Platte der Woche KW 27/2026
Dass die junge Londoner Songwriterin Sienna Spiro durch eine Reihe viraler TikTok-Posts mit Cover-Versionen – wie aber auch eigenen Liedern – zu Ruhm und Ehren und letztlich ihrem Major-Plattenvertrag gelangte, sei mal dahingestellt – so funktioniert das heute eben –, stellte sich aber in dem Fall als Glücksfall heraus, denn auf diese Weise verfügte Sienna (bzw. das Label) über die Ressourcen, die es ihr ermöglichten, die Versprechungen, die sie mit ersten eigenen Songs wie „Need Me“ oder „Taxi Driver“ machte, auf eine geradezu monumentale und epische Weise produktionstechnisch einlösen zu können. Nicht jeder aufstrebende junge Künstler hat schließlich die Möglichkeit, sowohl in den Abbey Road-Studios wie auch dem New Yorker Electric Lady-Studio und dem Valentine Studios in Los Angeles mit einer Riege hochkarätiger Produzenten, Arrangeure, Musikern und Orchestern aufnehmen zu können.
Im Falle von Sienna Spiro scheint das aber mehr als angebracht, denn lange bevor das nun vorliegende Debüt-Album überhaupt angedacht war, gelang ihr bereits mit ihrer zweiten Single „Maybe“ ein Runaway Hit. Auf der nachfolgenden EP „Sink Now, Swim Later“ wurden 2024 dann die Single-Tracks zusammengefasst. Ihren Durchbruch erlangte sie im letzten Jahr mit der epochalen Hit-Single „Die On This Hills“ – einem der wenigen früheren Tracks, der sich nun auch auf dem Debüt-Album „Visitor“ befindet – was damit zu tun hat, dass sich Sienna Spiro im Laufe der Zeit ein bemerkenswert umfangreiches Repertoire eigener Titel aufgebaut hat, das Mehrfachverwertungen unnötig macht. Bereits bevor das Album in den Regalen steht, hat sie etwa mit dem Track „Material Lover“ aus dem Soundtrack des Films „The Devil Wears Prada 2“ eine weitere Single veröffentlicht, die sich ebenfalls nicht auf dem Album findet (außer als Bonus Track der digitalen Edition).
Worum geht es aber eigentlich? Sienna Spiro betrat die Musikszene über ihre Liebe zu klassischem Soul-, Jazz- und Blues-Gesang. Offensichtlich natürlich inspiriert von zeitgenössischen Künstlerinnen wie Adele oder Amy Winehouse war es dann aber ihr Interesse an den Gesangstechniken klassischer Altvorderer wie Etta James, Nina Simone, Dinah Washington oder Billie Holiday, die ihre eigene Technik entscheidend prägte. Schon als Jugendliche studierte sie auf Anraten ihres Vaters die Gesangstechniken Frank Sinatras, dessen Ansatz, über den Gesang Geschichten zu erzählen, sie sehr schätzte. So erwarb sie sich die Fähigkeit, ihr Timbre gesanglich auf empathische Weise an den Flow der Songs anpassen zu können.
Dabei kommt ein interessanter Aspekt zum Tragen, denn aufgrund einer Knötchenbildung auf Siennas Stimmbändern hat ihr Gesang eine brüchige, hauchige Qualität, die sich in einer gewissen Verletzlichkeit in Songs „We’re Not In Love“ oder „Great Expectation“ niederschlägt und zu einer besonders authentischen stimmlichen Präsenz führt, die Sienna selbst als „intentional“ beschreibt. Produktionstechnisch wurde dem insofern Rechnung getragen, als dass darauf verzichtet wurde, die Vocals mit Equalizern, Kompressoren, Autotune oder anderen AI-Effekten nachzubehandeln – was ihr gesanglich eine gewisse luftige Transparenz ermöglicht – auch wenn sie durchaus in der Lage ist, etwa gegen ein Orchester mühelos gesanglich bestehen zu können. Da die Basis Tracks live im Studio eingespielt wurden – inklusive des Gesangs und in Los Angeles unter Einbeziehung des 20-köpfigen Hollywood Cinematic Orchestra – hat die Scheibe einen betont organischen Old-School-Charakter – und funktioniert als Pop-Scheibe deshalb auch nur eingeschränkt.
Es gibt mit „Not My Baby“ auch nur einen regelgerechten Retro-Soul-Pop-Song auf dem Album – was aber auch Sinn macht, denn Sienna Spiro entfaltet ihre gesangliche Bandbreite sehr viel effektiver im nachtschattigen Balladen-Setting: Mal monumental implementiert, wie im Falle des opulenten Dramas „Time, You & Me“ – das sich als möglicher James Bond Titeltrack geradezu aufdrängt – mal bittersüß zurückhaltend wie im Falle der Akustik-Ballade „Pure“, mal klassisch schwelgerisch wie bei ihrem Durchbruchsong „Die On This Hill“ oder „Stole The Show“, das glatt als Songbook-Titel durchginge und auch ganz auch klassisch wie bei dem als Noir-Jazz-Ballade implementierten Closers „Mono No Aware“.
Als Songwriterin beschäftigt sich Sienna Spiro mit den üblichen Themen, die junge Songwriterinnen eben am Herzen liegen. Das Thema „Coming Of Age“ wurde bereits mit der Songsammlung „Sink Now, Swim Later“ abgehandelt, während es auf der LP eher um Siennas Suche nach ihrer Position im Leben geht. Im Titeltrack „The Visitor“ sieht sie sich etwa als von Selbstzweifeln geplagten Besucherin auf der Suche nach Anerkennung in einer sich ständig verändernden, flüchtigen Welt. Leicht macht es sich Sienna als Songwriterin also nicht gerade. Ihre Songs schreibt Sienna grundsätzlich selbst, lässt sich aber bei der Ausarbeitung gelegentlich von Freunden wie dem Executive Producer Omer Fedi oder dem Songwriter Michael Pollack unterstützen; was aber erklärlich erscheint, wenn man bedenkt, aus wie vielen verschiedenen Richtungen die Songs letztlich zusammengeführt werden müssen.
Als junge Frau mit alter Seele führt die gerade mal 21-jährige Sienna Spiro mit dem Album „The Visitor“ ihre Generation an die klassischen Musiktugenden und Traditionen längst vergessener Epochen heran, bricht dabei sogar eine Lanze für authentische, handgemachte Musik, die ganz ohne Algorithmen auskommt und erweckt bei all dem auch noch den Eindruck, dass ihr die Musik wichtiger sein könnte, als der Erfolg als Pop-Star. Für solche Überlegungen ist es aber schon zu spät, denn Sienna Spiro ist mit ausverkauften Touren in den USA und Europa, diversen Chartplatzierungen und ersten Award-Nominierungen in der Tasche auf dem besten Wege, sich in der vordersten Riege der etablierten VorgängerInnen einzureihen. Die LP „The Visitor“ erscheint dabei fast wie ein willkommener Bonus.
„Visitor“ von Sienna Spiro erscheint auf Capitol Records/Universal.



