Share This Article
Alles, nur nicht gewöhnlich: Mit seinem ausgezeichneten dritten Album „Flood My Eyes“ zeigt das Kölner Quartett ACUA eindrucksvoll, wie man sich selbst treu bleiben kann, ohne auf der Stelle zu treten. Hatte ihr oft herrlich ambitionierter Sound, in dem althergebrachte Psychedelia und Zeitgeist-Indie-Pop mit Schlenkern zu New Wave, Shoegaze, Space-Age-Electronica und vielem mehr zusammenfließen, in der Vergangenheit häufig einen dezenten Retro-Vibe, positionieren ACUA all diese Versatzstücke auf ihrer neuen LP druckvoll wie nie zuvor deutlicher im Hier und Jetzt.
Nicht nur klanglich haben Sänger/Gitarrist Patrick Braun, Bassist Igor Franjić, Schlagzeugerin Caro Prinz und Keyboarderin Maja Bjeljac ein Faible für das Besondere. Als wäre das für eine deutsche Indie-Band das Normalste der Welt, waren ACUA in der Vergangenheit bereits mehrfach in Japan, Kanada oder Großbritannien auf Tour. Diese globalen Live-Erfahrungen und Support-Slots bei namhaften Acts wie Darwin Deez oder The Japanese House formten in den vergangenen Jahren ein musikalisches Selbstverständnis, das nun die Basis für das dritte Studioalbum „Flood My Eyes“ bildet.
Spürbar weniger schüchtern und zurückhaltend als auf ihren feinen ersten beiden Alben, „Head Under Water“ (2020) und „Is There More Past Or More Future“ (2022), kennzeichnet die neuen Songs eine ungeahnte Direktheit. Gleichzeitig ist „Flood My Eyes“ merklich gereift, vielschichtiger und kollaborativer. So sorgt Neuzugang Maja – aufmerksamen Leserinnen und Lesern dieser Seiten vielleicht als Frontfrau von Plastic Peaches ein Begriff – nicht nur an Synth und Keyboards für eine Neuausrichtung des Klangbildes, sondern setzt auch bei der grafischen Gestaltung der Cover neue Akzente.
Gleichzeitig bricht das neue Album auch sonst mit alten Rollenverteilungen und präsentiert sich als echtes Kollektivwerk. Zum ersten Mal steuern Igor und Maja eigene Kompositionen bei, während Drummerin Caro beim Song „Fearing And Facing The World“ sogar erstmals die Lead-Vocals übernimmt. Gemeinsam haben ACUA so ein facettenreiches Album erschaffen, das bei „All Sides Of Me“ sogar mit hochkarätigen Features von Warpaints jennylee und TT glänzt.
Gerade zurück von ihrer letzten Tournee durch Großbritannien, stellen ACUA ihre neue Platte noch im September bei Konzerten in Köln, Berlin, Bremen und Hamburg auch erstmals live vor – und wollen dabei auch die visuelle Seite ihrer Shows stärker als in der Vergangenheit betonen. Zuvor allerdings nahm sich Patrick Zeit für unsere Fragen.
GL.de: Was macht euch besonders stolz, wenn du auf euren bisherigen Weg von ACUA zurückblickst?
Patrick Braun: Mit Sicherheit die Vinyls unserer Releases in den Händen zu halten: Der Rückblick auf die Studiozeit und das Songwriting – das nochmal und nochmal verbessern der Lyrics und der Recordings. Der Schweiß und die Mühen. Das hält man dann alles in der Hand. Außerdem die coolen Shows in Kanada, Japan und England. Das war schon etwas Besonderes!
GL.de: Während es für viele deutsche Indie-Bands zunehmend zur Herausforderung zu werden scheint, selbst eine Deutschland-Tour mit einer Handvoll Konzerte auf die Beine zu stellen, tourt ihr seit Jahren durch die ganze Welt, als gäbe es nichts Leichteres. Mal ganz naiv gefragt: Was ist euer Geheimnis, dass für euch Auftritte in UK, Kanada oder Japan genauso normal zu sein scheinen wie daheim in Köln in Ehrenfeld oder Deutz?
Patrick Braun: Der Gitarrensound und die lebendige Drumsound – das ist nicht so das deutsche Ding. Deshalb klappt es z.B. in Kanada besser. Das ist da einfach mehr in der DNA. Wir fühlen uns da megawohl und die Leute und Bands sind total interessiert am Austausch. Es ist etwas mehr Rock’n’Roll, weniger perfektioniert, und das macht dann auch richtig Spaß.
GL.de: Was macht für euch den größten Unterschied aus, wenn ihr in London oder Tokyo statt in Köln oder Berlin auf der Bühne steht?
Patrick Braun: Man ist der Fremdkörper im Raum und alle denken: „Wer sind die denn?“ Keine Familie, keine Friends, alles fremd. Dann ist man irgendwie freier – und es ist einfach ein Abenteuer. Allein zum Gig zu fahren durch die Abendlichter der Stadt – das ist ein Film. Wir machen auch nach jeder Tour immer kleine Videos als Tour Diary – die kann man sich bei YouTube anschauen.
