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Soeben veröffentlichte die aus Los Angeles stammende Songwriterin Haylie Davis ihr Debüt-Album „Wandering Star“. Es gibt einen hinreißenden Mix aus Cosmic-American-Flair, Country-Vibes, Folk-Sounds und einer Prise hippiesker Psychedelia, die Haylie darbietet, als sei sie schon seit den 70er Jahren im Geschäft. Das kommt nicht von ungefähr – denn Haylie Davis ist kein unbeschriebenes Blatt. Mit ihrem früheren Pseudonym Lady Apple Tree war sie unter ihrem Mädchennamen Haylie Hostetter schon seit längerem in der in den letzten Jahren besonders produktiven neuen Laurel Canyon-Szene aktiv, in der sich Musiker in einem lockeren Verbund zusammengefunden haben – mit dem gemeinsamen Ziel, die Tugenden der ursprünglichen Westcoast-Sounds der 70er Jahre auf möglichst ursprüngliche Weise in die Jetztzeit zu tragen.
Zu dieser „Szene“ gehören Acts wie Michael Collins mit seinem Projekt Drugdealer, Ben Schwab und sein Projekt Sylvie, der Songwriter Sam Burton, seine Kollegin Marina Allen und assoziierte Gäste wie Natalie Mering (Weyes Blood) oder Kate Bollinger sowie Alex Amen, der – wie Haylie Davis – dieser Tage ebenfalls sein Solo-Debüt-Album vorlegt. Mit ziemlich vielen dieser Musiker ist Haylie Davis bestens verbunden. So tourte sie beispielsweise als Support von Weyes Blood auch schon in unseren Breiten, sang bei Drugdealer und Sylvie mit und arbeitete auch mit Sam Burton und Alex Amen zusammen, die beide nun auch auf ihrem Album „Wandering Star“ zu Gast sind.
Was fasziniert Haylie Davis – als jüngere Frau – an dieser Art von Musik, deren Ursprünge letztlich ja in einer vergangenen Epoche zu finden sind?
„Für mich liegt der größte Reiz im Songwriting dieser Ära – das bis heute unübertroffen ist, wie ich finde“, meint Haylie, „traditionelle Folk- und Country-Songs können ja sogar noch älter sein. Ich denke da an die Carter-Family und solche Sachen. Natürlich gibt es auch heute noch gute Songs – so ist das ja nicht –, aber ich mag halt das klassische Format des Songwritings und wie echt sich das anhört.“
Vielleicht liegt das ja daran, dass die früheren Traditionals nicht für bestimmte Leute geschrieben wurden und somit offener für die Interpretation sind als solche, die für bestimmte Stars geschrieben wurden?
„Für jedermann, meinst du?“, fragt Haylie, „da stimme ich zu. Ich mag aber beide Ansätze. Ein direktes Gegenteil für Traditionals sind zum Beispiel Joni Mitchells Songs. Einige davon können zwar universellen Charakters sein – aber viele sind so tiefgehend persönlich, dass sie zum Beispiel nicht von anderen gespielt werden können. Auf der anderen Seite sind dann aber Leute wie Carol King, die Songs schreiben, die so breit angelegt sind, dass sie jeder singen kann. Ich mag aber beides. Ich mag es also auch, Songs zu schreiben, wo du genau weißt, was ausgesagt wird. Das ist dann ein einfacher, direkter Ansatz, den ich auch bei der Country-Musik schätze.“
Wie funktioniert Musik denn für Haylie Davis? Wie arbeitet sie damit? Lässt sie sich von der Musik leiten und inspirieren?
„Ich lasse mich total von der Musik leiten“, verrät sie, „ehrlich gesagt versuche ich sogar, mich davon etwas zu lösen und absichtlich zu versuchen, einen Song über ein bestimmtes Thema zu schreiben. Leider funktioniert das für gewöhnlich aber nicht für mich. Ich tendiere dazu, mich hinzusetzen und auf der Gitarre vor mich hinzuspielen – was ich regelmäßig mache. An manchen Tagen habe ich Glück und stoße auf irgendetwas und an manchen Tagen meißele ich vor mich hin ohne auf etwas zu stoßen. Dieser Prozess ist für mich ziemlich geheimnisvoll – aber auch irgendwie magisch.“
Auf der anderen Seite scheint Haylie aber nicht nur auf unterbewusste Elemente zurückzugreifen und auf die Magie des Moments zu hoffen, sondern wird an anderer Stelle sogar recht konkret – wenn es zum Beispiel darum geht, in Songs wie „Golden Age“ das von Trump angesprochene Sehnen nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit anzusprechen.
