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„Are You There?“ fragt die georgisch-amerikanische Musikerin Anana Kaye im Titel ihres dritten Albums – das sie zusammen mit ihrem Gatten und musikalischen Partner Irakli Gabriel im wahlheimatlichen Nashville einspielte. Die Frage, um wen es bei dieser Frage gehen könnte, ist schnell geklärt, denn damit ist der 2020 verstorbene Songwriter David Olney gemeint, mit dem zusammen Anana und Irakli bereits ihr letztes Album „Whispers And Sighs“ schrieben und produzierten – das aber erst nach Olneys Ableben veröffentlicht werden konnte. Und ja: David Olney ist auch auf „Are You There?“ noch sehr präsent, denn einige der Tracks entstanden noch in Zusammenarbeit mit Olney und wurden für dieses Projekt dann erst fertiggestellt. Musikalisch löst sich Anana Kaye mit diesem Album von ihrem bisherigen Etikett als „Americana Darling“ und führt das Projekt mit Hilfe der Produzenten Charlie Chamberlain und Brett Ryan und einer All-Star-Cast von internationalen Musikern eher in Richtung Glam-Rock und (Power)-Pop.
„Das hat einen einfachen Grund“, erklärt Irakli – Ananas Ehemann und musikalischer Partner – „der andere David – David Bowie – hat neben David Olney auch einen großen Einfluss auf uns. Und der verstand ja etwas vom Thema Drama und Glam mit seinen Veränderungen von Persona zu Persona und der Interpretation verschiedener Charaktere. Man bleibt sich dabei durchaus treu, wenn man in dieser Richtung denkt, aber man kann dann auch aus der Position dieser Charaktere agieren.“ Auch in dieser Hinsicht ist David Olney wohl ein Vorbild, denn er schrieb ja oft aus der Sicht von Charakteren – allerdings oft von solchen aus anderen Zeiten. Ist es schwieriger, solche Songs zu singen? „Nein – wenn überhaupt ist das sogar einfacher“, erklärt Anana. „Wir haben deswegen so gut miteinander harmoniert, weil ich mich selbst auch sehr für die Geschichte interessiere und mich in unseren modernen Zeiten noch nie so richtig zu Hause gefühlt habe.“
Bevor wir auf die Musik des neuen Albums zu sprechen kommen, müssen wir leider zunächst auf die politische Lage eingehen, denn Anana engagiert sich nicht nur im heimatlichen Georgien, sondern auch in Bezug auf die Unterstützung der Ukraine.
„Ich bin gerade aus Georgien zurückgekommen und habe einige Monate dort verbracht“, berichtet Anana, „der Kampf geht auch dort weiter und die Menschen protestieren auch noch. Aber fast jede Woche bringen sie ein neues, verrücktes Gesetz heraus, das es fast unmöglich macht, seine unabhängige Stimme zum Ausdruck zu bringen. Wir stecken mitten drin.“ „Auf gewisse Weise ist es ja gut, dass die Sache für Georgien nicht so schlecht läuft wie in der Ukraine oder im Iran“, wirft Irakli ein.
