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Die Indie-Rock-Szene unserer holländischen Nachbarn hat gerade in den letzten Jahren viele spannende Bands von Lewsberg über Loupe bis hin zu Real Farmer und Marathon hervorgebracht, und seit einigen Jahren gehören auch Personal Trainer zu den Namen, an denen man einfach nicht vorbeikommt. Seit nunmehr rund einer Dekade bildet Willem Smit das hyperaktive Epizentrum des rastlosen Kollektivs wechselnder Musikerinnen und Musiker, das vom sympathischen Underground-Geheimtipp zu einer festen, international tourenden Größe aufgestiegen ist. Jetzt erscheint ihr drittes Album, „Human Assholes“.
Spätestens seit ihren gefeierten Veröffentlichungen „Big Love Blanket“ (2022) und „Still Willing“ (2024) beim renommierten Label Bella Union gelten Personal Trainer als Inbegriff für unvorhersehbaren DIY-Pop-Enthusiasmus. Doch wer die Band jemals auf der Bühne erlebt hat, weiß, dass die wahre Magie von Personal Trainer in ihrer ungezähmten Live-Qualität liegt.
Auf der Bühne regiert das kontrollierte Chaos. Instrumente fliegen durch die Luft, die Besetzung wechselt gefühlt im Minutentakt, und die Songs klingen immer wieder anders. Genau diese rohe Energie, die Erkenntnis aus drei Jahren Non-Stop-Tourleben, ist nun das Fundament des dritten Studioalbums.
„Human Assholes“ markiert eine Art Neuanfang für Personal Trainer. Vorbei sind die Zeiten, in denen Smit und sein Co-Produzent Casper van der Lans wochenlang hinter Bildschirmen saßen, um digitale Sound-Schnipsel penibel aneinanderzureihen. Stattdessen ist „Human Assholes“ ein Album, das die Bandmagie der Konzerte im Studio einzufangen versteht.
Die Songs wurden gemeinsam als Einheit in einem physischen Raum geschrieben und innerhalb von nur sechs Tagen fast komplett live eingespielt. Das Ergebnis ist ein spürbar organischerer, wärmerer und gemeinschaftlicherer Sound, der den exzentrischen Indie-Rock-Kapriolen der Band eine völlig neue Reife verleiht. Trotz lyrischer Abgründe, die spielerisch zwischen obsessiver Verknalltheit, Selbstzweifeln und absurdem Witz changieren, fängt die Platte den unbändigen Geist ihrer Konzerte perfekter ein denn je.
Im Oktober und November sind Personal Trainer bei einigen Festivalauftritten in Deutschland, darunter beim Rockpalast und dem Rolling Stone Weekender, zu Gast. Eine Headline-Tournee ist für Februar 2027 eingeplant. Zuvor jedoch stand uns Willem Smit Rede und Antwort.
GL.de: Eure Musik steckt voller Überraschungen. Deshalb zum Beginn einfach mal ganz allgemein gefragt: Was ist für dich die größte Überraschung, wenn du auf den bisherigen Weg von Personal Trainer zurückschaust?
Willem Smit: Ich denke, die größte Überraschung ist, dass wir es geschafft haben, das Ganze so lange am Laufen zu halten, und dass es immer noch ziemlich gut läuft. Es macht immer noch sehr viel Spaß, und wir können nach wie vor viele Konzerte spielen und Alben aufnehmen. Das ist wahrscheinlich die größte Überraschung. Außerdem bin ich immer wieder überrascht von den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite. Sie sind alle supergut in dem, was sie tun, und ich lerne von jedem eine Menge.
GL.de: Apropos Spaß: Wie stellst du sicher, dass die geschäftlichen Aspekte, mit denen sich eine wachsende Band zwangsläufig auseinandersetzen muss, nicht im Weg stehen?
Willem Smit: Es geht um die Momente, in denen ich mich ganz auf die Musik konzentriere. Da fängt der Spaß erst richtig an. Ich versuche, dort Abwechslung reinzubringen und es für uns so interessant und spannend wie möglich zu halten. Natürlich gibt es auch die Management-Aufgaben und die ganze Planung und so weiter. Ich habe diese Woche einen ziemlich vollen Terminkalender und werde viele Dinge erledigen müssen, auf die ich mich nicht gerade riesig freue – all die ziemlich langweilige Planung mit vielen E-Mails. Aber letztendlich mache ich diese anderen Dinge, um mich der Musik widmen zu können.
GL.de: Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Erkenntnisse, die du aus den ersten beiden Alben gewonnen hast und die du nun auf dieses neue Album anwenden kannst?
Willem Smit: Das ist eine gute Frage. Da gibt es viele kleine Dinge – in Sachen Produktion habe ich zum Beispiel viel von Casper van der Lans gelernt, mit dem ich alle drei Alben aufgenommen habe. Bei den ersten beiden waren es nur wir beide, und bei diesem haben wir die Band etwas stärker einbezogen. So konnte ich mir etwa von seiner Herangehensweise an das Mixing eine Menge abschauen. Deshalb habe ich jetzt das Gefühl, dass es nicht mehr wie völliger Mist klingt, wenn ich ein Demo aufnehme – und das ist großartig!
