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Gut Ding will Weile haben! Nach diesem Prinzip ging Lina „Brocki“ Brockhoff vor, um das nun vorliegende Debütalbum „Easy Peeler“ ihres Projektes Brockhoff sehr gründlich vorzubereiten, anstatt sich überstürzt in das Unternehmen als Rockmusikerin zu stürzen. Ähnlich wie ihre Kollegin und Freundin Philine Sonny (die mit ihr und Shelter Boy übrigens die gemeinsam geschriebene Single „Back Then (I Was Something)“ auf ihrem Debütalbum „Virgin Lake“ veröffentlichte), nahm sie sich viel Zeit, zunächst mal über ihre Präsenz als Live-Musikerin und dann mit der Veröffentlichung diverser Single-Tracks, die dann auf den beiden EPs „Sharks“ und „I Stopped Getting Chills For A While Now“ zusammengefasst wurden, einen für sie geeigneten Sound herauszuarbeiten. Für die Produktion der LP „Easy Peeler“ nahm sie sich dann eine Auszeit, um das Material in Ruhe finalisieren und produzieren zu können.
Dass sich dieser gesamte Prozess über mehrere Jahre hinzog, liegt auf der Hand – lohnte sich aber insofern, als dass das fertige Album nun wie aus einem Guss daherkommt; was unter anderem daran gelegen hat, dass Brockhoff das Material nicht – wie bis dahin – Song für Song austarierte und produzierte, sondern in einem Rutsch mit ihrer Tourband live im Studio einspielte. Dabei ließ sie sich produktionstechnisch von Christian Hartung unter die Arme greifen ließ, mit dem zusammen sie auch einige Tracks des Albums schrieb und das druckvolle, erstaunlich raue Sounddesign austüftelte. Dabei ließ sich Brockhoff von einer ganzen Riege von Künstlerinnen wie Phoebe Bridgers, Snail Mail, Soccer Mommy, Momma, Blondshell, oder Wolf Alice inspirieren – was dann zu einem erstaunlich erdigen, extrem gitarrenlastigen Rock-Sound führte, der erneut belegt, dass es Brockhoff nicht daran gelegen ist, sich mit gefälligen Pop-Sounds dem Mainstream anzubiedern. Dass das Album bereits im letzten Jahr fertiggestellt wurde, aber erst jetzt erscheint, hat lediglich konzeptionelle und promotechnische Gründe (Brockhoff macht eben alles sehr gründlich) – hat aber auch zur Folge, dass sie bereits jetzt an ihrem zweiten Album arbeitet.
Tatsächlich war Brockhoff ja in der ganzen Zeit auch ständig präsent und ließ somit die Fans dann quasi an ihrer musikalischen Entwicklung teilhaben. Blieb denn da überhaupt noch Zeit, neue Songs zu schreiben? Was war denn dann bei dem Album-Projekt das Ausschlaggebende? „Es war mir halt wichtig, dass ich mir einen kleinen ‚Space‘ geschaffen habe, in dem ich ein bisschen frei war von Meinungen von außen und von Social Media und Promo-Arbeit, um mich wirklich nur auf das Musik-Machen konzentrieren zu können“, berichtet Brockhoff, „Ich bin auch total stolz darauf, dass ich das auch tatsächlich geschafft habe. Deswegen hat das alles auch entsprechend ein bisschen länger gedauert – weil es mir wichtig war, dass ich das Album erst in einer Phase machen wollte, in der ich mehr kreative Freiheit hatte.“
Als junge Künstlerin, die sich in einem Bereich wie dem Indie-Pop/Rock-Genre etablieren möchte, braucht es ja eine Menge Durchsetzungsvermögen. Es ist ja stets eine heikle Sache, wenn man das, was man am liebsten macht, zu seinem Beruf macht – weil dadurch der Druck entsteht, etwas machen zu müssen, was man lieber freiwillig gerne getan hätte. Hat dieser Druck Brockhoff dann vielleicht auch geholfen, ihre Songs fertigstellen zu können? „Nein“, meint sie, „ich kann eigentlich nur dann kreativ sein, wenn ich mich langweile. Deswegen war es ja auch so wichtig, mir für die LP dann eine Auszeit zu nehmen.“
Mit dem ganzen Prozess zwischen Social-Media Dauerpräsenz, ständigen Touren und der Notwendigkeit, immer wieder in Promo-Aktivitäten für die jeweils anstehenden Veröffentlichungen verwickelt zu werden, kamen Brockhoff irgendwann Zweifel, ob das ganze System so richtig für sie sei. Dabei stand zum Glück nie ihre Entscheidung, sich als Musikerin verwirklichen zu wollen, in Frage – aber wie ist sie denn mit dieser Situation umgegangen? „Mich hat dann gerettet, Songs über die ganze Situation zu schreiben“, führt sie aus. „der Song ‚Easy Peeler‘ handelt davon und ist dann auch der Titel und das Symbol für das Album geworden. Auch mit dem Song ‚Sunny Days (Deadline)‘ behandele ich dieses Thema.“
