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Noch vor wenigen Jahren konnte man die Künstler:innen an einer Hand abzählen, denen es auch hierzulande gelang, den Geist des anglo-amerikanischen Indierocks der 90er- und 00er-Jahre ohne den obligatorischen harten teutonischen Einschlag, dafür mit viel Fantasie und einem guten Gespür für eingängige Hooks in die Gegenwart zu befördern. Das hat sich inzwischen glücklicherweise geändert – und den Beweis für diese These treten nun auch Plastic Peaches an. Das Quartett aus Essen sorgt mit Konzerten an Rhein und Ruhr sowie bei Festivals wie dem Traumzeit in Duisburg schon seit einigen Jahren für Furore und hat in der Vergangenheit auch schon eine ganze Reihe feiner Singles – allen voran „Lost Cause“ im letzten Jahr – veröffentlicht, doch die lange angekündigte erste „richtige“ EP namens „This Might Surprise You“ erscheint erst jetzt.
Mit den fünf Songs auf „This Might Surprise You“ bewegen sich Maja Bjeljac (Gitarre, Gesang, Texte), Alina von Zittwitz (Saxofon, Synths, Gesang), Eugen Findling (Bass) und Daniel Senzek (Schlagzeug) im Spannungsfeld von Indie, Grunge und Dream-Pop, schauen aber nicht nur wegen eines freigeistig eingesetzten Saxofons, das immer wieder auftaucht, auch gern über den Tellerrand, um so mit ihren handgemachten Coming-of-Age-Songs zu einer spannenden Interpretation des archetypischen Sounds der 90er-Jahre zu gelangen.
Im Mai stehen Plastic Peaches beim traditionsreichen Pfingst-Open-Air in Essen auf der Bühne, zuvor nahmen sich Maja und Alina spontan Zeit für unsere Fragen.
GL.de: Welche Rolle spielt Musik in eurem Leben, welchen Zweck erfüllt sie und wie hat sie sich über die Jahre verändert?
Alina: Musik ist der Spiegel meiner selbst. Oft habe ich das Gefühl, dass sie besser versteht, wie es mir geht, als ich selbst. Sie bringt Dinge zum Ausdruck, für die mir die Worte fehlen, und macht Stimmungen greifbar, die sonst schwer zu fassen sind – Musik sagt mir das Ungesagte, das in mir schlummert.
Seit ich Teil der Band bin und zum ersten Mal Songs aufgenommen habe, hat sich mein Hören verändert. Ich höre ich genauer hin und erkenne mehr in Songs, die ich schon tausendmal gehört habe. Ich erkenne, wie viel Überlegung und Gefühl in den kleinsten Details steckt und kann besser wertschätzen, was uns manche Künstler:innen mit ihrer Musik „geschenkt“ haben.
Maja: Musik war immer da in meinem Leben und ich würde mal sagen, dass es dem Rest der Band da ähnlich geht. Musik ist nichts, was ich aktiv betreibe, um einen „Zweck zu erfüllen“. Es ist eher so, dass Musik in all ihren Facetten ein Teil von mir ist und damit je nach Situation unterschiedliche Effekte auf mich hat. Es gibt sicherlich mal Durststrecken, wo ich ewig kein Instrument anrühre, aber selbst dann vergeht kein Tag, an dem ich nicht tausend Ohrwürmer habe, mir irgend ‘ne Melodie einfällt oder ich mich für irgendeinen Song begeistere, den ich ewig nicht gehört habe. Das klingt vielleicht kitschig, aber Musik spielen zu können ist eigentlich das größte Geschenk in meinem Leben. Danke an meine Familie, die mein Geklimper als Kind ausgehalten und gefördert hat.
GL.de: Wenn ihr auf euren bisherigen Weg zurückschaut: Was macht euch besonders stolz?
Maja: Wir waren die allererste Rock-Band, die jemals in der Villa Hügel in Essen gespielt hat – und das auch noch als Support für Die Sterne! Das hat sich schon ziemlich besonders angefühlt, in diesem surrealen Gebäude, das ist einfach ein Film. Und wenn man ehrlich ist, war es schon auch ein bisschen cool, als kleine Band mit „DIY-Grunge-Underdog-Attitüde“ im Herzen einen so geschichtsträchtigen Ort aufzumischen.
GL.de: Was war die wichtigste Lektion, die ihr auf eurem bisherigen Weg gelernt habt und die sich auf die Arbeit an „This Might Surprise You“ niedergeschlagen hat?