Ist das auch der Grund, warum Anana ein Cover des Songs „There Is A War“ von Leonard Cohen auf das Album brachte? „Ja, ich bin ein großer Fan von Leonard Cohen – und ich mag besonders seine Songs, die sehr sarkastische und kaustische Reflexionen der Zeiten, in denen er lebte, sind“, führt Anana aus. „‚There Is A War‘ ist einer dieser Songs – den ich auch immer schon covern wollte. Einige Zeit, nachdem die Ukraine angegriffen wurde, gab es ja diese Diskussionen, wo bestimmte Gruppen sagten, dass der Krieg um jeden Preis beendet werden sollte, damit das menschliche Leiden beendet werden sollte.“
Diese Diskussionen sind ja nach wie vor auch heute und bei uns in gewissen Kreisen sehr populär. „Ja klar – das will ja jeder, dass der Krieg aufhört“, fährt Anana fort, „aber die Ukraine hat so viele Opfer gebracht, dass ich geradezu in eine existenzielle Krise geraten bin – denn Künstler wollen ja lieber über den Frieden und nicht über den Krieg singen. So hat mir dieser Song ‚There Is A War‘ sehr geholfen, mit der Situation umzugehen, dass ich viele meiner Freunde für ihre Freiheit kämpfen sehe. Für mich stellt sich das so dar, dass deren Opfer mit der Zeit unbeachtet bleiben. Anfangs waren ja alle Pro-Ukraine – aber je länger der Krieg sich hinzog, wurden die Leute ungeduldig.“
„Darauf zählen die Aggressoren ja“, wirft Irakli ein, „auch in Georgien versuchen die Machthaber, die Menschen durch eine Abnutzung der Ressourcen in die Unterwerfung zu treiben. Frei nach dem Motto: Was soll denn der Widerstand – wir werden euch doch sowieso besiegen, da könnt ihr ja auch gleich aufgeben. Das ist eine sehr gewalttätige Sache, wenn du so was mal erlebt hast – und das haben wir.“
Anana hat noch einen wichtigen Aspekt hinzuzufügen. „Ja, zu der Zeit der gestohlenen Wahlen in Georgien war die Propaganda absolut furchtbar. Man sah Werbeplakate mit einem idealisierten Stadtbild auf der einen Seite und dem Slogan ‚Wählt den Frieden‘ und auf der anderen Seite war eine zerstörte Kathedrale in der Ukraine zu sehen mit der Aufschrift ‚Wählt den Krieg‘. Der Friedensaspekt wurde also zur Propaganda eingesetzt. Folgt uns – oder ihr werdet genau das selbe Schicksal erleiden wie die Ukraine. Ich als Immigrantin in den USA nehme so etwas natürlich besonders wahr und verfolge auf der anderen Seite diesen pazifistischen Diskurs über den Frieden also sehr genau. Es gibt da also diese moralische Dichotomie, die mich dazu geführt hat, zu hinterfragen, was für mich ‚Frieden‘ eigentlich bedeutet?“
Und hat Anana eine Antwort auf diese Frage gefunden? „Frieden basiert ja eigentlich auf der Wahrheit und gemeinsamen Werten“, überlegt sie, „ich hinterfrage das noch immer. Frieden ist sicherlich nicht einfach nur die Abwesenheit von Krieg. Wenn man einen Krieg beendet, heißt das noch lange nicht, dass man Frieden hat. Es gibt jede Menge Länder ohne Krieg, die keinen Frieden haben. Es geht auch nicht einfach nur darum zu überleben. Ich verstehe diese Diskussionen heute ein bisschen besser, weil ich weiß, woher sie kommen. Das Leben ist ja schon heilig und wir wertschätzen diese Heiligkeit. Aber es gibt einen Grund, warum das Leben heilig ist – weil es nämlich nicht alleine um die bloße Existenz geht. Das sind die Dinge, die mir durch den Kopf gingen, als wir an diesem Projekt arbeiteten.“
Kommen wir aber mal zum Album selbst: Wie findet Anana Kaye das Setting für die Songs? Eine Frage, die sich nämlich aufdrängt, ist die, warum zwischen dem Album „Whispers And Sighs“ und dem neuen Album ganze fünf Jahre ins Land gegangen sind, in denen Anana nur gelegentlich mit Single-Tracks, Live-Auftritten und Kollaborationen (wie z.B. mit den befreundeten Waterboys) in Erscheinung trat.
