Platte der Woche KW 26/2026
Als Taylor Momsen als Schauspielerin kurz davor stand, sich im Mainstream zu etablieren, befreite sie sich in einem Akt der Selbstbestimmung von der durch ihre Eltern aufgezwungenen Rolle, um sich stattdessen ihrer wahren Passion zuzuwenden und sich als Songwriterin, Bandleaderin und Rockmusikerin mit ihrem Projekt The Pretty Reckless zu betätigen. Dass die Sache gut gehen würde, stand damals ja noch in den Sternen, aber bereits mit dem Debütalbum „Light Me Up“ erzielten The Pretty Reckless erste Erfolge – sowohl innerhalb der Metal-Szene, aber auch in den regulären Charts und besonders als Live-Act – oft als Support-Act für Megaseller wie Evanescence, Guns N’ Roses, Marilyn Manson oder Soundgarden. Der Tod Chris Cornells 2017 und jener des Todes des langjährigen Produzenten Kato Khandwala 2018 stellte eine Zäsur für The Pretty Reckless dar, die sie mit der nächsten LP „Death By Rock and Roll“ thematisch verarbeitete.
Wenn nun zwischen dem letzten Album und dem neuen Werk ganze sechs Jahre ins Land gegangen sind, so hat das nicht damit zu tun, dass Taylor Momsen und Co-Songwriter Ben Philips nichts mehr eingefallen wäre, sondern damit, dass die Karriere der Band als umtriebiger Live-Act zwischenzeitlich durch die Decke gegangen ist. Die Tour zur letzten LP musste zwar pandemiebedingt verschoben werden und konnte erst 2022 beginnen. Als sie 2023 mit den Arbeiten an dem neuen Album „Dear God“ beginnen wollten – und einen guten Lauf in dieser Hinsicht verspürten -, wurden The Pretty Reckless von AC/DC eingeladen, als Support auf der „Power Up“-Tour zu spielen. Zwischenzeitlich kam auch noch ein Engagement mit den Rolling Stones dazwischen, mit denen sie in Las Vegas auf der Bühne standen. Was dann zur Folge hatte, dass die Arbeit am Album erst 2025 fortgesetzt und die erste Single „For I Am Death“ – laut Taylor Momsen ein verbindendes Element zwischen der letzten und der neuen Scheibe – veröffentlicht werden konnte.
Wer sich mit der Karriere von The Pretty Reckless auskennt, dem wird aufgefallen sein, dass sich die Band – zumindest was die Studioproduktionen angeht und anders als auf der Bühne – immer mehr vom typischen Metal-Sound der Anfangstage weg entwickelt hat und heutzutage ein immens breites Spektrum an Stilen und Formaten bereit hält. Auf der musikalischen Seite gibt es auf dem neuen Werk nun mit dem besagten „For I Am Death“ einen coolen Mix aus Heavy-Licks und Grunge-Powerchords, mit „When I Wake Up“ eine punkigen Power-Pop-Nummer, eine bluesige Power Ballade namens „Love Me“, Folk-Rock a la „Dragonfire“, klassischen 70er Rock wie „Dear God“ oder „About You“, mit „Spell Of You“ noch eine Soundgarden-Hommage – während „Rollercoaster Of Life“ eher an die Red Hot Chili Peppers der 90er erinnert; mit „Eye Of The Storm“ und „Devil In Disguise“ kommen noch mal Ausflüge ins Folk-Metier zum Tragen und mit dem abschließenden „Dark Days“ noch mal eine klassische Folkrockballade mit Fleetwood Mac-Flair im Stile der 80er – inklusive eines psychedelischen Gitarrensolos. Eingerahmt wird das wird das alles durch drei Akustik-Vignetten namens „Life Evermore“, mit denen Taylor Momsen als Erzählerin mit düsteren Gedanken auf die umgebenden Songs einstimmt.
Mag ja sein, dass dieser Stilmix für eine Rockband ein bisschen viel zu sein scheint. Allerdings ging es The Pretty Reckless auf diesem Album offensichtlich nicht darum, irgendwelche Erwartungshaltungen zu erfüllen oder sich gar als Rockband beweisen zu wollen, sondern darum, ihre Expertise als Songwriter nach dem Motto „Form folgt Inhalt“ über das jeweils gewählte Genre zu stellen, anstatt als Rockband immer noch eins draufsetzen zu wollen.
In den neuen Songs beschäftigt sich Taylor Momsen mit den Dingen, die ihr Leben seit jeher prägten: Religion, Depression, Abhängigkeiten, mentale Gesundheit, Sterblichkeit aber auch der hedonistische Lifestile als Rock-Ikone, Hoffnung und/oder Empowerment – und wählt dafür gerne archetypische, biblische Bilder und Blues-Metaphern. Dabei hat sie als Sängerin eine interessante Entwicklung genommen, die auf dieser Scheibe zur vollen Blüte gereift. Eigentlich hat Momsen eine recht dunkle Gesangsstimme mit viel Sustain (was als Rock-Sängerin ja nicht ganz unwichtig ist), betätigt sich aber nicht als Power-Belterin oder Scream-Queen, sondern überzeugt mit kontrollierter Spannung in den rockigen Momenten – lässt aber auf der anderen Seite auch stets Verletzlichkeit und Intimität zu, die die zuweilen selbstbetrügerischen Lyrics geradezu entlarven.
Unter dem Strich ist dieses fünfte Album das musikalisch und songwriterisch stärkste Album des Quartetts – nicht zuletzt auch deshalb, weil der Rock-Bombast (und damit einhergehend die genretypischen Klischees) der Vergangenheit (und der Live-Auftritte) hier nur noch eine bestenfalls akzentuierende Rolle spielen.
„Dear God“ von The Pretty Reckless erscheint auf Fearless Records.