Alina: Man sollte die eigenen Songs niemals einfach aufgeben, auch wenn man sie schon so oft gehört hat, dass einem die Lust vergeht, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen. Da die Arbeit an unserer ersten EP länger gedauert hat als gedacht, haben wir natürlich schon mit neuen Songs angefangen. Da passiert es schon ganz gerne mal, dass man sich lieber mit den neuen Songs beschäftigt. Zum Glück sind wir aber immer wieder zu unseren Recordings zurückgekehrt und konnten immer wieder eine neue Begeisterung für die Songs finden. Bis heute kann ich immer wieder etwas Neues in den Songs entdecken, obwohl ich sie nun schon in- und auswendig kenne.
GL.de: Was hat euch dazu bewogen, in diesen Zeiten eine Band zu gründen und eine EP zu veröffentlichen, wenn der Musikmarkt auf Single-Releases ausgelegt ist und immer mehr Acts aus dem Boden sprießen, die allein mit Laptop auf den Festivalbühnen stehen? Warum sind Bands, die Gitarrenmusik machen, auch 2026 unentbehrlich?
Alina: Wir haben die Band gegründet, weil wir Spaß am Musizieren haben, gerne das ein oder andere Bierchen zusammen trinken und freiwillig im Keller eines Jugendzentrums abhängen, in dem wir laut sein dürfen, obwohl keiner von uns mehr Jugendlicher ist. Was wir machen, ist chaotisch und spontan und verfolgt kein stringentes Erfolgsrezept, sondern sprießt aus unserer Liebe zu „handgemachter“ Musik. Daran ist so schön, dass sie wandelbar ist und nie gleich klingt.
Maja: Ich habe immer mehr das Gefühl, dass der Kipppunkt langsam erreicht ist, wo sich Menschen in der Flut an KI-generierten Medien allgemein und der schnelllebigen, Mainstream- und profitorientierten Musiklandschaft so langsam wieder nach etwas sehnen, was nicht glattgebügelt und perfekt ist, sondern Hinweise auf menschliche Arbeit gibt. Diese finden sich meistens im Analogen, Unperfekten, Abstrakten und Fehlerhaften wieder – oder in absichtlich „schlecht gemachter Kunst“, wo wir irgendwie auch wieder Richtung Punk und Dadaismus steuern. Wenn da eine Formation an Leuten mit ihren Instrumenten und Stimmen auf einer Bühne rumspringt, hat das einfach eine ganz andere Wucht, als wenn eine Person da allein steht und auf Play drückt.
Was man dabei aber auch nicht vergessen darf – und was ich zunehmend in meinem musikalischen Umfeld beobachte – ist, dass viele eigentlich gerne mit kompletter Band auf der Bühne stehen würden, sich das aber kaum mehr jemand leisten kann zurzeit. Was ich aber letztens auch erst wieder so richtig realisiert habe: Bis zur Erfindung von Tonträgern (was in Anbetracht der gesamten Musikgeschichte noch gar nicht sooo lange her ist) war Musik immer ein unwiederbringliches Live-Erlebnis – und das ist halt geknüpft an einen bestimmten Ort, eine Zeit und die Menschen, die anwesend sind. Ich glaube, diese Dynamik wird nie aus der Mode kommen.
GL.de: Gab es irgendein besonderes Ereignis oder Erlebnis, dass eure Liebe zu dem auf den 90er-Jahre-fußenden Sound geweckt hat, der Plastic Peaches zumindest im Kern ausmacht?
Maja: Wahrscheinlich der Moment, als ich als Teenie Nirvana für mich entdeckt habe, haha. Aber im Ernst: Wir vier haben die 90er teilweise als kleine Kinder und teilweise als Teenager miterlebt oder wurden im Nachhall der 90er sozialisiert. Ich denke, da bleibt schon einiges hängen. Wenn man sich die Charts von damals anguckt, kann man diese Zeit auch kaum auf ein Genre festnageln, weil sich so viele neue Richtungen aufgetan haben, die, wie ich finde, alle ihren Reiz haben. Meine Theorie ist irgendwie auch, dass man immer einen Soft Spot für die Musik aus dem Jahrzehnt hat, in dem man geboren ist, egal wie breit gefächert der eigene Musikgeschmack auch sein mag.
GL.de: Ihr seid nicht die einzige Band, die sich derzeit im Spannungsfeld von Indierock, Dream-Pop und Grunge bewegt. Was macht für euch den besonderen Reiz an diesem Sound, an dieser Ästhetik, an dieser Attitüde aus, die ihr vielleicht in moderneren Produktionen nicht findet?
