Die Milk Carton Kids gehören ja nun nicht gerade zu den originellsten Vertretern ihrer Zunft zählen, sondern eher zu den konsequentesten. Immerhin haben Kenneth Pattengale und Joey Ryan ihr Folk-Pop-Projekt The Milk Carton Kids 2011 aber auch nicht mit dem Anspruch gegründet, etwas grundsätzlich Neues machen zu wollen, sondern um ihre gemeinsamen Pfunde in die Waagschale zu werfen, um so ihre zuvor mit wenig Resonanz gestarteten Solo-Karrieren in einem gemeinsamen Projekt zusammenzuführen.
Seither hat sich einiges Getan. Veröffentlichten The Milk Carton Kids ihre ersten Songsammlungen noch free of charge, so änderte sich die Sache, als sie 2013 zu dem renommierten Anti-Label wechselten und mit arrivierten Folk-Acts wie Sarah Jarosz, Old Crow Medicine Show, The Punch Brothers oder Joe Purdy auf Tour gingen und so bei den Fans des Genres mit ihrem reduzierten Everly Brothers/Simon & Garfunkel-Ansatz offene Türen einrannten, vor allen Dingen aber auch junge Leute für sich begeistern konnten, die so eine puristische und organische Musik bis dahin noch nicht für sich entdeckt hatten.
Inzwischen hat sich etwa Kenneth Pattengale auch einen Namen als Filmkomponist und Produzent gemacht und eine Krebserkrankung bekämpft und überstanden und Joey Ryan hat den Job als Produktionsleiter des von Chris Thile kuratierten Prairie Home Companion Projektes etabliert. Beide zusammen haben das Los Angeles Folk Festival gegründet, bei dem die angesagten Stars des Genres ein und aus gehen. Heute können es sich die mittlerweile vierfach Grammy nominierten Musiker also fast schon leisten, ihr Projekt The Milk Carton Kids als Hobby zu betrachten und zu behandeln – was sowieso die beste Möglichkeit ist, sich mit der Musik zu beschäftigen. Das aus dieser Haltung heraus entstandene 2024er Weihnachts-Album „Christmas In A Minor Key“ – auf dem die Jungs im Duo-Setting eine Sammlung geradliniger Weihnachtsklassiker ganz ohne ironische Distanzpräsentierten, war die bislang schönste Ausprägung dieses Grundgedankens.
Mit ihrem siebten offiziellen Studioalbum „Lost Cause Lover Fool“ kehren die Milk Carton Kids nun wieder zu ihrem Kerngeschäft zurück. Es gibt eine Sammlung von sieben neuen Songs und zwei Cover-Versionen – wobei sich die Milk Carton Kids inhaltlich mit den Themen Veränderungen, Erinnerungen und dem Lauf der Zeiten, der beides formt, auseinandersetzen. Die Arrangements auf der neuen Scheibe tendieren wieder in Richtung der ursprünglichen Folk-Roots – bei denen weniger gerne auch mehr sein darf -, allerdings gibt es auch Songs wie „Friend Like You“ oder „Blinded And Smiling“, bei denen dann auch Drums und Bass zum Einsatz kommt, und so eine Art subtiler Band-Sound entsteht (eine Technik, die die Milk Carton Kids erstmals auf dem 2018er Album „All The Things I Did And All The Things I Didn’t Do“ implementierten).
Im Wesentlichen ist „Lost Cause Lover Fool“ jedoch eine eher typische Folk-Scheibe, bei der der Gedanke, den gemeinsamen Gesang zu einer Einheit zu verdichten, im Zentrum steht. Dabei sind es kleine Variationen, die die Sache auch für Hardcore-Fans immer wieder überraschend und spannend machen: Etwa das öfter implementierte Banjo-Spiel, die Slide-Gitarre und der der von Dennis Crouch gespielte Kontrabass bei dem mit Tex-Mex-Vibes inszenierten Willie Watson-Song „Sad Song“ oder die Blue-Grass-Note bei dem abschließenden „Young Love“. Und mit „A Friend Like You“ gibt es dann auch noch einen reinrassigen Hobo/Troubadour/Road-Song, wie man ihn wohl kaum schöner hätte hinbekommen können. Kurzum: Das ist dann eine Milk Cartons-Scheibe, wie man sie sich als Fan erwartet, sich aber auch gewünscht hätte. Die Jungs haben also alles richtig gemacht.
„Lost Cause Lover Fool“ von The Milk Carton KIds erscheint auf Far Cry Records/Thirty Tigers/Open.




