Platte der Woche KW 28/2026
Ein recht interessantes Thema hat sich die amerikanische Songwriterin Baby Rose für ihr drittes Album ausgesucht. Der Frau, die während der Pandemie online beim Berklee College Of Music studierte, um ihre musikalischen Fähigkeiten auf eine breitere Basis zu stellen, ist nämlich aufgefallen, dass wir als Menschen im Digital Age es mittlerweile verlernt zu haben scheinen, eine echte Art von Leidenschaft jenseits digitaler Oberflächlichkeiten wie Dating-Portalen in den Sozialen Medien zum Ausdruck zu bringen. Ergo machte sie mit „Yearnalism“ ein ganzes Konzept-Album über die verschiedenen Aspekte des Sehnens – dem Sehnen nach anderen Menschen natürlich – aber auch nach der Liebe im Allgemeinen, nach Freundschaft, nach Utopien und Unerreichbarem oder nach der persönlichen Weiterentwicklung.
Die Schlüsseltracks des Albums versammeln sich dabei in der Mitte des Albums: „Let Me Go“ ist eine Kontemplation über das Loslassen, „Better“ fungiert als klassischer Break-Up-Song mit der klassischen Zeile: „You Know I Can’t Take You Back – Can’t Hurt Myself Just To Save Your Feelings“, in der Noir-Blues-Ballade überlegen Baby Rose und ihr Gast-Star Leon Thomas (mit dem zusammen sie einen Grammy für ihren Beitrag an dessen Album „Mutt“ gewonnen hatte) ob es überhaupt möglich ist, wieder „Friends Again“ sein zu können, wenn man sich einmal entzweit hat und in der Nummer „Sunday“ sehnt sich Baby Rose nach den unschuldigen Sonntagen im elterlichen Haus – als noch alles möglich schien.
Ursprünglich begann Baby Rose ihre musikalische Laufbahn mit klassischen Jazz und Blues-Balladen, wandte sich später dann zeitgemäßen R’n’B-Stilistiken zu – und spätestens, als sie sich mit ihrem zweiten Album „Through And Through“ dem Indie-Label Secretly Canadian (auf dem nun auch ihre dritte Scheibe erscheint) und dem Neo-Soul Label zuwandte – dem sie freilich längst wieder entwachsen ist. Heutzutage präsentiert sie einen ziemlich abenteuerlichen, faszinierend eigenständigen Stilmix, der zahlreiche andere Genre-Schlenker mit einschließt. Neben klassischen Soul, Jazz, Blues und Gospel-Emulationen sind das vor allen Dingen Dinge, an die man so gar nicht erwartet hat – denn Baby Roses brüchiges, so gar nicht versöhnliches Contralto-Organ ist ja gerade für die vorgenannten Stilrichtungen typisch.
Angeregt von einer fruchtbaren 2024er Zusammenarbeit (und Tour) mit der kanadischen Psychedelia-Jazz Combo Badbadnotgood beschloss Baby Rose auf ihrem neuen Album verstärkt mit Live-Musikern zusammenzuarbeiten und analog aufzunehmen und zu mischen, anstatt alleine auf digitale Techniken zu setzen. Das sorgt schon mal für ein warmes, organisches Feeling, das dem Ziel des Albums, die Körperlichkeit ins Zentrum zu stellen, schon mal zupass kam.
Unterstützt von einer ganzen Riege befreundeter Produzenten, entstand ein Prozess, im Verlauf dessen sich die verschiedenen stilistischen Elemente auf wundersame Weise miteinander verwoben und der teils tatsächlich gutturale Gesang als Anker für das eklektische musikalische Umfeld herhalten musste. Gleich der Opener „When I’m Gone“ überrascht, indem die Harmonien akustischer Gitarren im Stile eines Grunge-Rock-Songs angelegt sind und sich allmählich in einem orchestralen Gospel-Setting verlieren. „But, Nym“ lässt sich nicht anders beschreiben denn als Dreampop-Song mit Fleetwood Mac-Drive. „Is This Love“ ist dann die erste richtige Soul-Ballade – wenngleich eine mit Retro-Psychedelia Flair und hymnischen Engelschören. „Dressed In Metal“ kommt als Retro-Pop-Song mit einem Soundtrack-artigen Crescendo am Ende daher. Ähnlich ergeht es dem bereits erwähnten „Sunday“, der als unschuldiger Folk-Song beginnt, sich am Ende aber zu einer regelrechten Gospel-Operette auftürmt. Auch „Let Me Go“ ist im wesentlichen ein Rock-Song mit akustischen Gitarren während „Better“ dann mit Motown-Grooves und Memphis-Soul-Bläsern ausgestattet ist. Auch noch erwähnt werden sollte die mit 70s-Funk-Elementen unterlegte Inner-City-Blues Nummer „All My Love“.
Bei all dem zeigt sich Baby Rose als wandlungsfähige Vokalistin, die mal mit knorriger Eleganz an Billie Holiday erinnert, mal mit schwelgerischer Grandezza in den Sphären einer Mahalia Jackson agiert, mal brüchig wie Mavis Staples – oder zur Not auch mit sachlicher Eleganz wie Nina Simone singt – all das übrigens ohne die Manierismen, die Vokalakrobatik oder die klangliche Gefälligkeiten zeitgenössischer Soul-Queens – und schon gar nicht mit dem Anspruch, irgendwie perfekt klingen zu wollen. Dafür wird aber mit Beiwerk nicht gespart, denn die die meisten Gesangsspuren kommen eingebettet in angelische Gospelchöre daher, die in ihrer hymnischen Postproduktions-Grandezza schon in einem interessanten Kontrast zu den rauen und erdigen live eingespielten Lead Vocals stehen. Wenn schon „Neo Soul“ – dann aber bitte nur so!
„Yearnalism“ von Baby Rose erscheint auf Secretly Canadian/Cargo.



