 2016 bei jedem seiner Konzerte mit Hingabe darbietet. Laut Fabrizio ist das der wichtigste Song in seinem Oeuvre (und wohl auch sein Lieblingssong). Das mochte man angesichts der emotionalen Performance dann auch gerne glauben.
Kurzum: Fabrizio Cammarata 2026 erschien in Köln sowohl konzeptionell runderneuert wie auch mit der gleichen manischen Intensität und Ernsthaftigkeit, die man von dem sympathischen musikalischen Querdenker seit jeher gewohnt ist.