GL.de: Wenden wir uns eurem neuen Album „Flood My Eyes“ zu. Die ersten beiden Alben sind in recht schneller Folge entstanden und auch der erste Song aus dem neuen Album, „Nightwalks“, erschien schon 2023. Für den Rest der LP habt ihr euch dann aber deutlich mehr Zeit gelassen. Deshalb ist auf dem neuen Werk vieles anders – klanglich, personell, sogar visuell. Was genau hat den Wunsch nach Veränderung ausgelöst?
Patrick Braun: Die Songs sollten direkter sein. Weniger Schnörkel, persönlicher. Weniger verstecken. Das war die Idee.
GL.de: Gab es einen speziellen Song, der euch die Augen geöffnet hat, was diese dritte Platte sein kann und soll, der den Weg für dieses Album gewissermaßen vorgezeichnet hat?
Patrick Braun: Arcade Fire – „Creature Comfort“ und solche Songs, wo der Synths und Bass richtig bläst, wo es einen aus dem Stuhl reißt. Dann natürlich auch wie immer viel aus dem World-Music-Bereich und alte Peter-Gabriel-Platten, bei denen man aus Versehen anfängt zu tanzen. Viel Santana, Congas, Rhythmus.
GL.de: Stichwort Produktion und Arrangement: Es ist immer wieder faszinierend, wie detailliert und ausgefuchst eure Songs sind. Spiegelt das eure Freude am Ausprobieren und Experimentieren wider oder würdet ihr lieber mit den Fingern schnipsen und der fertige Song fällt euch in den Schoß?
Patrick Braun: Oh, vielen Dank. Das bedeutet uns sehr viel, weil wir da viel Zeit reinstecken. Wir versuchen auch, live auf der Bühne viel Soundwelt darzustellen. Manchmal spielt Igor zwischen den Stücken Zwei-Minuten-Interludes nur am Bass. Seine Soundpalette so vielseitig ist, deshalb ist das dann so, als würde er mit dem Bass auch Gitarre und Synths in einem spielen. Dem wollen wir mehr Raum geben. Hierfür experimentieren wir viel, auch auf der Bühne. Es gibt aber auch Songs wie „Now And Nothing“: „Give me a sign when it takes off“. Die machen sofort Klick! beim Schreiben und das muss dann auch ganz direkt alles passieren.
GL.de: Gibt es in puncto Neuausrichtung Grenzen des Erlaubten, oder ist erst einmal alles möglich?
Patrick Braun: Alles ist möglich – und ab jetzt noch viel mehr.
GL.de: Zu den Texten einfach eine weit offene Frage: Wonach sucht ihr inhaltlich?
Patrick Braun: Nach Zeitlosem, nach Grundsätzlichem. Nach Gesellschaftlichem. Nach Fragen. Wir stellen uns selber immer nur laute Fragen oder weisen auf etwas hin – wenn wir eine Antwort geben würden, wäre das vermessen, irgendwie arrogant. Das ist nicht so unser Ding. Der große Wunsch leicht durch die Welt spazieren zu können, sich fallen zu lassen und nicht verkopft zu sein: „Free Fall Synergy“.
GL.de: Wie würdet ihr das Verhältnis zwischen Text und Musik beschreiben und wie hat sich das über die Jahre gewandelt? Gibt der Text die Stimmung der Musik vor oder geht es eher darum, mit Worten den Vibe des Sounds einzufangen?
Patrick Braun: Die Texte werden immer wichtiger und wir denken, dass sie auch interessanter werden. Wir haben schon immer in Bildern gesprochen, Teile aus der Band kommen vom Filmset, Maja ist studierte Fotografin. Das kommt vielleicht daher. Wir beschreiben manchmal Szenen aus Filmen, die es nie gegeben hat.
GL.de: Was macht für euch einen guten Text aus – eigene ebenso wie bei anderen Acts?
Patrick Braun: Dass man sofort drin ist, im Kopf des/der Erzählers/Erzählerin und alles vor dem geistigen Auge sieht. Dass eine Welt aufgeht.
GL.de: Auch visuell gibt es Veränderungen, bisweilen scheint es mir beim Artwork ein bisschen düsterer und urbaner zuzugehen? Ein Spiegelbild der Texte oder wie kam es dazu?
Patrick Braun: Es ist düsterer – genau! Der Film spielt bei Nacht und es gibt einige dunkle Ecken und Abgründe, aber wir finden auch Vertrautes in der Nacht. Zuerst gruselt man sich, aber wir neigen auch dazu, in alles, was wir nicht sehen, Schlimmes hineinzuinterpretieren. „Nightwalks“ ist ein Song darüber, dass man nur nachts alles klar sehen kann, wenn man nicht mehr geblendet wird von Stress, Lautstärke und Werbung.
GL.de: Thema Erwartungen. „Flood My Eyes“ ist für euch ein Erfolg, wenn…?
Patrick Braun: … wir Menschen bewegen.
GL.de: Zum Schluss: Was macht euch als Musikerinnen und Musiker derzeit besonders glücklich?
Patrick Braun: Dass Rock’n’Roll zurückkommt!
„Flood My Eyes“ von ACUA erscheint auf Papercup Records.




