Es ist ja schon interessant, dass die aus Chicago stammende „Sleep-Rock“-Künstlerin Gia Margaret (so nennt sie das selbst) ihr zweites Album „Singing“ nennt, denn – ähnlich, wie das auch schon auf ihrem Debütalbum „There’s Always Glimmer“ der Fall war – ist es nicht ein bestimmter Stil oder ein bestimmtes Genre, das das Projekt zusammenhält, sondern Gia Margarets unterschwellig sich im Bewusstsein etablierender Gesang – beziehungsweise die Art, wie dieser durch Doppelungen fast dreidimensional im Raum stehend produziert wurde.
Freilich hat der Titel auch noch eine tiefer gehende Bedeutung, denn eine Stimmbandverletzung hinderte sie jahrelang, ihren gesanglichen Ambitionen in vollem Umfang nachkommen zu können. Die beiden Instrumental-Alben „Mia Gargaret“ von 2020 und „Romantic Piano“ von 2023 – auf denen sich nur jeweils ein Track mit Stimmbeteiligung befand – waren die unmittelbare Folge der Stimmband-Erkrankung.
Freilich brachte die Sache insofern etwas Gutes mit sich, als dass sich Gia Margaret hier neue musikalische Ausdrucksmöglichkeiten suchen musste, denn der wavige Indie-Pop-Sound des Debüt-Albums eignete sich nicht so gut für rein instrumentale Exkursionen. Somit entschloss sie sich denn, ihr Heil in der Beschäftigung mit jazzigen, lautmalerischen Ambient-Szenarien zu suchen, in denen fehlende Gesangsstimme teils durch sphärischen Blasinstrumente substituiert wurden. Und genau diese Elemente ließ sie nun – wieder vollständig bei Stimme und in der Lage, echte Gesangsparts beizusteuern – bei ihrer neuen Studioproduktion zusätzlich mit einfließen, was die Klangpalette ungemein erweitert. Das kommt dann um den Preis daher, dass die auf dem Debüt-Album noch prägenden „Sleep Rock Elemente“ zugunsten einer von flächigen Synthie-Parts, atmosphärischen Folk-Partien und psychedelischen und ätherischen Soundeffekten geprägten Klangwelt zurückgefahren wurden.
Da aber Gia Margaret offensichtlich sowieso kein gesteigertes Interesse an gängigen Pop-Formaten, strikten Strophe/Refrain-Strukturen, Melodien oder gar Mitsing-Refrains hat – wohl aber eine erzählerische Narrative präferiert -, geraten die wenigen diesbezüglichen Versuche, wie z.B. der zwar nett, aber unverbindlich groovende, eher generisch inszenierte Song „Good Friend“ weniger gut weg, als eher lautmalerisch aufgefasste, aber von angenehmen Selbstfindungs-Lyrics geprägten Dreampop-Songs wie „Moon Not Alone“, „Phenomenon“ oder „Phone Screen“ (wo dann wieder die gedoppelten Stimmen aufhorchen lassen).
Mittendrin und gegen Ende gibt es dann noch ein paar ziellos mäandernde Instrumental-Partien mit Hörspiel-Charakter, die es nicht wirklich gebraucht hätte – aber immer dann, wenn alles – also Ambient, Dreampop, Psychedelia und Folk-Flair – gleichberechtigt zueinander findet, wie beim Opener „Everyone Around Me Dancing“ und dem Closer „E-Motion“, dann funktioniert das Gia Margaret-Prinzip ganz hervorragend.
„Singing“ von Gia Margaret erscheint auf Jagjaguwar/Cargo.




