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Als Mina Richman 2022 ihre Debüt-EP „Jaywalker“ veröffentlichte, war es klar, dass sie noch nach einer eigenen musikalischen Richtung suchte. Schon damals allerdings wurde deutlich, dass musikalische Vielfältigkeit auf jeden Fall ein bestimmender Faktor für die Bielefelder Songwriterin werden würde. Dieser Eindruck bestätigte sich dann, als sie 2024 das Debüt-Album „Grown Up“ veröffentlichte, auf dem Mina und ihre Band (Gitarrist Freddy, Bassist Alex und Drummer Leon) bereits zu einer tighten Einheit verschmolzen waren und schon damals mit einem entsprechenden Band-Sound überzeugten. Das Album „Grown Up“ entstand dabei eher zufällig, denn erst durch einen Label-Deal ergab sich für Mina und ihre Jungs die Möglichkeit, aus den bis dahin angesammelten Songs ein Album aufzulegen. Das nun vorliegende, zweite Album „Different Flavours Of Being Happy“ hat nun allerdings nichts Zufälliges mehr an sich. Hier taten sich Mina und die Band zusammen, um gemeinsam ein ganzes Konzeptalbum über die verschiedenen Facetten des Glücklichseins zu erschaffen. Die Frage, die sich in wirren Zeiten wie den unseren dabei allerdings aufdrängt, wieso es ausgerechnet um das Thema „glücklich sein“ gehen konnte?
„Ja, vielleicht gerade weil das so absurd ist“, schmunzelt Mina, „nein – die Idee kam mir, als ich mit meiner besten Freundin gesprochen habe. Sie hatte eine schwere Trennung hinter sich und habe sie gefragt, wie es ihr ginge, ob ihr das nachhinge und ob sie traurig sei. Sie hat dann gemeint: ‚No just different flavours of being happy.‘ Das fand ich so beeindruckend, dass man etwas, das so negativ konnotiert ist wie eine Trennung – wenn zwei Menschen beschließen, auf die Art und Weise nicht mehr weiter durchs Leben zu gehen, weil es ja auch irgendwie nicht funktioniert hat – abtun kann mit der Erkenntnis, dass das die richtige Entscheidung gewesen sei und man sich nun einfach anders gut anfühle. Dieser Satz hat mich so beeindruckt, dass ich dachte: ‚Das ist ein Albumtitel.’“
Dass Mina in den neuen Songs die verschiedenen Geschmäcker des Glücks ergründet, wird auch musikalisch deutlich. Die Stücke wurden im Proberaum und im Studio gemeinsam erarbeitet und entstanden auf Basis von Jam Sessions, durch die sich Mina dann auch als Texterin und Performerin inspirieren ließ. Dadurch entstand eine Sammlung zwar recht unterschiedlich ausgerichteter, aber grundsätzlich lebhafter, tanzbarer und munter groovender Songs – die allerdings meistens dann doch noch eine melancholische Note enthalten. Woher kommt denn das?
„Ich weiß nicht – ich glaube, dass die Welt einfach sehr komplex ist“, überlegt Mina, „die Dinge, die ich in meinen Songs verarbeite – seien es persönliche Kindheitserinnerungen, seien es Gefühle oder die Suche nach irgendetwas wie dem Verliebt-Sein – sind ja auch sehr komplex. Glück ist – je nachdem, wie man das Wort versteht – ein kurzer Euphorie-Moment in einer besonderen Situation, wie etwa einen Blumenstrauß mitgebracht zu bekommen oder eine gute Tasse Kaffee zu genießen. Das funktioniert aber ja nur im Kontrast zum Nicht-Glück. Wenn mein Kaffee etwa immer gleich schmecken würde – und vielleicht immer gleich gut schmecken würde – aber eine besonders gut gemachte Tasse Kaffee dann an ganz besondere Situationen erinnert, dann spielt der Kontrast zwischen dieser besonders gut gemachten Tasse Kaffee – mit besonderer Bohne, frisch aufgebrüht mit meiner Lieblings-Hafermilch – und einem Kaffee vom Vollautomaten im Hotel da für mich mit rein. Zu akzeptieren, dass Glück kein Dauerzustand sein kann, sondern immer eine hoffentlich sehr frequente Aneinanderreihung von diesen kleinen Glücksmomenten darstellt, ist eine Entscheidung, die ich dann wahrnehme oder nicht. Wie begeisterungsfähig ich für die ganz, ganz kleinen Dinge der Welt bin und darin Glück zu suchen und Glück zu finden, wird immer begleitet von melancholischen und traurigen Momenten.“
Wie ist das denn gemeint?
„Nun ja, es kann ja zum Beispiel sein, dass die Sonne scheint und ich am Meer bin – aber vielleicht bin ich ja am Meer, weil die Mutter eines Freundes auf See bestattet wird. Man kann dann ja sagen: Wie schön, dass wir alle hier sein können, um ihn zu unterstützen – und wie schön, dass das Boot rausfahren kann und es keine Unwetterwarnung gibt. Aber in jeder Traurigkeit ein bisschen Glück zu suchen, macht die Traurigkeit nicht ungeschehen. Ich habe schon versucht, ein glückliches Album zu schreiben – aber ich habe auch nicht versucht, alles darum herum wegzuschneiden. Ich wollte ehrlich sagen: Wenn ich versuche, glückliche Songs zu schrauben, dann kommen dabei vielleicht nicht immer die glücklichsten Happy Dance-Songs heraus – aber Glück ist vielleicht ja auch nicht für jeden das Gleiche. Ich bin aber auch ein Moll-Girly!“
Wie ist denn überhaupt die Idee entstanden, das Ganze als Konzeptalbum aufzufassen?
