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Entschleunigt, intim, elegant: Auf seinem ausgezeichneten neuen Album „Roses“ findet das New Yorker Duo Widowspeak ganz ohne große Gesten zwischen wohliger Melancholie und cineastischer Wärme neue Facetten in seinem charakteristischen Sound aus staubigem Americana, sanftem Dream-Pop und verträumtem Psych-Folk. Molly Hamilton und Robert Earl Thomas sinnieren über die Vergänglichkeit der Zeit und die Schönheit im Alltäglichen und laden ihre Hörerinnen und Hörer dazu ein, sich für einen flüchtigen Moment in bittersüßer Nostalgie zu verlieren.
Für Molly Hamilton und Robert Earl Thomas war ihre Band noch nie wirklich ein Karrieresprungbrett. Vielmehr ist Widowspeak für die beiden liebenswerten, seit etwas mehr als zwei Jahren auch verheirateten Masterminds nicht mehr und weniger als ein Teil ihres Lebens. Zweifelsohne ein sehr wichtiger Teil, aber eben auch längst nicht der einzige.
Nicht zuletzt deshalb setzen sich Widowspeak auf „Roses“, ihrem inzwischen siebten Album, intensiv mit der Frage auseinander, was es bedeutet, wenn das Leben und speziell die Trivialität des Alltags Spuren hinterlässt. Während sie beim Vorgänger „The Jacket“ im Jahre 2022 auf einen konzeptionellen Überbau zurückgegriffen hatten, um die Monotonie des Pandemie-Lockdowns auszuhebeln, kreist „Roses“ inhaltlich um wiederkehrende Rituale und Routinen. Wenn die beiden nicht gerade auf Tournee sind, gehen sie Jobs abseits der Band nach. Hamilton arbeitet in einem Restaurant, Thomas als Tischler, und das schlägt sich auch auf ihr künstlerisches Tun nieder.
„Wir schreiben ständig Songs, aber wir arbeiten sehr projektbezogen“, erklärt Hamilton beim Videocall mit Gaesteliste.de „Wenn wir ein Album aufnehmen, ist das so, als würden wir in unsere eigene Welt eintauchen. Dabei wird gewissermaßen ein bestimmter Abschnitt unseres Lebens festgehalten. Gleichzeitig lebe ich aber mein Leben nicht nur wegen meiner Arbeit im Restaurant auf eine Art und Weise, bei der die Band nicht unbedingt im Mittelpunkt steht. Ich glaube, das gibt uns eine gewisse Perspektive. Ich denke, die Alben entstehen gewissermaßen aus einem sehr puristischen, nicht-geschäftsbezogenen Blickwinkel heraus.“
Genau das ist seit mehr als 15 Jahren das Erfolgsgeheimnis der Band. Während viele ähnlich inspirierte Acts sich in der vagen Hoffnung auf den ersehnten kommerziellen Erfolg verbiegen und ihre künstlerischen Ambitionen kompromittieren, genießen Widowspeak die Freiheit, ihrer Muse zu folgen und genau die Platten zu machen, die ihnen vorschweben. Nichts könnte das besser beschreiben, als wenn Thomas sagt: „Das Musikmachen ist immer noch mein größtes Hobby, und das macht mich sehr glücklich.“
Seit Anfang der 2010er-Jahre sind Widowspeak nun schon nicht nur eine der bodenständigsten Bands im Indie-Universum, sondern auch eine der besten. Von den Kritikerinnen und Kritikern schon seit ihrem selbstbetitelten Debütalbum im Jahre 2011 gefeiert, haben sich Hamilton und Thomas seitdem eine beachtliche Fangemeinde erspielt, die wie die zwei begriffen hat, dass wahre Beständigkeit oft viel lauter nachhallt als kurzlebige Trends und ein künstlerisches Strohfeuer. Lieber verlassen sich Widowspeak deshalb darauf, dass ihre Songs und Platten ein Eigenleben entwickeln.