„Die Frage nach dem Setting beantwortet eigentlich auch schon gleich, warum es so lange dauerte“, meint Anana, „‘Whispers And Sighs’, das Album, das wir mit David Olney einspielten, war in zehn Tagen fertig. Es dauerte dieses Mal aber so lange, weil wir so viel mit den Songs herumexperimentiert haben. Wir haben viele Klangräume erforscht und mit verschiedenen Ebenen gearbeitet. Es gibt dabei aber auch Songs, wie ‚Love Is‘, die recht einfach arrangiert sind. Ich wollte hier eigentlich nur eine armenische Duduk auf dem Song haben – ein Instrument, mit dem ich wegen unserer Herkunft aus Tiflis sehr vertraut bin – wo dieses Instrument sehr typisch ist. Dieser Song war perfekt für so etwas, denn er hatte so ein angenehmes Walzer-Gefühl. Für andere Songs – wie ‚Cordelia‘ und das Reggae-inspirierte ‚Red Desert‘ – sind wir ganz andere Wege gegangen.“
Das gilt ganz besonders für den Track „Cordelia“, der das Album auch eröffnet. „Als David uns schon verlassen hatte und die Welt um uns sich in kurzer Zeit so dramatisch veränderte, während wir versuchten, den Krieg gegen die Ukraine irgendwie emotional zu verarbeiten, da fühlte sich das wirklich an, als könnten wir in unseren gemeinsamen Songs Zuflucht finden“, erklärt Anana, „insbesondere auch in dem Shakespeare-Thema des Songs ‚Cordelia‘, denn das fühlte sich ja geradezu kontemporär an.“
Der Grund, warum dann ausgerechnet Cordelia als Titelcharakter ausgewählt wurde (denn immerhin hatte König Lear ja drei Töchter), ergab sich dann wohl aus deren Position als Vermittlerin? „Wir konnten uns alle mit dem Charakter der Cordelia identifizieren, weil sie die Wahrheit ausspricht, wofür sie einen hohen Preis zu zahlen hat“, führt Irakli aus. „Aber sie bewahrt ihre Integrität, indem sie ihren Vater nicht belügt. Das passt zu der Welt, in der wir heute leben – es ist ein sehr modernes Thema, aber eine zeitlose Metapher.“ „Außerdem ist ‚King Lear‘ ja auch ein politisches Theaterstück“, wirft Anana ein, „es fängt damit an, dass der König verrückt wird, als es darum geht, sein Königreich aufzuteilen. Es fühlte sich angesichts der Parallelen zur Jetztzeit einfach richtig an, das zu nutzen.“
Gibt es für Anana Kaye und Irakli Gabriel – in ihrer Eigenschaft als Songwriter und/oder Kuratoren hinsichtlich der Auswahl eigentlich so etwas wie die Frage „Warum?“ „Also für dieses Projekt gab es gewiss kein ‚warum‘“, erklärt Irakli, „es war alles sehr inspiriert und die Songs suggerierten die Richtung und die Stile und die Diversität von sich aus. Manchmal, wenn man in Nashville mit jemandem zusammen Songs schreibt, dann gibt es schon ein ‚warum‘, weil man ja eine bestimmte Art von Song für ein bestimmtes Projekt machen will – aber bei unserem Projekt kam alles einfach von Herzen.“
„Auch für mich gibt es kein ‚warum‘, wenn ich Songs schreibe“, führt Anana aus, „ich sehe das so, dass die Lieder aus dem Nichts heraus entstehen wollen und müssen. Ich muss diese dann nur aus unserer Welt von Ideen herauslösen. Beim Schreibprozess stellt sich also nie die Frage nach dem ‚warum‘. Es gibt aber immer eine Phase, wenn man an einer Scheibe arbeitet, wo man sich fragt, warum der eine oder andere Song an dieser oder jener Stelle stehen sollte oder in welchem Zusammenhang er den meisten Sinn macht, damit die Scheibe als komplettes Werk funktioniert. So ist das dann auch mit dem Leonard Cohen Song ‚There Is A War‘ gewesen.“