Unser Pianist, Abel Tuinstra, hat eine ganz andere Herangehensweise, sowohl beim Komponieren als auch beim Musikhören. Wir haben einen sehr unterschiedlichen Musikgeschmack. Es ist toll, jemanden mit einer solch anderen Herangehensweise zu erleben, vor allem, weil ich früher in Bands war, in denen wir alle von genau derselben Art von Musik besessen waren. Unser Saxophonist und Gitarrist, Mart Boumans, hat ebenfalls eine ganz andere Sichtweise auf das Musikmachen. Außerdem lernt man auch viel auf sozialer Ebene, wenn man einfach mal 100 Tage im Jahr mit verschiedenen Leuten in einem Van unterwegs ist. Es gibt all diese Dinge, die ins Spiel kommen, wenn man versucht, eine Band zu führen – Dinge, mit denen ich nicht unbedingt gerechnet habe.
GL.de: In der Pressemitteilung steht, dass du in deinem Tun immer noch keine Methode hinter dem Wahnsinn gefunden hast. Ist das etwas Gutes?
Willem Smit: Ja, das ist etwas, das ich für mich selbst ein wenig zu bewahren versuche, auch wenn ich es nicht aktiv betreibe. Mir wird einfach langweilig, wenn ich zweimal dasselbe mache. Ich kann mir vorstellen, dass für viele Leute alle unsere Alben ziemlich ähnlich klingen. Für mich klingen sie sehr unterschiedlich, und in dem Moment, in dem ich das Gefühl habe, denselben Song zweimal zu schreiben, verliere ich das Interesse daran oder bringe ihn erst gar nicht zu Ende.
GL.de: In den neuen Songs steckt immer noch viel von deiner Persönlichkeit, aber trotzdem spürt man, dass es ein stärker bandorientiertes Werk ist. Wie kam es dazu?
Willem Smit: Die ersten beiden Alben entstanden nach dem Baukasten-System. Sie entstanden an verschiedenen Orten, in Proberäumen, kleinen Studios. Casper und ich gingen zu jemandem nach Hause, bauten dort ein Schlagzeug auf und nahmen die Drums für ein paar Songs auf. Das habe ich dann mit meinem Demo gemischt, die Gitarre herausgenommen und an einem anderen Ort von jemandem einen Synthesizer hinzufügen lassen. Aus all diesen Einzelteilen haben wir dann eine Platte zusammengestellt. Währenddessen hatte ich eine idee im Kopf, wie es am Ende klingen soll. Die erste Platte haben wir so gemacht, und bei der zweiten ging es dann viel schneller, weil Casper und ich eine ziemlich reibungslose Art der Kommunikation entwickelt hatten. Das war großartig!
Bei diesem dritten Album wollte ich einfach mal etwas Neues ausprobieren. Ich dachte, es könnte interessant sein zu versuchen, das Live-Feeling ein bisschen stärker einzufangen. Normalerweise schicke ich der Band die fertige Platte und sage ihnen: „Das ist das Endprodukt, das werden wir jetzt auf die Bühne übertragen.“ Dieses Mal haben wir das gewissermaßen schon vor den eigentlichen Aufnahmen gemacht. Wir haben die Songs so geprobt, als würden wir sie live mit fünf Paar Händen spielen. Anschließend haben wir fast alles in fünf Tagen aufgenommen.
GL.de: Wie hat die stärkere Einbindung der Band die Dynamik bei Personal Trainer verändert? Robert Smith von The Cure hat seine Herangehensweise mal als „südamerikanische Art von Demokratie“ bezeichnet. Ist das bei euch eine ähnliche Situation?
Willem Smit: Ja, die Formulierung werde ich ab jetzt auch verwenden, denn genau so läuft es bei uns. Wir reden nicht viel darüber, aber es ist letztlich mein Projekt und es sind meine Songs. Ich habe also zwar das Antwortrecht, bin aber immer extrem offen für Vorschläge. Ich habe das nie wirklich laut ausgesprochen, aber meine Regel lautet, dass ich immer ausprobieren möchte, was die Leute vorschlagen, um zu sehen, was dabei herauskommt. Es gibt aber auch eine andere, ungeschriebene Regel: Wenn es mir nicht gefällt, machen wir es nicht! Das macht vieles leichter, weil ich einfach „Nein“ sagen und vorschlagen kann, etwas anderes zu machen, anstatt stundenlang zu diskutieren.
GL.de: Auf der neuen Platte sind die Einflüsse, die in eure Musik einfließen, weniger klar definiert. Trotzdem ist immer noch unüberhörbar, dass die Vergangenheit eine wichtige Inspirationsquelle für dich ist. Was fehlt der heutigen Musik, dass du lieber zurückschaust?
