Share This Article
Für Brennan Wedl ist ihr neues, selbstbetiteltes Album mehr als nur ihre nächste Platte: Für die 29-jährige, inzwischen in Nashville lebende Singer-Songwriterin kommt die LP, ihre erste für das renommierte Label ANTI-, einem echten Befreiungsschlag gleich. Statt auf die allgegenwärtige digitale Sterilität setzt sie bei diesen Songs auf rohe Emotionen und einen analogen Klangkosmos im Spannungsfeld von Grunge und Country-Rock.
Brennan Wedls bisheriger Weg war geprägt von Extremen: Ihre musikalischen Wurzeln liegen in der Queercore-Band Dazey & The Scouts, als Solistin hingegen ist sie eher in der Americana-Welt zu Hause. Auf ihrem neuen Album verschmelzen diese Gegensätze nun organisch zu einem rauen Soundgefüge, das vom Geist der 1990er-Jahre durchdrungen ist. Wedl selbst nennt diese explosive Mischung augenzwinkernd „Grungetry“.
Inspiriert von wütenden Riot-Grrrl-Ikonen wie Bikini Kill oder Hole auf der einen Seite und der düsteren Songschreiber-Kunst eines Elliott Smith auf der anderen, gelingt es ihr dabei, die Eckpunkte ihrer musikalischen Sozialisation zu verbinden. Doch der auffälligste Wandel zeigt sich im emotionalen Kern neuer Stücke wie „Two Dollar Pistol“. Während frühere Arbeiten von der Aufarbeitung depressiver Gefühle dominiert waren, brechen sich nun immer wieder auch eine überraschende Verspieltheit und eine humorvolle Leichtigkeit Bahn.
Dieser Perspektivwechsel ist eng mit ihrer Biografie verknüpft: Vor einigen Jahren hörte Wedl mit dem Trinken auf. Der Verzicht auf Alkohol zwang sie dazu, sich ungeschönt ihren Unsicherheiten zu stellen, und diese neu gewonnene Klarheit spiegelt sich auch im Entstehungsprozess der neuen LP wider. Gemeinsam mit Weggefährten wie Katie Crutchfield von Waxahatchee, Lindsey Jordan von Snail Mail und Produzent Brad Cook setzte sie im Studio auf absolute Unverfälschtheit und kann damit vom ersten Ton an punkten.
Im Gespräch mit Gaesteliste.de erzählt Wedl von ihrer gemeinsamen Tournee mit Waxahatchee und MJ Lenderman in diesem Frühjahr, wie sich ihr bewegtes Leben auf ihr Songwriting niederschlägt und wie ihr spontane Ideen im Studio bei der Entstehung der neuen LP den Weg wiesen.
GL.de: Brennan, wenn du auf deinen bisherigen Werdegang als Musikerin zurückblickst, worauf bist du am meisten stolz?
Brennan Wedl: Ich denke, einer der bewegendsten Aspekte dieser musikalischen Reise ist es, junge Musikerinnen und Musiker auf der ganzen Welt zu treffen und zu hören, dass etwas in meiner Musik ihnen vielleicht geholfen oder sie dazu inspiriert hat, öfter zur Gitarre zu greifen oder eine Band zu gründen. Denn irgendwann war ich selbst diese junge Musikerin, die nach einer Art Wegweiser oder nach Inspiration suchte. Die Möglichkeit, Menschen persönlich zu treffen und einfach über gemeinsame musikalische Reisen zu sprechen – das macht mich definitiv stolz. Es gibt mir ein Gefühl großer Zufriedenheit.
GL.de: Du hast deine erste Band Dazey And The Scouts ursprünglich nur zum Spaß gegründet. Jetzt veröffentlichst du ein Album weltweit bei einem renommierten Label – wie stellst du sicher, dass die geschäftliche Seite dir nicht den ganzen Spaß daran nimmt?
Brennan Wedl: Das ist etwas, worüber ich praktisch täglich nachdenke. Ich denke, es geht darum, sich Hilfe zu holen. Ich habe das Glück, im Laufe der Jahre geschäftliche Beziehungen zu meinen Managern und meinen Booking-Agenten aufgebaut zu haben. Weil inzwischen eine ganze Reihe Leute zu meinem Team gehören, habe ich die Freiheit, die geschäftlichen Aufgaben zu delegieren, damit ich mich auf das Schreiben von Musik konzentrieren kann. In der Vergangenheit war das nicht immer so. Ich komme aus der DIY-Punk-Szene, wo wir selbst E-Mails verschickt, Flyer gestaltet und einfach alles selbst erledigt haben. Diese Erfahrung und das Wissen darüber, was alles nötig ist, um so etwas auf die Beine zu stellen, sind der Grund dafür, dass ich versuche, mich nicht zu sehr auf eine einzelne Sache zu fixieren. Wenn das Komponieren keinen Spaß mehr macht, mache ich eine Pause und probiere etwas anderes aus, denn mir ist klar geworden, dass „Spaß“ im Laufe der Jahre viele verschiedene Bedeutungen annehmen kann.