„Wir haben genug Platten aufgenommen, um nun sagen zu können: Es ist nur ein Album, wir werden noch ein weiteres machen“, erklärt Thomas. „Das heißt natürlich nicht, dass es uns egal ist, aber im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass es besser ist, wenn die Musik aus sich selbst heraus entsteht. Man sollte nicht versuchen, etwas zu erzwingen, weil man bestimmte Vorstellungen im Kopf hat. Stattdessen sollte man einfach den Dingen ihren Lauf lassen, auf dieser Grundlage gute Entscheidungen treffen und schauen, was dabei herauskommt.“
Dieses Vertrauen in den Prozess liegt in jahrelanger Erfahrung, aber auch im blinden Verständnis zwischen Hamilton und Thomas begründet. Ohne je altbacken zu wirken, sind die Lieder auf „Roses“ durchdrungen von einem Gefühl der Vertrautheit und Verbundenheit, das man bei Bands, die sich lediglich einmal die Woche im Proberaum treffen, nur selten spürt. Daher konnten Widowspeak dieses Mal auch etwas mehr Zeit zwischen zwei Platten vergehen lassen, ohne Gefahr zu laufen, vom einmal eingeschlagenen Weg abzukommen.
„Wir haben uns für dieses Album etwas mehr Zeit genommen, einfach weil so einiges in unserem Leben passiert ist“, erklärt Hamilton. „Wir haben nach wie vor einen Proberaum und schreiben eigentlich ständig neue Songs. Es dauert inzwischen nur länger, bis wir uns bereit fühlen, diese Stücke zu einem Album zusammenzufügen – das Tempo ist nicht unbedingt langsamer, aber wir gehen die Sache heutzutage bewusster und methodischer an.“
Der Grund dafür, dass für Hamilton und Thomas ihrer beeindruckenden Beständigkeit zum Trotz nichts mehr ist, wie es einmal war, krabbelt bei unserem Interview immer wieder ins Bild – ihre neun Monate alte Tochter Peggy.
Die Songs auf „Roses“ entstanden zwar vor der Geburt der Kleinen, hier und da scheinen sich Hamilton und Thomas aber schon mit den bevorstehenden Veränderungen in ihrem Leben auseinanderzusetzen. Der herrliche Opener „If You Change“ zum Beispiel thematisiert die tiefsitzende Angst vor Veränderung und wirft die Frage auf, warum wir oft versuchen, Situationen oder Gegenstände krampfhaft im unberührten Zustand festzuhalten. In den Lyrics plädiert Hamilton dafür, das Leben aktiv zu leben und eine gewisse Abnutzung als Lauf der Dinge zu akzeptieren.
„Ein Kind zu haben schürt in mir die Vorfreude, all die schönen Dinge, die es immer noch gibt, durch die Augen von jemand zu betrachten, der sie zum allerersten Mal erlebt“, sagt sie. „Mir ist klar, dass es vieles, was ich früher geliebt habe, heute nicht mehr gibt. Aber obwohl es okay ist, dem Vergangenen nachzutrauern, ist es doch auch aufregend, dass neue coole Dinge passieren und es neue Wege gibt, sich durch die Welt zu bewegen!“
Gleichzeitig gibt es auf der neuen Platte eine Reihe Songs, die mit lebendigem Storytelling glänzen und dabei oft eng mit Hamiltons alltäglicher Arbeit als Bedienung verbunden sind. „Wondering“ oder „Actor“ beschwören Bilder und Stimmungen herauf, die gut und gerne auch aus einem Film mit Harry Dean Stanton aus den 80ern stammen könnten, und kontrastieren die profane Restaurant-Arbeit mit dem Wunsch nach zwischenmenschlicher Verbindung. Hamilton konzentriert sich dabei aufs Storytelling, anstatt wie auf den Frühwerken der Band ihre innersten Gefühle vor dem Publikum auszubreiten.
„Ich denke, ich habe inzwischen eine gesundere Sicht auf meine Texte, wie ich sie angehen will und was ich sagen möchte“, sagt sie. „Ich denke inzwischen mehr darüber nach, wie ich Szenen beschreiben und meine Beobachtungen detailliert schildern kann. Das ist etwas, auf das ich mich schon bei den letzten Platten konzentriert hatte, anstatt meine emotionalen Gedanken zu teilen. Es geht eher darum, eine Szene lebendig werden zu lassen. Ich glaube, Rob greift das auch auf und baut die Songs darum herum auf. Ich denke, dass die Arbeit und ein geregelter Lebensrhythmus, der nichts mit Musik zu tun hat, mir wirklich neue Perspektiven eröffnet haben. Das hat dazu geführt, dass mir bewusster ist, was sich lohnt zu sagen.“
Gleichzeitig hat Hamilton das Gefühl, dass ihr die Arbeit im Restaurant dabei hilft, ihre Sozialkompetenz zu trainieren. „Manchmal bin ich ein wenig ängstlich und zurückhaltend, und ich glaube, die Arbeit in einem Restaurant zwingt mich dazu, auf eine Art und Weise gesellig zu sein, die nicht an mich als Person gebunden ist“, sagt sie. „Es sind einfach kleine Interaktionen, und ich denke, das ist wirklich gut für mich. Ich schmore dann weniger im eigenen Saft. Kleine Dinge an Menschen wahrzunehmen und sogar nur der Akt des Bedienens, die Idee, Menschen Dinge zu bringen – da ist einfach eine Art Rhythmus oder eine Choreografie, die sich wirklich simpel anfühlt, aber meinem Tag Struktur gibt.“
Eingespielt wurde „Roses“ mit Unterstützung von Willy Muse, John Andrews und Noah Bond – allesamt langjährige Mitglieder der Widowspeak-Touring-Band – in der Abgeschiedenheit einer ehemaligen Teppichfabrik auf der griechischen Insel Hydra, wo einst auch Leonard Cohen Inspiration fand..
