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Mit ihrem letzten Album „Looking Glass“ präsentierte sich die aus Portland, Oregon stammende Musikerin Alela Diane wieder als jene Folk-Künstlerin, als die sie sich zu Beginn ihrer Laufbahn als einfühlsame Songwriterin einem interessierten Klientel empfohlen hatte. Das geschah allerdings aus einer gewissen Notwendigkeit heraus, denn in den letzten Jahren hatte sich Alela stärker auf ihr Familienleben, die Erziehung ihrer Kinder und einen Umzug in ein altes Haus, das es zu renovieren galt, konzentriert. Nun, nachdem die beiden Töchter das Teenager-Alter erreicht haben und sich zudem die Möglichkeit ergab, im Speicher des besagten Hauses ein Studio einzurichten, bekam Alela Lust, wieder einmal mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten, wie sie das auf ihrem Durchbruchs-Album „To Be Still“ auch getan hatte. Zusammen mit ein paar Freunden – darunter Songwriterin/Geigerin Anna Tivel, Gitarrist Peter Leash von der Band Lucius, Produzent Sam Weber und Maggie, der Katze (die sich auch bei unserem Interview im Hintergrund das Fell putzt) – entstand so das neue Album „Who’s Keeping Time?“.
Welche Bedeutung nimmt denn die Zeit – oder der Lauf der Zeiten – auf dem neuen Album ein? „Ich denke einfach, dass das Leben eben so ist“, überlegt Alela, „das Leben ist ja in Kapitel unterteilt. Erst gestern hatte ich zum Beispiel Geburtstag und bin jetzt 43. Ich werde also älter. Meine Kinder wachsen vor meinen Augen auf. Mein Großvater ist kürzlich verstorben. All das sind Zyklen in meinem Leben und ich beobachte diese eben. Außerdem geht es auf diesem Album auch um den Übergang der Jahreszeiten. Das sind dann Muster, die sich jedes Jahr wiederholen und denen man sich nicht widersetzen kann.“
Und wer kann da schon mithalten und die Zeit festhalten? Wie stellt sich denn Alelas Leben zu Zeit dar? „Nun, das Kapitel des Lebens, in dem ich mich gerade befinde, ist jenes, in dem ich meine Kinder erziehe und gleichzeitig aber auch weiterhin Scheiben veröffentliche. Allerdings hatte ich zuletzt meine Familie an die erste Stelle gesetzt. Ich habe nicht mehr so viel wie früher getourt. Mit dieser neuen Scheibe kehre ich in gewisser Hinsicht zur Musik zurück.“
Was meint Alela denn mit dieser Aussage? „Nun, ich spiele heutzutage mit mehr Musikern zusammen als zuletzt – und deswegen gibt es auch einen fülligeren Sound auf der Scheibe. Ich habe jetzt wieder Bass und Drums und der Sound ist auf das Zusammenspiel angelegt. Es gibt auch wieder Gäste auf dem Album – wie zum Beispiel Anna Tivel als Harmonie-Sängerin und Geigerin und Peter Leash, der mich als Gitarrist unterstützte. Das hängt damit zusammen, dass es heute mehr Raum für die Musik in meinem Leben gibt als seit Langem. Ich wollte mit diesem Album eine Art Fortsetzung meines Albums ‚To Be Still‘ machen, auf dem ich 2009 erstmals mit einer Band arbeitete und das – anders als vieles, was danach kam – eine gewisse Gelöstheit und Heiterkeit ausstrahlte.“
Ein Song, der zwar nicht thematisch, aber erzählerisch etwas aus dem Rahmen fällt, ist der Titel „Spring Is A Fine Time To Die“, den Alela ihrem vor einem Jahr verstorbenen Kollegen und Freund, dem Songwriter und Folksänger Michael Hurley, gewidmet hat, der zuletzt auch in Oregon lebte. Sogar eine Voicemail Michaels ist auf der Aufnahme zu hören. „Ja, Michael war ein unglaublicher Künstler“, erinnert sich Alela, „er war noch am Wochenende, bevor er verstarb, auf einem Festival aufgetreten und hat drei Tage vor seinem Tod eine Show gespielt. Die Aufnahme zu Beginn des Songs, auf der Michael sich auf eine Show bezieht, die wir zusammen in Portland gespielt hatten und wir damals überlegten, einen Song zusammen zu schreiben. Das war aber kurz vor Covid im Februar 2020 gewesen. Er wollte mir von einer Idee von einem Song über den wilden Westen erzählen. Leider ist da nichts draus geworden, aber ich dachte, dass diese Voice Mail, die ich aufgehoben hatte, geeignet für den Anfang des Songs wäre.“