Willem Smit: Ich glaube, in neuer Musik gibt es viel zu entdecken, vielleicht sogar mehr als in älterer Musik. Aber persönlich habe ich mich als Teenager sehr für Musik aus einer bestimmten Epoche begeistert, und es gab viele Bands aus einem Zeitraum von etwa 20 oder 30 Jahren, die ich wirklich geliebt habe. Ich glaube, das ist mir einfach irgendwie im Gedächtnis geblieben. Ich höre das in meiner Musik eigentlich nicht heraus, aber viele Leute sagen, dass immer ein Pavement-Einfluss zu spüren ist. Ich glaube, das hat sich einfach in meinem Kopf festgesetzt, weil ich in diesen prägenden Jahren, so mit 15, so viel Pavement gehört habe. Das ist wohl einfach in mich eingedrungen, und ich bin mir nicht sicher, ob es mich jemals wirklich wieder verlassen wird. Das läuft inzwischen vollkommen unterbewusst ab. Klanglich bin ich total darauf aus, Dinge durcheinanderzubringen, sie auseinanderzunehmen, und beim nächsten Mal kann ich mir auch vorstellen, etwas Hypermodernes zu machen.
GL.de: Eine weitere Sache, die an eurer Musik begeistert, ist die Verspieltheit, gerade auch auf der Bühne. Ist das einfach Ausdruck deiner und eurer Persönlichkeiten oder nutzt ihr das auch als Werkzeug, weil ihr wisst, dass es so für das Publikum spannender wird?
Willem Smit: Ja, das ist eine interessante Frage. Ich glaube, es gibt viele Dinge, die wir tun, die als Mittel dienen, um innerhalb von Songs oder während einer Show eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Aber da eine Show etwas Spontanes ist, das direkt im Moment passiert, besteht der Ansatz dort meiner Meinung nach darin, sich etwas mehr auf seinen Instinkt zu verlassen. Ich lasse mich einfach von der Energie leiten, die gerade in der Luft liegt. Wenn wir also Spaß haben, dann nutze ich das aus und versuche, es noch zu verstärken. Ich lasse mich dann vom Flow mitreißen. Aber wir haben auch Konzerte, bei denen wir nicht besonders viel Spaß haben, und dann habe ich immer das Gefühl, dass ich mich auch darauf mehr einlassen möchte. Das ist wahrscheinlich bei jedem in der Band anders, aber ich finde es wirklich schwer, mich zu zwingen, in einer anderen Stimmung zu sein, als ich es gerade bin. Meistens spiele ich einfach sehr gerne mit der Band, das macht einfach Spaß. Das sind wahrscheinlich 70 % der Auftritte, bei denen wir einfach eine richtig gute Zeit haben und uns einfach dieser Energie hingeben.
GL.de: Wir haben noch gar nicht über die Texte gesprochen. Du sagst, dass du selbst nicht genau weißt, was hinter dem Titel „Human Assholes“ steckt, aber wonach suchst du denn beim Texten?
Willem Smit: Ich glaube, zunächst geht es vor allem um den Klang – den Klang der Wörter und darum, wie sie zu meinem Rock-’n‘-Roll-Ideal eines coolen Songs passen. Danach schreibe ich einfach vieles um und spiele ein bisschen damit herum. Ich versuche, mir darüber nicht zu viele Gedanken zu machen und lasse es einfach geschehen. Irgendwann erkenne ich dann eine gewisse Struktur darin. Ich sehe, wie sich bestimmte Themen abzeichnen, und gehe vielleicht ein wenig darauf ein – oder ich mache das Gegenteil und entferne mich ein wenig davon. Für mich fühlt es sich ein bisschen so an, als würde ich mich zurückhalten, was seltsam ist, weil die Texte am Ende doch da sind und ich es bin, der sie schreibt. Ich schätze, ich suche nach Zeilen, die ich interessant oder witzig finde. Texte sind auch ein Mittel, um ein Album thematisch zusammenzuhalten, ohne dass es dabei unbedingt um etwas Bestimmtes gehen muss. Sie verleihen einem cool klingenden Song eine zusätzliche Tiefe.
GL.de: Zum Schluss: Gibt es irgendetwas, das auf deiner bucket list steht? Irgendwelche echten Träume, die du dir noch erfüllen möchtest?
Willem Smit: Keine besonders konkreten. Ich würde gerne neue Orte sehen, an denen ich noch nie war, aber ich würde mich auch sehr freuen, wenn wir in eine Lage kommen, in der es sich ein bisschen stabiler anfühlt und es eigentlich nur diesen Kreislauf aus Plattenaufnahmen und Konzerten gibt. Wenn das machbar wäre – das ist wirklich alles, was ich mir wünsche. Man könnte mich ruhig jahrelang in meinem Haus einsperren – solange ich einfach Platten machen kann, wäre ich bereits glücklich!
„Human Assholes“ von Personal Trainer erscheint auf Bella Union/Bertus.




