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Es ist ja heutzutage fast schon normal, wenn sich junge KünstlerInnen aus der Indie- und/oder Leftfield-Pop-Szene keinem bestimmten Sounddesign und/oder dezidiertem Genre mehr verpflichtet fühlen, sondern sich stilistisch und formal alle Möglichkeiten offen halten und dabei dann auch eigene Akzente setzen. Das macht die Londoner Songwriterin Eaves Wilder auch – nur dass sie diese Elemente des genreübergreifenden Stilmixes innerhalb einzelner Songs zelebriert, die dann oft wie aus verschiedenen Welten zusammengesetzt wirken, dann aber aus der Vogelperspektive durchaus als selbständiges, vielschichtiges Kleinkunstwerk beeindrucken. So etwas zu realisieren dauert natürlich – zumal innerhalb der so entstehenden Songs inhaltlich auch noch die Probleme des Erwachsen-Werdens und der Selbstfindung abgearbeitet werden müssen. Deswegen ist es nicht so überraschend, dass es ganze sechs Jahre von den ersten musikalischen Tastversuchen im Jahre 2020 und der 2023er EP „Hookey“ bis zur Fertigstellung des Debüt-Albums „Litte Miss Sunshine“ dauerte. Oder gibt es dafür auch noch andere Gründe?
„Zugegebenermaßen hat es sehr lange gedauert“, räumt Wilder ein, „als wir uns 2024 in Hamburg unterhalten haben, hatte ich das Album sogar schon geschrieben. Ich hatte mir damals vorgestellt, dass ich gleich in mein Studio gehen würde, das ich in einer Hütte in meinem Garten eingerichtet habe, um die Sachen vorzubereiten und dann einen Produzenten zu bitten, mal drüberzuschauen, um dann das eine oder andere zu verbessern. Der Grund, warum es letztlich dann doch so lange gedauert hat, hat damit zu tun, dass ich Sachen nur mache, wenn ich vollständig davon überzeugt bin. Ich hatte dann eine Phase des Selbstzweifels, in der ich dachte, dass das, was ich geschrieben habe, nicht gut genug sei und spielte gar mit dem Gedanken, die Sache mit der Musik zu lassen, weil ich nicht mehr vorstellen konnte, eine Musikerin zu sein. Mein Selbstvertrauen war damals sehr niedrig. Ich hatte damals sogar vor, mich in ein Kloster zurückzuziehen.“
Wie konnte Eaves Wilder denn jemals ernsthaft erwägen, keine Musik mehr zu machen? „Ich weiß nicht“, zögert sie, „ich hatte das ja tatsächlich mal versucht – aber ich muss sagen, dass das dann auch die schlimmste Zeit in meinem Leben war und ich stark an mir zweifelte. Ich habe nach Klöstern in meiner Gegend gesucht, in die ich mich zurückziehen wollte. Das hatte gar keinen Sinn gemacht, denn ich bin gar nicht religiös – und die Musik ist das Einzige in meinem Leben, das ich spirituell anbeten könnte. Wenn es die Musik nicht gäbe, dann wäre ich heute tatsächlich eine Nonne oder sowas.“
Was hat Wilder denn letztlich davon überzeugt, dass es ohne die Musik dann doch nicht geht? „Das ist einfach meine Art“, schmunzelt sie, „Musik ist halt meine Art, mich auszudrücken. Mir wurde klar, dass das nichts werden würde mit dem Kloster, als ich ernsthaft überlegte, wie ich meine Gitarre und mein Klavier da einschmuggeln könnte.“
Was bedeutet denn die Musik für Eaves Wilder? „Ich denke, Musik ist das Beste, was wir als Menschen erfunden haben, das auf einer technischen Ebene vielleicht nicht notwendig für unser Überleben erscheint. Es ist schon lustig, dass wir als Menschen erkannt haben, dass wir die Musik dennoch unbedingt brauchen. Meine liebste Sache ist, dass Musik den Soundtrack zu deinem Leben ist – wie bei einem Film. Musik hilft dir bestimmte Punkte und Erinnerungen aus deinem Leben festzuhalten. Als Fan ist das meine Lieblingseigenschaft. Musik kann dich zu bestimmten Erinnerungen besser zurücktransportieren als andere sensorische Dinge.“