GL.de: Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Lektionen, die du auf deinem bisherigen Weg gelernt hast und die du nun anwenden könntest, insbesondere bei diesem neuen Album?
Brennan Wedl: Es gibt so viele Lektionen! Ich bin dankbar, dass ich sie durch die Musik lernen darf. Aber ich würde sagen, die wichtigste ist, dafür zu sorgen, dass der Alltag überschaubar bleibt, dass alles ziemlich ausgeglichen ist und kein Bereich des Lebens zu sehr aus dem Gleichgewicht gerät. Zu viel Einsamkeit kann den Songwriting-Prozess wirklich beeinträchtigen. Zu viel Touren kann das Privatleben stark in Mitleidenschaft ziehen – und das gilt auch umgekehrt. Denn zu wenig Lebenserfahrung führt dazu, dass die Songs nicht so interessant sind, da ich hauptsächlich aus meinen eigenen Erfahrungen schöpfe und über Dinge schreibe, die ich im echten Leben durchgemacht habe. Wenn ich also nicht da draußen bin und lebe, leiden die Lieder darunter. Es kommt auf die Balance an, auch wenn die Antwort nicht wirklich sexy ist.
GL.de: Sexy oder nicht, wir wissen es zu schätzen, dass du uns eine ehrliche Antwort gibst. Du hast das Touren angesprochen, und zu viel Touren kann natürlich kräftezehrend sein und einen stark belasten. Aber andererseits muss eine Tour wie die, die du gerade mit Waxahatchee und MJ Lenderman gemacht hast, auch ein richtiger Adrenalinkick sein, weil du in solch toller Gesellschaft warst. Hattest du das Gefühl, dass es kaum eine bessere Kombination hätte geben können?
Brennan Wedl: Auf jeden Fall. Es war die erste Tour, die ich gemacht habe, bei der es um Veranstaltungsorte dieser Größenordnung und um solche Reiseentfernungen ging. Mit Katie und Jake zusammen zu sein, sorgte einfach für eine sehr förderliche und angenehme Atmosphäre, denn das sind zwei sehr bodenständige Menschen. Sie waren früher viel auf Tour, und einfach in diesem Umfeld zu sein, das sie mit ihren eigenen Teams geschaffen haben, und zu versuchen, da mitzuhalten und meine eigene Energie in diese Dynamik einzubringen, war wirklich toll. Es war einfach so, dass sich alle um das Wohlergehen der anderen gekümmert haben, und da Katie schwanger war, war die Atmosphäre einfach sehr sanft. Es war wirklich rührend.
GL.de: Du hast in der Vergangenheit bereits eine Reihe von Band- und Soloalben veröffentlicht, aber da wohl nicht viele Menschen in Europa diese gehört haben werden: Was ist für dich der größte Unterschied zwischen diesem neuen Album und deinen früheren Veröffentlichungen?
Brennan Wedl: In der Vergangenheit habe ich Platten gemacht, die entweder ausschließlich Rock oder ausschließlich Folk waren. Dies ist das erste Album, auf dem diese Elemente wirklich organisch miteinander kombiniert worden sind. Es ist ein Rock-Album, ein Country-Album und ein Americana-Folk-Album – alles in einem. Es fühlt sich also so an, als wäre eine neue Geschmacksrichtung entstanden. Eine neue Brennan-Wedl-Geschmacksrichtung ist jetzt erhältlich!
GL.de: In der Pressemitteilung wird angedeutet, dass du dich inzwischen wohler in deiner Haut fühlst und dass dies zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass du vor einigen Jahren mit dem Trinken aufgehört hast. Hast du wirklich das Gefühl, dass du diese Erfahrungen machen musstest, um an diesen Punkt zu gelangen, an dem du ein Album wie dieses aufnehmen konntest?
Brennan Wedl: Ich glaube, viele dieser Songs spiegeln meinen persönlichen Weg wider. Nicht, dass ich die Schwierigkeiten gebraucht hätte, um die Lieder schreiben zu können, aber da ich aus meinen Erfahrungen schöpfe, war es mir wichtig, all die „Ego-Tode“ zu durchleben, die nötig sind, um zu sich selbst zu finden. Zu beobachten, wie die verschiedenen Versionen von mir in meinen Zwanzigern kamen und gingen … Es ist ein wunderschöner Teil des Lebens, dass wir loslassen können, wer wir einmal waren und wer andere glauben, dass wir einmal waren. Jeder Tag ist anders. Deshalb würde ich sagen, jetzt ist der perfekte Zeitpunkt dafür. Ich bin 29. Trotzdem habe ich sehr stark das Gefühl, ganz am Anfang von allem zu stehen, aber ich bin dankbar, mit ein paar geklärten Dingen in meine 30er zu gehen. Sicherlich ist noch nicht alles geklärt, aber es fühlt sich so an, als wäre ich gerade an einem guten Punkt angelangt.