Dabei bietet die Musik als solche ja sicherlich ein gutes Mittel, mit solchen Gedanken dann auf kreative Weise umzugehen – oder wie nutzen Anana und Irakli die Musik? „Da muss ich in meine Kindheit zurückgehen“, erklärt Irakli, „ich habe in der Musik immer Trost gefunden und sie als besten Freund kennengelernt. Denn wenn es dir gut geht, magst du fröhliche Musik hören und wenn du traurig bist, tröstet sie dich eben. Das gilt auch für Instrumentalmusik – denn zunächst habe ich mich für klassische Musik interessiert. Und dann sind da Leute wie Bob Dylan, der praktisch zu jedem Thema einen Song geschrieben hat, was der Grund ist, dass alle seine Lieder spielen wollen; weil er nämlich deine eigenen Gefühle und auch anderer Menschen Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Das ist es, worum es geht. Ich will die ganze Zeit immer nur Musik hören und Musik spielen. Wenn ich das tue, dann fühle ich mich eins mit der Welt – und das macht Sinn für mich. Das ist besser, als in einem warmen Bad zu sitzen.“
Ist es dann so, dass Anana und Irakli ihr Leben über ihre Songs verarbeiten? „Ja, das würde ich schon sagen“, überlegt Anana, „aber ich denke, dass es nicht um einen Instinkt geht, sich hinzusetzen, um einen Song über etwas zu schreiben. Das ist eine Form von Therapie, die ich nicht für mich in Anspruch nehmen möchte. Bei mir ist das eher so, dass, wenn ein Song auf mich zukommt, irgendetwas aus der Welt an Ideen, die sich mir darbieten, zu mir ruft: ‚Nimm mich, nimm mich, nimm mich‘. Da gibt es ein Gefühl der Dringlichkeit, das aber nicht bewusst ist. Aber ich stimme absolut zu, dass, wenn du ein Fundament für dein Song-Haus baust, die Wände errichtest, das Dach deckst und diese mit Farbe anstreichst, das dann zu einer Art wird, dein Leben zu verarbeiten. Aber wie gesagt: Ich denke nicht, dass das eine bewusste Entscheidung ist.“
„Es ist ja auch nicht so, dass sich das dann sofort erschließt“, fügt Irakli hinzu, „es ist eher so, dass du manchmal erst, nachdem du etwas geschrieben und eingespielt hast, feststellst, worüber du eigentlich geschrieben hast – und das dann erst nachträglich Sinn machst. Wie gesagt: Das ist kein bewusster Prozess – und du musst dann auch damit leben, was du über dich auf diesem Weg gelernt hast.“
Was inspiriert Anana denn selbst als Songwriterin? „Die Themen, die mich insbesondere jetzt interessieren, sind die Zeiten, in denen wir leben und wie es möglich ist, angesichts des ganzen Wahnsinns in der Welt menschlich zu bleiben“, beschreibt Anana, „Menschen und ihre Hintergründe, Perspektiven und Erlebnisse interessieren mich auch. Musikalisch finde ich mich dann vor dem Klavier wieder und lasse mich dann von einer Melodie oder einer Textzeile inspirieren. Es ist aber nicht so, dass ich mich konzentriert für eine Woche hinsetze und Musik schreibe, sondern ich schreibe eigentlich immer. Dabei entstehen dann auch Unmengen von unfertigen Songs. Die Songs, die fertig geschrieben werden wollen, lassen Dich das dann aber auch wissen – sie lassen Dich nicht mehr los. Ich fühle mich zuweilen regelrecht verfolgt und besessen von solchen Songs.“
Mit ihrem neuen Album „Are You There?“ zeigt die Songwriterin Anana Kaye neue musikalische Facetten ihres Tuns, bleibt aber zugleich dem Geist David Olneys treu, der als Storyteller mit seiner ungewöhnlichen, an historischen Referenzen interessierten Themenwahl eine ganz eigene erzählerische Ästhetik entwickelte, auf die sich nun auch Anana Kaye bezieht.
„Are You There?“ von Anana Kaye erscheint auf Meridian/ER Music Group.