Maja: Für mich liegt der Reiz darin, einen Output zu finden, einfach für alles. Wenn man mal nicht lieb und brav und leise sein muss – einfach ein bisschen Hau-Drauf-Gefühl, unpoliert, mit Ecken und Kanten. Der Reiz liegt vielleicht auch darin, dass wir einfach aus dem Stegreif einen Proberaum-Jam in einen Song verwandeln können. Jemand bringt eine Idee mit und manchmal dauert’s keine Stunde, bis ein Grundgerüst für ’nen Song steht. Da braucht’s im ersten Moment keinen Laptop und so, und ich bin immer wieder begeistert davon, wenn vier Leuten zusammen etwas einfallen kann, worauf ich als Einzelperson vielleicht nie gekommen wäre. Jeder bringt einfach was anderes mit an den Tisch, was einen manchmal bisschen zum Umdenken und Kompromisse-Finden zwingt. Das bockt zwar auch nicht immer, ist aber natürlich gut so.
GL.de: Klanglich bleibt ihr einer gewissen Ästhetik treu. Gleichzeitig hat man aber das Gefühl, vor dem „Gesamtbild“ Plastic Peaches zu stehen, bei dem für jedes Lied ein bestimmtes Detail fokussiert oder rangezoomt wird. Ist das einfach der Ausdruck der breit gefächerten musikalischen Interessen von euch vier oder wie kommt es dazu?
Alina: Ja genau! Wir kommen alle aus verschiedenen Richtungen und hören privat ganz unterschiedliche Musikstile. Der Sound, den wir zusammen machen, ist vielleicht ein Kompromiss daraus, oder zumindest das, worauf wir uns gerne einigen und jede:r streut noch eine Prise des eigenen Geschmacks obendrauf.
GL.de: Bei alledem sorgt das Saxofon immer wieder für das Besondere Etwas. Bitte entschuldigt die plumpe Frage, aber: Wie ist das Instrument in ihre Musik gekommen und woher stammt die Inspiration, es so einzusetzen, wie ihr es tut?
Alina: Maja, Daniel und Eugen haben noch eine vierte Person für ihre Band gesucht. Als Maja gehört hat, dass ich früher Saxofon gespielt habe, hat sie mich gefragt, ob ich es nicht mal zu einer Bandprobe mitbringen könnte. Da haben sich ich und mein verstaubtes Saxofon, das seit meinem Abi für ein, zwei Jahre etwas in Vergessenheit geraten war, sehr gefreut! Für mich war es zum einen schon immer ein heimlicher Traum, mal in einer Band mitzuspielen und außerdem wusste ich, dass das der perfekte Anreiz ist, endlich wieder regelmäßig Saxofon zu spielen.
Wahrscheinlich sind meine Ideen, die ich für die saxofonische Begleitung habe, sehr aus meinen Zeiten in einer Schul-Jazz-Combo geprägt. Da ging es viel um Begleitung der Leadstimmen, in unserem Fall von Majas Gesang, aber auch die kleinen Soli, die man immer einbauen kann.
Maja: Alina ist einfach unser Multitasking-Genie, das muss man an dieser Stelle mal sagen. Ich finde auch, dass das Saxofon das gewisse Etwas in unsere Musik bringt. Das erwartet man erstmal nicht bei der Musik, die wir machen – this might surprise you, hehe. Ich finde, es gibt nochmal extra Wärme und Holzigkeit zu unserem Sound hinzu. Es macht auch einfach Spaß, damit zu experimentieren: das Saxofon wird hin und wieder auch mal durch ein paar Effektpedale gejagt.
GL.de: Weil der EP-Titel „This Might Surprise You“ zu der Frage einlädt: Was war für euch selbst die größte Überraschung bei der Produktion der EP?
Alina: Für mich, die ich zum ersten Mal Songs aufgenommen hat, war es eine große Überraschung, wie viele Ideen, Sounds und Geräusche noch dazukamen. Die Songs waren ja eigentlich schon im Groben fertig geschrieben und wir hatten sie auch schon ein paar Mal live gespielt. Als wir dann nach und nach alle Instrumente einzeln aufgenommen haben und alles ganz genau anhören konnten, kamen noch super viele neue Ideen dazu. Das hat in uns einen richtigen Ehrgeiz geweckt, noch mehr Details einzubauen! Da kamen plötzlich Klanghölzer zum Einsatz oder auch mal absichtliche Atemgeräusche und geflüsterte Texte. Die Zeit zu haben, zu experimentieren, fand ich supercool!
