Eine besonders geradlinige Laufbahn hat der britische Songwriter Michael J. Sheehy nun wirklich nicht vorzuweisen. Seit immerhin 30 Jahren ist Sheehy in Sachen Musik unterwegs – und hat dabei (nach eigener Aussage) mindestens drei mögliche Karrieren in den Sand gesetzt. Sein Werdegang als Recording-Artist begann bereits in den 90er Jahren, als er mit der Band Dream City Film Club erste musikalische Ausrufezeichen in Sachen Indie-Rock, Gospel, Blues, Kaputnik-Blues und Noir-Songwriting setzte – allesamt Genres, denen er bis heute im Grunde genommen treu geblieben ist. Es folgte eine – immer wieder von Drogen- und Alkoholproblemen unterbrochene – Laufbahn als Solo-Künstler, dem mit seinem Bruder Patrick McCarthy gestarteten Bandprojekt Miraculous Mule (mit dem der abrasive Blues-Rock zum bestimmenden Thema wurde) und zuletzt als Michael J. Sheehy And The Hired Mourners mit einem losen Verbund befreundeter Musiker. Nebenher beschäftigte er sich immer mal wieder mit experimentellen, teils elektronischen Side-Projects und frönte auch seinem Hobby als DJ.
Nach einem langen Kampf mit Abhängigkeiten aller Art gelang es Sheehy sich aus der selbst verursachten Abwärtsspirale freizuschwimmen und spätestens nach der Geburt seiner Tochter im Jahre 2017 auch auf der musikalischen Seite versöhnlichere Töne anzuschlagen. So stieß er mit dem 2020er Album „Distance Is The Soul Of Beauty“ nach einer zehnjährigen Auszeit den Weg der künstlerischen Aufarbeitung seiner Vergangenheit an, die er 2022 mit dem Album „Old Bones, New Fire“ im Prinzip fortsetzte, denn dieses enthielt eine Sammlung von Blues-Covern, die sich Sheehy thematisch passend zusammengestellt hat.
Nach einer weiteren Pause von sechs Jahren, legt er nun mit seinem siebten Solo-Album „Don’t We All Deserve Some Kind Of Love?“ die eigentliche Fortsetzung des Projektes Vergangenheitsbewältigung fort und präsentiert nun ein Album, das sich an Menschen richtet, „für die das Leben eine Qual ist“ – das er allerdings dieses Mal nicht aus „vom Boden eines halb leeren Glases schöpfte“. Denn obwohl Sheehy in den neuen Songs so ziemlich alle Seinszustände zwischen Sucht, Trauer, Verzweiflung, Verlust und Melancholia anspricht (und zwar mit geradezu biblischer Grandezza), sind es eher die versöhnlichen Gedanken zu Liebe, Erkenntnis und Katharsis, die den Tenor des Albums bestimmen, der dann mit dem Titeltrack und dem als Demo ausgeführten musikalischen Nachsatz „Tiny Blessing“ über die kleinen Freuden des Lebens zu einem positiv gestimmten, lyrischen Abschluss findet.
Sheehy spielte das Album als eine Art Balladensammlung ein – und nahm sich musikalisch insofern noch stärker zurück als auf dem Album „Distance Is The Soul Of Beauty“. Unterstützen ließ er sich dabei von alten Weggefährten – seinem Bruder Patrick, Miraculous Mule Drummer Ian Burns (der hier allerdings eher unterbeschäftigt ist) Violinistin Fiona Brice, die ihm bereits seit 20 Jahren die Treue hält und Sandy Mill als Gastsängerin, die mit ihren Beiträgen die melancholische Grundstimmung mitträgt. Rock und Kaputnik-Blues spielen hier keine Rolle mehr. Stattdessen finden sich transparente Arrangements, die oft von Klavier, Mellotron oder Orgelsounds oder akustischen Folk-Gitarren getragen werden. Musikalisch mäandern Sheehy & Co. dabei durch Psychedelia, Gospel-Seligkeiten, transzendente Van Morrison Gefilde und nachtschattige Darkfolk-Elegien. Als Performer wagt sich Sheehy mit seinem lakonischen Sprechgesang in Bereiche, in denen sich auch Stuart Staples von den Tindersticks oder Leonard Cohen nicht unwohl gefühlt hätten.
Für all jene, die früher Anhänger des ruppigen Sheehy-Sounds gewesen waren, dürfte diese auf elegante und authentisch zurückhaltend inszenierte Scheibe wie ein heilsamer Schock daherkommen – alle anderen können hier einfach bislang ganz ungewohnte Facetten des Meisters entdecken. Was bei all dem aber ausschlaggebend ist, ist der Umstand, dass Sheehy heutzutage mit seiner wilden Vergangenheit abgeschlossen zu haben scheint und mit sich im Reinen ist – was man dem Album dann (trotz aller zur Schau getragenen Schwermut) auch anhört.
„Don’t We Deserve Some Kind Of Love?“ von Michael J. Sheehy erscheint auf Dimple Discs/Indigo.