Woher kommt denn die Idee mit dem „Easy Peeler“? „Der ‚Easy Peeler‘ steht für eine Clementinen-Art, die sich leicht schälen lässt“, führt Brockhoff aus. „im übertragenen Sinne geht es darum, sich zu trauen, sich sensibel zu zeigen und emotional zu sein – weil das ja eigentlich auch die Wurzel des Kreativ-Seins ist. Das ist es, was mich gerettet hat – dass ich nämlich erkannt habe, dass das positive Eigenschaften sind. Deswegen ist Musik für mich auch voll eine Art von Therapie, über die ich so etwas verarbeiten kann. Ich hatte zuvor nämlich schon häufig das Gefühl gehabt – besonders in der Phase, wo ich mich nicht so wohl gefühlt hatte –, dass es zu meinem Nachteil ist, wenn ich zu sensibel bin, dass ich mir schnell Sachen zu Herzen nehme, dass ich zu schnell gestresst bin, wenn es zwischenmenschliche Konflikte gibt. “
Unter dem Strich ist ‚Easy Peeler‘ dann also trotz seiner zuweilen nachdenklichen Tendenz auch irgendwie ein Statement in Sachen Empowerment geworden, oder? „Das würde ich schon sagen – weil der ‚Easy Peeler‘ einen eben empowert, sich sensibel zu zeigen und dass das keine negative Eigenschaft ist. Man muss ja einfach auch sagen, dass es insbesondere Frauen oft zugeschrieben wird, zu sensibel oder gar hysterisch zu sein. Ich finde es unglaublich wichtig, dass diese Sachen eben nicht als negativ dargestellt werden, sondern als Stärke. Die Leute sollen sich ermutigt sehen, sich auch sensibel zu zeigen.“
Als Brockhoff ihre Laufbahn als Songwriterin begann, geschah das noch auf eher folkiger Basis. Seit sie als Solo-Künstlerin aber mit einem Band-Sound agiert, geht die Sache konsequent in eine rockige Richtung. War das von Anfang an der Plan? Und ging es dann vielleicht auch darum, die Energie, die Brockhoff mit ihren jeweiligen Musikern auf die Bühnenbretter bringt, dann auch im Studio zu reproduzieren und einzufangen? Die Idee, mit den Musikern live im Studio zu arbeiten, lässt das zumindest vermuten.
„Ja schon“, führt Brockhoff aus, „wir haben ja einige der Songs schon länger im Live-Set gehabt und deswegen war es für mich dann auch ganz natürlich, diese mit der Band einzuspielen, weil wir ja schon ein Gefühl dafür entwickelt hatten, wie wir die Songs live spielen konnten. Es ist für mich auch etwas besonderes, wenn man gemeinsam im Raum spielen kann und alle Songs gemeinsam durchspielt. Da kann man dann viel mehr das Konzept und den Sound des ganzen Albums erfassen, als wenn man Song für Song bearbeitet und die Musiker, die auf dem Song spielen, nacheinander kommen. Wenn man die Magie im Raum einfangen kann, macht es die Sache noch mal ganz besonders.“
Hat „Wut“ als Emotion dabei vielleicht auch eine Rolle gespielt? Denn zuweilen wird es ganz schön laut. „Ja, also Wut ist sicherlich auch eine Emotion, die mit auf das Album eingeflossen ist“, führt Brockhoff aus, „ich würde das aber nicht als Hauptanliegen bezeichnen. Aber klar: Wut ist ja schon eine Emotion, die man nicht super selten fühlt – auch wenn es sie in verschiedensten Formen gibt – und auf jeden Fall lasse ich die auch schon in mein Songwriting mit einfließen. Das hört man dann sicherlich auch im Song – auch wenn das gar nicht absichtlich so eingebracht wurde.“
Inzwischen hat Brockhoff offensichtlich gelernt, mit den Drucksituationen im Rock-Biz umzugehen – nicht zuletzt, indem sie die vermeintlichen eigenen Schwächen als Stärken interpretierte, indem sie Songs über ihre Situation im Rock-Geschäft schrieb. Nun ist sie – wie gesagt – bereits dabei, an neuem Material zu arbeiten und dabei auch schon ordentlich voran gekommen. Nachdem „Easy Peeler“ veröffentlicht ist, wird Brockhoff aber zunächst mal in mehreren Stufen – erst einmal mit einigen Festival-Auftritten und später im Herbst mit einer Club Tour – das Material auch live präsentieren.
„Easy Peeler“ von Brockhoff erscheint auf Pias Recordings Germany.