„Wir sind auf das Studio aufmerksam geworden, weil dort in den letzten Jahren immer mehr Bands zu Gast waren“, erklärt Hamilton. „Uns wurde klar, dass es gar nicht so viel schwieriger war, die Band dorthin zu bringen, als für die Aufnahmen in New York zu bleiben. Logistisch gesehen ging es also nur darum, den Entschluss zu fassen und die Flüge zu buchen.“
„Wir lieben beide das Mittelmeer und Europa im Allgemeinen“, fährt Thomas fort. „Am Ende unserer letzten Europatournee haben wir einen kleinen Urlaub in Athen gemacht und wussten, dass wir ein destination album machen wollten – auch wenn wir nicht unbedingt gesagt haben, dass es in Griechenland sein musste. Wir sprachen einfach über einen Ort, um die Platte aufzunehmen, und dann kam uns dieses Studio in den Sinn, und von da an ging alles ganz schnell. Wir hatten bereits zugesagt, bevor wir überhaupt bereit waren.“
Geprägt von der intimen Stimmung der malerischen Kulisse ist ein zutiefst menschliches, entschleunigtes Werk entstanden, das ohne glatte Pop-Gimmicks oder künstliche Höhepunkte auskommt und stattdessen die Kraft des ehrlichen Songwritings und die Magie des warmen, analogen Klangs in den Mittelpunkt rückt.
„Das Leben auf der Insel ist einfach unglaublich“, verrät Thomas. „Es ist fast wie im Mittelalter. Es gibt nur Esel, keine Autos, und da es Nebensaison war, gab es auch nicht viel Tourismus. Der Lebensstil, das Tempo und die Abgeschiedenheit haben das Album definitiv beeinflusst. Dass es dort einfach wunderschön ist, hat sicherlich eine Rolle gespielt.“
„Ich glaube, das Wichtigste war, dass wir in einem wirklich schönen Raum aufgenommen haben, von dessen Fenstern aus man die Stadt überblicken konnte“, ergänzt Hamilton. „Es ist dort sehr friedlich und es gab kaum Ablenkungen. Wir fünf haben einfach nur zusammen abgehangen und unsere ruhige kleine Auszeit genossen: morgens aufwachen, am Hafen einen Kaffee trinken und dann ab ins Studio für die nächste Session.“
Entstanden sind dabei Lieder, bei denen Hamiltons hauchzarter, sanfter Gesang einmal mehr oft wie ein Nebelschleier über den Arrangements schwebt, während Thomas mit seinen pointierten, psychedelisch angehauchten Gitarrenriffs eine enorme emotionale Tiefe erzeugt. Die Giganten der Vergangenheit – Neil Young, Tom Petty, R.E.M. oder Yo la Tengo leuchten hier bisweilen dezent im Hintergrund – tauchen Widowspeak so in ein neues Licht.
Wo andere Bands glauben, sich mit jeder Platte neu erfinden zu wollen, hat man bei Widowspeak das Gefühl, vor einem Gesamtkunstwerk zu stehen, bei dem mit jeder neuen Platte ein anderes Detail herangezoomt wird. Ihre Alben fühlen sich deshalb stets neu an, obwohl sie spürbar aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Die Musik war zwar gewissermaßen schon immer eine andere Art der Konversation zwischen Hamilton und Thomas, dennoch darf man dieses Mal aber das Gefühl haben, dass sich die Songs auf „Roses“ durch eine engere Verbindung zwischen Form und Inhalt, zwischen Text und Musik als je zuvor auszeichnen.