Das Schöne ist dabei ja dann auch, dass es dabei nicht um Logik und Vernunft geht. „Das ist sehr richtig – ich liebe das“, erklärt Wilder, „nimm zum Beispiel einen beliebigen Oasis-Song. Du fragst dich: ‚Wovon zum Teufel erzählen die da?‘ Es macht keinen Sinn, aber es berührt dieses viszerale Ding, das niemand so richtig erklären kann, mit dem sich aber jedermann verbunden fühlt.“
Worum geht es dann Wilder auf der inhaltlichen Ebene? „Ich denke, dass mir die Nachvollziehbarkeit viel bedeutet“, führt sie aus, „aber ich mag es auch, wenn die Texte gut klingen. Deswegen mag ich auch Liz Fraser (von den Cocteau Twins) so sehr. Es geht da nicht um Wörter, die im Englischen besonderen Sinn machen, sondern um den Klang von Silben und Vokalen. Wenn ich einen Song schreibe, dann beginnt der immer damit, dass ich nach Klängen suche und selbst wenn ich dann versuche, Wörter zu finden, erinnere ich mich immer daran, dass es einen Grund dafür gibt, dass diese Klänge gut geklungen haben. Ich denke, es geht mir zu 50:50 um Texte, die Sinn machen und Texte, die gut klingen. Ich arbeite dazu, zum Beispiel generell mit persönlichen Referenzen – versuche aber zuweilen, diese etwas zu verschleiern – und das geht gut mit Klängen.“
Es ist ja auch immer von Vorteil, mit persönlichen, spezifischen Details zu beginnen und dann auf universelle Konzepte zu kommen – anders herum wird es ja schnell auch langweilig. „Ja, da stimme ich zu“, pflichtet Wilder bei, „es ist aber schwer, die Balance zu finden. Für gewöhnlich beginne ich auch mit Details, die für mich etwas Bestimmtes bedeuten – denke dann aber auch über fünf andere Deutungsmöglichkeiten nach und versuche, die auch noch einzubinden.“
Da hat Wilder aber Glück, dass sie auf Englisch singen kann – denn da geht es nicht so eindeutig und präzise zu, wie zum Beispiel im Deutschen. „Ist das so?“, fragt sie, „deswegen seid ihr vielleicht ja auch effizienter als ihr werdet. Aber ich muss sagen, dass ich die Ambivalenz des Englischen schon sehr liebe. Englisch war immer mein Lieblingsfach an der Schule – auch wenn ein Wort fünf verschiedene Bedeutungen haben kann, die alle Sinn machen.“
Geht es auf dem Album auch um das Thema Empowerment? „Auf gewisse Art schon“, überlegt Wilder, „für mich war es das jedenfalls, weil es um mich geht und weil ich mein Selbstvertrauen durch dieses Projekt zurückgewonnen habe. Das hat mir geholfen – aber ich weiß nicht, ob sich die Leute, die das Album hören, auch ermächtigt fühlen. Es gibt Songs wie ‚Just Say No‘, die das stärker zum Ausdruck bringen. Ich wollte einen Song für Menschen, die in einer missbräuchlichen Beziehung waren und ständig gefragt werden, warum sie nicht einfach ’nein‘ gesagt haben, auf dem Album haben. Ich wollte mit diesem Song erklären, warum das nicht so einfach ist und warum Betroffene nicht einfach ’nein‘ sagen können. Menschen, die andere missbräuchlich behandeln, zerstören ja die Autonomie der Betroffenen, so dass diese gar nicht mehr die Möglichkeit haben, sich aus einer solchen Beziehung zu lösen, weil sie total gebrochen sind. In diesem Song beschreibe ich diesen Prozess.“
