Platte der Woche KW 16/2026
Da sage noch jemand, alte Helden könnten nicht mehr überraschen: Nach mehr als 40 Jahren erfinden sich They Might Be Giants auf ihrem inzwischen 24. Album zwar nicht grundlegend neu, haben aber offensichtlich auch keine Lust, lediglich die eigene Legende zu verwalten. „They Might Be Giants betrachten die gesamte Geschichte der Popmusik eher als Trampolin denn als Regelwerk“, heißt es im Presseinfo, und das bestätigen wir gerne.
Auf „The World Is To Dig“ stürzen sich John Linnell und John Flansburgh in gleich eine ganze Reihe abenteuerlich-experimenteller Songs, ohne dabei zu vergessen, dass sie schon immer dann am brillantesten waren und sind, wenn sich der Eigensinn und die Eingängigkeit, das Satirische und das Absurde die Waage halten.
Fast möchte man glauben, dass für das seit jeher herrlich spleenige, heute um Marty Beller am Schlagzeug und Danny Weinkauf am Bass verstärkte New Yorker Duo dieses Mal der Maßstab galt, dass ihre neue Platte nur Songs enthalten darf, die auch gut genug für ihre legendären ersten vier Platten – „They Might Be Giants“, „Lincoln“, „Flood“ und „Apollo-18“ – gewesen wären.
Ob die knallbunten Songs von „The World Is To Dig“ in Zukunft genauso hoch gehandelt werden wie die frühen Klassiker à la „Ana Ng“, „Don’t Let’s Start“ oder „Birdhouse In Your Soul“, muss die Zukunft zeigen, immerhin gibt es hier aber gleich eine ganze Reihe Songs, denen man das durchaus zutrauen würde. „Outside Brain“ etwa, das nicht ganz zufällig vorab als Single erschienen ist.
Die Eröffnungsnummer „Back In Los Angeles“ gibt die Richtung vor: In ein herrliches Van-Dyke-Parks-würdiges Streicherarrangement gewandt, offenbaren They Might Be Giants hier ihre Liebe zum Barock-Pop und unterstreichen ganz nebenbei, dass John Linnells vom ersten Ton an unverkennbare Stimme auch auf Crooner-Terrain unverwechselbar bleibt.
Danach trifft bei „Je n’en ai pas“ französischsprachiger Gesang auf lärmigen Indie-Rock, als sei nichts dabei, und „Garbage“ scheint mit seinen fast schon kindlichen Psychedelic-Fantasien Brian Wilson zu „Smile“-Zeiten die Hand reichen zu wollen.
„Get Down“ kommt passend zum Titel als lupenreine Disco-Nummer daher, und die vielleicht politischste (und zugleich urkomischste) Nummer des Albums, „What The Cat Dragged In“, kann derweil mit einem Refrain und einer horn section aufwarten, die vermutlich auch in einer Broadway-Produktion nicht fehl am Platze gewesen wären.
Amüsant auch, dass sich Linnell und Flansburgh als einzige Coverversion ausgerechnet „Overnight Sensation (Hit Records)“ von den Raspberries ausgesucht haben – und sich der Ironie des Textes, wenn zwei 60-Somethings ihn singen, ganz sicher bewusst sind.
Trotzdem passt der alte Klassiker ganz ausgezeichnet auf dieses Album, auf dem Linnell und Flansburgh den typischen TMBG-Humor und die songwriterische Verspieltheit hell erstrahlen lassen, gleichzeitig aber stilistisch alles frisch und aufregend klingen darf.
„The World Is To Dig“ von They Might Be Giants erscheint auf Idlewild Recordings/Bertus.