Wie kam es denn zu dem Titel des Songs „Spring Is A Fine Time To Die“? „Ich schrieb diesen Song ein paar Tage nachdem ich erfahren hatte, dass er gestorben war“, berichtet Alela, „wir hatten viele Shows zusammen gespielt, waren zusammen gereist – hier in Portland, aber auch in Schottland. Er ist am 01. April 2025 gestorben. Eine Freundin von mir ist eine Floristin und sie sagte zu mir, dass der Frühling die beste Jahreszeit sei – und auch die freundlichste Zeit, um zu sterben, weil dann alle Blumen blühen – es gibt also keine bessere Zeit zu gehen. Da hat sie schon ganz recht, denn im Frühling beginnt der Zyklus des Lebens von neuem – und da wollte ich einen Song drüber schreiben. Das passierte sehr schnell und ich finde auch, dass der Song Michaels Vibes hat – und die waren vor allen Dingen lustig, einfach und freundlich. Es geht dann auch nicht darum, Trauer zum Ausdruck zu bringen, sondern Michaels Leben zu feiern. Sterben zu müssen ist doch das Normalste, was dir im Leben passieren kann, oder etwa nicht? Und überhaupt: Ich verbringe immer noch viel Zeit mit Michael, denn wir hören in der Küche die ganze Zeit seine Platten.“
Der letzte Song auf der Scheibe „Endless Waltz“ – bei dem es dann um die verstorbenen Großeltern Alelas geht – bewegt sich in ähnlichen Bahnen, richtig? „Ja, genau – und auch da geht es wieder um die Jahreszeiten und den Lauf der Zeiten. Mein Großvater war schon krank, als ich den Song schrieb, und ich schrieb ihn dann über das unausweichliche Ende. Aber er und meine Großmutter konnten das letzte Jahr ihres Lebens gemeinsam genießen, als er im Sterben lag. Auch hier ging es mir eher darum, die Zeit zu feiern, die sie gemeinsam hatten, und auch anzuerkennen, dass wir die Fackel an unsere Kinder weiterreichen, wenn wir dann sterben. Und die schreiben dann das Erbe des Lebens weiter. Im Falle meines Großvaters war das bestimmt so, und er hat unser aller Leben bereichert. Er hatte auch das bestmögliche Leben und im Grunde auch den besten Tod – im Alter von 90 Jahren und umgeben von seiner Familie. Es ist dann an uns, die nächste Position im Kreislauf des Lebens einzunehmen, wenn unsere Ältesten sterben.“
Dass ist dann das nächste Kapitel, oder? „Ja, ich beobachte ja auch, wie meine Kinder aufwachsen und ich älter werde“, meint Alela, „ich habe ja auch realisiert, dass ich nicht mehr 20 bin und eine Musikkarriere vor mir habe. Ich bin jetzt gerade 43 geworden und habe realisiert, dass das nun das ein anderes Kapitel von der Lebensmitte ist. Wir rücken alle nach und besetzen die nächsten Positionen. Ich denke, das ist richtig kraftvoll und schön.“
Und was will uns der Song „In My Own Time“ sagen? „Ich denke, dass wir heutzutage zu einfach abgelenkt werden“, führt Alela aus, „man hat ja auch ständig das Gefühl, immer online sein zu müssen, um ja nichts zu verpassen. Das wird ja geradezu von uns erwartet – und es ist leicht, davon abgelenkt zu werden und seine Zeit an Dinge zu verschwenden, für die man sie besser nicht verschwenden sollte. In diesem Song geht es also um das Ringen mit dieser Sache. Und es geht um die Überlegung, was man stattdessen machen sollte. Ich will zum Beispiel rausgehen, an Blumen riechen, den Hund ausführen, Quality-Time mit meiner Familie verbringen und Essen kochen. Ich will jedenfalls nicht meine Zeit verschwenden. Die Menschen hadern heutzutage aber mit dieser Sache. Ich tue das jedenfalls. Es lenkt wirklich ab, heutzutage ein Mensch in unserer modernen Welt zu sein.“ Und gibt es da Lösungsvorschläge, wie man mit dieser Situation umgehen sollte? „Man könnte ja mal das Handy beiseitelegen“, meint Alela, „was anderes fällt mir auch nicht dazu ein.“
„Who’s Keeping Time?“ von Alela Diane erscheint am 22.05. auf Loose Records/SPV.




