Dass sich die norwegisch/deutsche Songwriterin Liv Solveig ganze fünf Jahre Zeit lassen musste, ihr nunmehr vorliegendes zweites Album „Everything I Didn’t Say“ einzuspielen, liegt eigentlich auf der Hand, denn als Session- und Studio-Musikerin für so unterschiedliche Acts wie Max Prosa, Annett Louisan, Tristan Brusch, Die Höchste Eisenbahn, Alin Coen und der Crucchi Gang ist die studierte Violinistin, Jazzsängerin und Songwriterin ja nun wirklich gut beschäftigt. Außerdem will gut Ding ja bekanntlich auch Weile haben: Als es daran ging, dem brillanten Debütalbum „Slow Travels“ gegebenenfalls noch mal eins draufzusetzen, musste ja erst mal ein konzeptionelles Grundgerüst her.
Liv fand dieses unter anderem dadurch, dass sie einige Tracks des „Slow Travels“-Albums in veränderten Arrangements auf der EP „Nordic Coastline“ neu dachte und dabei offensichtlich auf die Idee kam, ihre kammermusikalischen Streicher-Partien stärker zu betonen. Das – und die weitere brillante Idee, ihre neue Songsammlung multilingual zu gestalten und das Material dann auch noch mit dem Produzenten Roland Meyer de Voltaire als Co-Produzentin technisch zu betreuen, führte letztlich zu dem beeindruckend kohärenten Sounddesign des neuen Werks.
Musikalisch bewegt sich Liv Solveig erneut an der Schnittstelle zwischen Kook-, Art-, Drama- und Dreampop sowie Indie-Rock. Nur Folkpop-Elemente wurden dieses Mal ausgespart. Dafür gibt es dann hymnisch/orchestrale Momente, bei denen nicht nur orchestral (und fast schon mit symphonischer Note) instrumentiert wird, sondern auch mit Chören eine zelebratorische Grundstimmung erzeugt wird. „Warrior And Wolf“ oder „And Me In Between“ sind schöne Beispiele für diesen Ansatz. Der kämpferische Empowerment-Track „King And Queen“ kommt hingegen im pulsierenden Rockmodus daher – während auf der anderen Seite des Spektrums introvertierte Kontemplationen und Elegien wie „So It Is“, „Our Dance“ oder „Void“ stehen. So weit so gut: Bis dahin kommt diese Songsammlung in einem Setting daher, das sich zwar nicht hinter internationalen Produktionen zu verstecken braucht – allerdings jetzt auch keine besonderen Eigenarten persönlicher Natur offenbart.
Das ändert sich mit den drei Stücken „Rüstung“, „Für Immer“ und „Unborn“, die Liv Solveig auf Deutsch bzw. Norwegisch vorträgt und die sich mit besonders intimen Momenten beschäftigen. „Für Immer“ ist zum Beispiel ein Song, mit dem sich Liv Solveig mit dem Tod ihres Vaters auseinandersetzt. In solchen Momenten erreicht sie dann die melancholische Grandezza etwa einer Sophia Blenda – eben weil der Song auf Deutsch vorgetragen wird und deswegen so persönlich rüberkommt. Hier hört es dann auch mit der Vergleichbarkeit zu englischsprachigen Kook- und Art-Pop-Queens. Die Sprache macht dann eben den Unterschied. Vielleicht sollte Liv Solveig diesen Aspekt in der Zukunft noch ein bisschen stärker betonen – auch wenn sie natürlich mit ihren englischsprachigen Songs absolut konkurrenzfähig ist.
„Everything I Didn’t Say“ von Liv Solveig erscheint auf Listenrecords/Broken Silence.