„Ich liebe einfach Konzeptalben“, meint Mina, „ich liebe auch das erste Album – aber da habe ich immer wieder gedacht, dass ich da so gerne ein Gerüst drum gebaut hätte. Das war ja ein Album, das – wie wohl bei vielen Debütalben – aus Songs bestand, die sich im Laufe der Zeit immer mehr angesammelt hatten, bis wir die Zeit, das Geld und die Möglichkeit hatten, ein Album aufzunehmen. Aber da waren dann Stücke dabei, wie z.B. ‚Baba Said‘, von denen ich nie geplant hatte, sie aufzunehmen, die aber dem Realitätsfaktor geschuldet waren.“
„Baba Said“ ist dabei ja Minas Polit-Song, in dem es um den Tod von Jina Amini und die iranische Revolution geht.
„Ja genau – da waren dann aber auch noch andere Songs drauf, die ich vor der ersten EP geschrieben habe. Das war dann alles sehr gehetzt. Das Debütalbum ist also wirklich unter den schlechtesten Bedingungen entstanden. Unser Gitarrist Freddy war noch in der Ausbildung zum Tischler, und wir hatten alle irgendwie keine Zeit und kein Geld und sind dann trotzdem ins Studio gefahren und haben diese Scheibe aufgenommen – worauf wir auch richtig stolz waren. Aber ich habe mir dann gesagt, dass ich mir irgendwann mal die Zeit nehmen würde, ein ganzes Album zu schreiben – anstatt so lange Songs zu sammeln, bis ich ein Album zusammen habe. Ich wollte immer schon mal ein Konzeptalbum machen, weil ich solche Alben mag. ‚Caustic Love‘ von Paolo Nutini ist auf jeden Fall eine Riesen-Inspiration, wenn es um Interludes und narrative Strukturen geht. Aber auch ‚The Deep Field‘ von Joan As Police Woman ist so ein Beispiel. Das sind alles so runde Alben, auf denen aber auch verschiedenste Arten von Songs drauf sind – und auch verschiedenste Genres – wo aber alle Songs bewusst ausgewählt sind und nicht nur drauf sind, weil sie halt schön sind. Sich ein Konzept-Album zu gönnen und sich die Zeit zu nehmen, Intros und Interludes zu schreiben und nicht nur in Radio-Singles zu denken, ist gerade in aktuellen Zeiten noch mal ein Luxus, den ich mir aber eben gönnen wollte. Auch sich die Zeit zu nehmen, etwas zu erzählen und ins Erzählen zu kommen, den Songs somit ein Zuhause zu geben, war mir wichtig – denn so etwas weiß ich sowohl als Zuhörerin wie auch als Musikerin sehr zu schätzen.“
Wie ist die Sache denn überhaupt musikalisch abgelaufen? Die neuen Songs sind ja fast alle ziemlich groovy und tanzbar. Gab es da auch ein Konzept, nach dem gearbeitet wurde?
„Ich glaube, wir hatten einfach Spaß“, meint Mina, „in unserem Prozess hatten wir selten mal einen Moment, wo wir gesagt hatten: ‚Wir machen jetzt diese Art von Song.’ Wir haben stattdessen gejammt und ich habe mich dann zu Emotionen und Textzeilen inspirieren lassen. Wir haben dann immer das genommen, was dabei entstanden ist. Das war dann manchmal Indie-Rock wie bei ‚Take It To Go‘ und manchmal Soul und poppige Sachen oder fast schon Hip-Hop bei ‚Oxygen‘. Ich glaube, wir gaben einfach jedem Song den Raum, den er braucht, um sich zu entfalten und uns zu sagen, wo er hin will. Wir lassen uns da nicht einschränken.“
Ist ja auch nett, dass Mina uns dann auch gleich die Songs beschreibt – dann brauchen wir das nicht mehr zu tun. Das Album an sich hat dann aber auch viele Facetten.
„Ja genau“, bestätigt Mina, „man bekommt dann eben ein Album, das von den Lyrics und vom Sound und von der technischen Stringenz her schon irgendwie zusammengehalten wird, aber auf dem dann ganz verschiedene Lieder Platz finden – weil es ja eben auch ‚Different Flavours Of Being Happy‘ heißt. Es ist ja auch so, dass Musik und Alben so viel ausdrücken können, dass wir uns gedacht haben, dass wir das so machen können. Klar – es ist schon ein Konzept-Album und natürlich haben wir uns überlegt, welcher Song an welche Stelle kommt, wie wir etwas musikalisch erzählen könnten und wo es Höhe- und Intensivpunkte geben soll. Aber ganz, ganz oft haben wir halt einfach einen Song geschrieben – im Keller, wie wir das halt so machen und wie uns das gefällt.“
Zwar hat Mina einige der neuen Songs bereits live „ausprobiert“ – wer aber sie und ihre Musiker kennt, der weiß, dass die Bühne das eigentliche Zuhause des Bielefelder Ensembles ist – und demzufolge steht bereits jetzt eine große Tour mit 13 Dates, die Mina und die Jungs zwischen August und November kreuz und quer durch die Republik (und nach Wien) führen wird.
„Different Flavours Of Being Happy“ von Mina Richman erscheint bei Ladies&Ladys/Broken Silence.