GL.de: Neben den wütenden Stimmen der Riot-Grrrl-Bewegung nennst du Elliott Smith als Einfluss, wenn es darum geht, über die dunkleren Seiten zu schreiben. Fällt es dir leichter, einen traurigen statt eines fröhlichen Songs zu schreiben?
Brennan Wedl: Ja, es ist eine größere Herausforderung, ein fröhliches Liebeslied zu schreiben! Ich glaube, auf diesem Album habe ich mit „Two Dollar Pistol“ und „Let’s Be Models“ versucht, über eine glückliche Liebe im Rahmen einer Freundschaft zu schreiben. Ich denke also, ich schreibe über meine weniger glücklichen Gefühle, einfach weil ich versuche, sie zu verstehen. Aber die Songs, die ich gerade schreibe, experimentieren mehr mit Freude – und Humor. Ich glaube, Humor ist definitiv schon ein Teil meines Stils, aber jetzt versuche ich, aus Freude heraus zu schreiben anstatt aus Verlust.
GL.de: Es ist interessant, dass du das sagst, denn eine Sache, die auf deinem neuen Album besonders auffällt, ist die Verspieltheit. Ist die ein Teil deines Wesens, oder ist es eher ein Stilmittel, das du beim Songschreiben einsetzt?
Brennan Wedl: Gute Frage! Ich glaube, meine Stimme, die Stimme in meinem Kopf, versucht auf jeden Fall, die Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen. Sie versucht, die positive Seite zu finden, das Gute zu sehen, und das äußert sich meistens in trockenem Humor. Das ist kein pessimistischer Humor, sondern einfach eine Art trockener, ernsthafter Humor. Das ist ein Stilmittel, aber es spiegelt auch wider, wie ich die Welt die meiste Zeit sehe.
GL.de: Bei dieser Platte haben dir einige berühmte Freundinnen und Freunde unter die Arme gegriffen. Wir haben Katie bereits erwähnt, aber da sind auch noch Brad Cook und Lindsey Jordan. Was haben sie wirklich beigetragen, abgesehen davon, dass ihre Namen in den Pressematerialien gut aussehen?
Brennan Wedl: Ich glaube, sie haben mir geholfen, Dinge zu erkennen, die ich während des künstlerischen Prozesses nicht sehen konnte, weil ich so nah an den Songs dran war. Sie haben mit ihrer eigenen künstlerischen Freiheit eingegriffen und mir geholfen, indem sie Dinge sagten wie: „Du kommst aus dem Folk-Songwriter-Bereich, lass uns das als roten Faden beibehalten!“ Eine Sache, in der Brad, Katie und Lindsey während dieses Aufnahmeprozesses alle ziemlich versiert waren, war, dass wir nicht von allen Songs 20 Takes gemacht haben. Es waren vielleicht drei oder vier Takes, denn sie sind Profis darin, die Dinge am Laufen zu halten – so nach dem Motto: Lasst uns das Ganze locker angehen, damit wir zwölf Songs in zehn Tagen schaffen! Sie sind meisterhaft im Zeitmanagement. Sowohl kreativ als auch logistisch war es einfach eine wunderbare Zusammenarbeit.
GL.de: Letzte Frage: Was war für dich die größte Überraschung während der Entstehung des neuen Albums?
Brennan Wedl: Lange Zeit habe ich meine Songs nicht mehr angerührt, sobald sie fertig waren. Ich sagte mir: „So ist es nun mal, ich will mich nicht noch einmal damit beschäftigen!“ Aber beim Schreiben dieses Albums habe ich das Überarbeiten für mich entdeckt, bisweilen sogar im Studio, kurz bevor ich den Gesang aufgenommen habe. Einige Texte habe ich erst kurz vor dem Einsingen fertiggestellt, „Let’s Be Models“ zum Beispiel. Ich habe den Song lange Zeit in einer Länge von einer Minute und 30 Sekunden gespielt, und manchmal haben wir eine Punk-Version davon gemacht, die dann 45 Sekunden lang war.
Katie liebte diesen Song wirklich sehr, und als ich mit ihr und Brad ins Studio ging, sagte ich: „Okay, ich füge noch eine Strophe hinzu.“ Die Strophe darüber, im Madison Square Garden auf dem Jumbotron zu erscheinen, habe ich im letzten Augenblick zusammengefügt, und tatsächlich fühlt es sich immer wie ein Geschenk an, wenn ich Texte mit Substanz habe. Ich betrachte das nicht als Selbstverständlichkeit, und sie in letzter Sekunde fertigzustellen, klappt nicht immer. Wenn die Texte vor der Session noch nicht fertig sind, verwandelt sich der entstehende Druck nicht immer in eine gute Strophe. Es war also ein kleines Glücksspiel, aber es war wirklich aufregend!
“Brennan Wedl” von Brennan Wedl erscheint auf ANTI-/Indigo.