„Ehrlich gesagt, war das gar nicht meine Intention“, schmunzelt Haylie, „aber natürlich habe ich gehört, wie er diesen Begriff verwendete. Und natürlich ist es angsteinflößend zu hören, wie er ein ‚Goldenes Zeitalter‘ adressiert, denn was er darunter versteht, ist ja nicht das, was wir erleben. Wenn ich ihn davon reden höre, macht mir das Angst, denn es ist ja gerade ziemlich schwierig, in Amerika zu leben – es geht hier gerade ziemlich ruppig zu. Definitiv hat also mein Song ‚Golden Age‘ tatsächlich einen politischen Aspekt.“
Naja, es ist ja auch bei uns nicht leicht – aber wir haben dann obendrein noch mit Trumps Weltenwahn zu tun. „Ja, das ist wohl richtig“, meint Haylie, „irgendwie müssen alle mit ihm zurechtkommen. Ist schon unglaublich. Alle haben zu kämpfen, die Spaltung der Welt war noch nie so schlimm wie heute, wir als Amerikaner müssen direkt für Kriege und Völkermorde bezahlen – ich weiß nicht: Es ist ein komplettes Chaos. Musik ist da schon ein gutes Mittel, irgendwie damit umgehen zu können.“
Was bedeutet ein goldenes Zeitalter oder eine goldene Stunde denn für Haylie persönlich?
„Naja, es gibt hier schon den politischen Aspekt. Aber für mich fühlt es sich einfach an, als lebten wir gerade in der Zukunft. Oder wir leben in Erwartung der Zukunft. Und wir haben ja alle eine bestimmte Vorstellung davon, wie die Zukunft aussehen sollte. Wir sind da schon recht fortgeschritten, haben die Technologie und eigentlich alle Annehmlichkeiten direkt zur Hand. Wir leben in einem Zeitalter des Überflusses. Du kannst in den Supermarkt gehen und jede Sorte von Nahrung kaufen, die bereits für dich zubereitet ist. Du kannst online alles bestellen, was du willst. Wir leben also eigentlich bereits in einem goldenen Zeitalter – aber das ist doch eher ironisch, oder? Denn wir haben ja diesen ganzen Überfluss und trotzdem ist alles so schwierig, denn die Spaltung ist groß und der Kampf um alles ist real. Und das ist es, worüber ich dann schreibe.“
Bedeutet das dann vielleicht im Umkehrschluss, dass es Elemente der Utopie oder des Eskapismus in Haylies Musik gibt? „Na klar“, meint sie, „ich habe zwar noch nicht konkret darüber nachgedacht, aber ich meine schon, dass Musik zu schreiben und zu spielen für mich schon eine eskapistische Methode darstellt – vielleicht indem ich mein Leben so romantisiere? Das hält mich irgendwie am Laufen.“
Gilt das dann auch für Songs wie „Lily Of The Valley“ – in denen Folklore und Mythologie zusammenkommen?
„Ja, ich habe das schon mal ausgeführt, dass es in diesem Song um eine archetypische Referenz an Maria Magdalena geht, die am Grabe Jesu weint. Ich will hier keine religiöse Agenda befeuern – mehr auf die Themen eingehen, die sich so evozieren lassen. Als Maria Magdalena weinte, wuchsen Blumen an der Stelle, an der ihre Tränen fielen – und das sind die Maiglöckchen im Titel des Liedes. Dieses Bild symbolisiert einen Kampf darum, etwas Reales zu verlieren. Das ist natürlich ein eskapistisches Thema – beispielsweise von etwas oder jemandem errettet zu werden, was dann nicht möglich ist.“
Wie geht es denn musikalisch weiter für Haylie Davis?
„Zunächst mal muss ich sagen, dass ich ziemlich kontinuierlich schreibe“, führt sie aus, „ich habe so ein umfangreiches Songbook aufgebaut. Auf der einen Seite würde ich mich gerne mit diesen Songs auseinandersetzen und sie aufnehmen – aber da gibt es eine andere Seite von mir, die mich dazu drängt, einfach mal nach Nashville zu gehen und da eine Country-Scheibe aufzunehmen. Das erscheint mir erstrebenswert: Einfach mal Songs für ein solches Projekt zu schreiben und dann dabei zu bleiben. Das sind also diese beiden Sachen, über die ich gerade nachdenke. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt.“
„Wandering Star“ von Haylie Davis erscheint auf Fire Records/Cargo.