Einige der neuen Songs wie z.B. „L.A.“ oder „The Great Plains“, die Wilder als einsame Person in einer großen Welt zeigen. „Ja, ich unternahm nach der COVID-Epidemie eine Reise nach L.A. – und das war einer dieser Trips, auf denen alles schief geht“, berichtet Wilder, „ich war zuvor noch nie an einem so großen Ort gewesen – und fühlte mich richtig, richtig klein und einsam. ‚The Great Plains‘ ist auch so ein Song – allerdings umgekehrt. Denn nachdem ich aus L.A. zurückgekehrt war, verliebte ich mich nachträglich in die amerikanische Kultur und die Landschaft, die ich unglaublich cool finde – obwohl ich ja zuvor festgestellt hatte, dass das nichts für mich ist. Da geht es also mehr um die Romantisierung einer Idee – ein bisschen so wie bei ‚Little House On The Prairie‘. Es geht dann darum, mich größer fühlen zu können, als ich eigentlich bin.“
Wilder arbeitet ja nicht alleine an ihrer Musik, sondern mit dem Co-Produzenten Andy Savours (der unter anderem für My Bloody Valentine, The Horrors und The Killers arbeitete). Welchen Anteil an der Produktion hatte der denn? „Bei dieser LP war es mir wichtig, dass ich den Klangraum der Produktion schon fertig im Kopf hatte, als wir mit den Aufnahmen begannen. Ich wusste also schon, wie alles klingen sollte und wir mussten dann nur bestimmte Elemente auf ein bestimmtes Level heben. Was mir dabei besonders wichtig war, war, dass bestimmte Sachen einfach nicht poliert werden sollten, denn wenn man alles rau und ungeschliffen lässt, dann ergibt das zuweilen echt seltsame Sounds, von denen sich nicht mehr sagen lässt, woher die denn wohl kommen – was ich sehr gerne mag. Es wirkt so alles größer und man bekommt interessante Texturen, was mir deswegen so wichtig ist, weil das spezifisch mein Geschmack ist und ich das deswegen selber machen wollte. Andy hat sich das dann alles angehört und hat mich dann auch darin unterstützt, die Sachen nicht zu polieren und die Sachen eben nicht neu einzuspielen, um Fehler auszubügeln oder so etwas. Man muss auch darauf achten, nicht zu lange an einer Sache zu arbeiten. Man nennt das ‚Demoritis‘ – wenn man sich nämlich in den Details der Aufnahmen verliert.“
Diese Gefahr ist für Eaves Wilder eigentlich sehr gering, denn der Grund, warum sie so schnell an vielen verschiedenen Ideen arbeitet, ist ja der, dass sie sich ansonsten schnell langweilen würde. „Ja, genau“, bestätigt sie, „deswegen strukturiere ich meine Songs auch immer so, dass es eine Art Schock gibt. Ich liebe ‚Man-Sized‘ von PJ Harvey, weil sie den Song so leise beginnt, dass es dir die Ohren wegbläst, wenn der Refrain kommt. Das ist so cool – und deswegen möchte ich den Zuhörer auch mit dieser Technik hereinlegen. Ich liebe es nämlich, wenn dich ein Song wirklich überwältigen kann. Das hat aber auch einen praktischen Effekt. Wenn ich in meiner Gartenhütte arbeite, dann beginne ich ja für gewöhnlich alleine mit der akustischen Gitarre und dann kommt der Rest hinzu.“
Was macht Eaves Wilder denn zum Spaß, wenn sie Songs schreibt? Es kann ja nicht immer um tiefgründige, ernste, düstere Themen gehen. „Wenn ich mal etwas Lustiges finde, was ich artikulieren möchte, dann kann ich mir auch vorstellen, darüber zu schreiben“, verteidigt sich Wilder, „im Moment lese ich zum Beispiel dieses Buch über Elfen und würde gerne mal Songs über sie schreiben. Ich würde auch gerne mal den Soundtrack zu einem Film schreiben. Musik macht mir aber generell sowieso viel Spaß – weil es da immer so experimentell zu geht.“
„Little Miss Sunshine“ von Eaves Wilder erscheint auf Secretly Canadian/Cargo.