GL.de: Maja, textlich ist der Bogen von Bubble Wrap bis zu Lebensmittelmotten weit gespannt. Wonach suchst du? Welchen Zweck erfüllt für dich das Texten?
Maja: Eigentlich suche ich nach gar nichts. Die Texte kommen einfach zu mir und wollen raus. Wenn wir einen neuen Song schreiben, kommen mir fast immer direkt eine Melodie, eine Grundstimmung und ein paar Wörter in den Kopf. Das bildet dann die Basis für den Text und der Rest kommt meistens ziemlich von allein. Im Alltag stolpere ich manchmal über interessante Wörter, die ich cool finde, oder mir fallen in bestimmten Momenten ein paar Zeilen ein, die ich mir notiere und auf die ich dann im Songwriting zurückgreife, wenn etwas davon zum Thema passt.
Ich weiß nicht, ob das Texten für mich einen bestimmten Zweck erfüllt. Es ist einfach schon immer Teil meines Lebens gewesen, weil mir auch immer irgendwas einfällt – mein Hirn kann nicht so gut die Klappe halten, was fürs Songwriting meistens ganz nützlich ist. Meine Texte sind im Kern oft einfach Momentaufnahmen von dem, was mich beschäftigt. Darin ist wahrscheinlich nicht die große Weisheit versteckt, eher so die alltäglichen Beobachtungen und die Beziehung zu anderen Menschen, manchmal auch paniert mit bisschen Fantasie und ‘nem Augenzwinkern.
Den Song „Butterfly“ haben wir meinem Untermieter zu verdanken, der mir während meiner Abwesenheit im Auslandssemester Lebensmittelmotten beschert hat – aber dann mit den abstrusesten Argumenten die Verantwortung von sich weisen wollte. Eine ganz normale Entschuldigung hätte es auch getan, aber immerhin ist daraus eine lustige Story und ein Song entstanden, das war’s dann irgendwie auch wert.
„Gut Feeling“ ist ein Sammelsurium einiger Situationen, durch die ich im Nachhinein gemerkt habe, dass ich in menschlichen Beziehungen ruhig auf mein Bauchgefühl hätte vertrauen sollen. Der Text ist zwar abstrakt gehalten, aber für mich persönlich sehr nah dran an der Realität. Anders war es bei „Bubble Wrap“: Unser Bassist Eugen hat den Begriff mal als lustigen Songtitel-Vorschlag mitgebracht und dann wurde diese absurde Story daraus, in der das lyrische Ich Luftschlösser baut mit Leuten, die ganz schön weirde Hobbys haben.
GL.de Eure Musik wird oft von starken Gefühlen angetrieben. Gibt es für euch eine gewisse „Lieblingsemotion“, die sich für euch besonders gut in Songs übersetzen lässt?
Alina: Würde ich nicht grundlegend sagen. Uns ist aber tatsächlich aufgefallen, dass es in mehreren unserer Songs um einen gewissen Moment geht. Der flüchtige Moment, in dem man Augenkontakt mit einer fremden Person hat und sich in deren Augen ein ganzes gemeinsames Leben abspielt. Also diese Millisekunde, die man einfach so manchmal im Alltag erlebt, während man durch die Straßen geht und Menschen an einem vorbeiziehen. Vielleicht liegt darin eine gewisse Sehnsucht oder Tragik, aber auch eine kurze Verbundenheit, die ich total schön finde.
GL.de: Die EP ist frisch draußen, im Mai steht ihr beim Pfingst-Open Air in Essen-Werden auf der Bühne – und dann…?
Maja: Nach der EP ist vor der EP! Wir haben in der Zwischenzeit genügend Songs geschrieben, sodass wir damit auf jeden Fall bald wieder ins Studio können. Das ist auch der Plan für den Spätsommer/Herbst. Ansonsten mal gucken, was noch so kommt!
GL.de: Letzte Frage: Welche unerfüllten Träume stehen auf der bucket list?
Maja: Ganz ehrlich – eine eigene Katze. Aber abgesehen davon: Natürlich irgendwann mal ein ganzes Album zu machen, mit richtig viel Liebe zum Detail und das Ding dann irgendwann auf Vinyl in den eigenen Händen zu halten. Und auf einer richtig, richtig fetten Festivalbühne vor unnormal vielen, gut gelaunten Leuten zu spielen, am besten bei Sonnenuntergang und mit einer leichten Brise im Haar.
Alina: Letzterem kann ich mich nur anschließen. Einmal ein für uns sowie für das Publikum unvergessliches Festival spielen – und alle singen mit!
„This Might Surprise You“ von Plastic Peaches erscheint auf DAME Records.