„Da stimme ich voll und ganz zu“, sagt Hamilton. „Dieses Mal habe ich einen Großteil der Texte tatsächlich erst im Studio fertiggestellt. Ich habe bis zum Schluss noch kleine Änderungen vorgenommen und versucht, alles ganzheitlicher wirken zu lassen und die Texte besser miteinander zu verknüpfen. Außerdem hatten wir dieses Mal auch einfach mehr Zeit, uns damit auseinanderzusetzen.“
Den Aufnahmen ging eine intensive Probenphase mit den beteiligten Musikern voraus, die teils schon ein Jahrzehnt lang zum Kreis der Widowspeak Tour-Band gehören, während Hamilton weiter an den Texten feilte. „Die Songs sind im Proberäumen gewachsen, und dann haben wir das einfach ins Studio übertragen und aufgenommen“, erinnert sich Thomas. „Es gab dieses Mal keine Trennung zwischen Vorbereitung und Umsetzung.“
Trotz der ausgiebigen Proben war Perfektion kein Ziel bei den Sessions. Im Gegenteil, „Roses“ ist bewusst unvollkommen und setzt stattdessen auf empathisch eingefangene Spielfreude und klangliche Authentizität. Kleine Fehler bei Hamiltons Gesangsaufnahmen waren durchaus erlaubt, um das Ergebnis menschlicher wirken lassen, während Thomas bei seinen Gitarrenparts oft das Gefühl wichtiger war als technische Präzision.
„Der Aspekt der Live-Performance lag uns schon immer sehr am Herzen“, verrät Thomas. „Deshalb war es uns wichtig, es so hinzubekommen, dass sich alles spontan anfühlt und man merkt, dass die Leute wirklich ihre Instrumente spielen, anstatt es einfach nur zusammenzubasteln – was nicht gegen andere Musikstile oder andere Arten der Plattenproduktion gerichtet ist. Es war cool, das zu machen, und ich bin dankbar dafür, dass die Platte deshalb diesen Stegreif-Charakter hat.“
Im Sommer gehen Widowspeak in den USA auf Tournee, im November und Dezember stehen Auftritt in Europa auf dem Plan – München, Berlin und Hamburg inklusive. Es wird die erste Tournee sein, die Widowspeak mit Kind und Kegel bestreiten. Auch wenn sich in der Theorie eine Nanny um das Töchterchen kümmern soll, wenn die zwei auf der Bühne stehen, ist das ein Unterfangen, dem die zwei mit einer Mischung aus freudiger Erwartung und angebrachter Skepsis entgegensehen.
„Wir sind einfach dankbar, überhaupt hier zu sein, und auf Tour zu gehen und die neuen Songs live zu spielen, wird eine großartige Erfahrung sein“, sagt Hamilton. „Dass mit dem Baby zu machen, sie im Tourbus mitzunehmen, können wir vielleicht nicht auf lange Sicht oder zumindest nicht regelmäßig machen. Vielleicht werden wir in Zukunft weniger oder anders touren als früher, aber ich wünsche mir, dass wir so lange wie möglich weitermachen können. Ich hoffe, Peggy kommt gut mit dem Touren zurecht und es wird kein allzu stressiges Jahr für uns alle!“
Bleibt ganz zum Schluss noch die Frage, welche Träume für Widowspeak in der Zukunft noch in Erfüllung gehen sollen. „Einer meiner Lieblingsaspekte des Banddaseins ist das Touren“, erklärt Thomas. „Deshalb möchte ich vor allem gern an Orte reisen, an denen wir noch nie waren.“ – „Ich würde gern mal nach Australien“, verrät Hamilton, bevor Thomas den Faden wieder aufnimmt. „Ich würde gerne Zeit in Südamerika und Asien verbringen, denn dort waren wir noch nie. Das Unterwegssein ist ja sozusagen der größte Vorteil, wenn man in einer Band und kein Millionär ist!“ – „Weil wir die Platte auf Hydra aufgenommen haben, wäre es auch wirklich cool, in Athen aufzutreten“, ergänzt Hamilton.
Abgesehen davon geht es den beiden aber vor allem um Beständigkeit und Langlebigkeit. „Ich will nicht zu pessimistisch klingen, aber es wäre schon schön, wenn wir nicht aufhören müssten“, sagt Thomas am Ende unseres Gesprächs. „Es gibt viele Dinge, die einem im Weg stehen. Es ist nicht leicht, eine Band zu sein, und dann gibt es auch finanzielle und familiäre Belange. Deshalb geht es mir vor allem darum, sicherstellen, dass wir weitermachen und noch sieben weitere Alben aufnehmen können!“
„Roses“ von Widowspeak erscheint auf Captured Tracks/Cargo.




