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Sie haben es wieder getan. Endlich wieder. Fast fünf Jahre sind seit „Transmissions From The Upper Room“ erschienen. Jetzt haben Rick McPhail (Mint Mind, Tocotronic) und Frehn Hawel (Tigerbeat) den Nachfolger „Sorrow Wonderland“ releast. Und der ist richtig gut, voller Garage Rock, Fuzz und Energie, aber auch voller Melodien und Eingängigkeit. Irgendwie… schön! Wir haben bei Frehn Hawel nachgefragt.
GL.de: Ganz schön viel Energie auf der Platte. Woher kommt die, was treibt euch an?
Frehn Hawel: Danke! Als Songwriter treibt mich unterbewusst immer das an, was mich umgibt und die Themen, die mich beschäftigen. Logischerweise sind das grundlegend andere als früher – gleichgeblieben ist aber die Freude und Neugier, Neues zu kreieren und neue Songs zu schreiben. Dabei schwingt der Gedanke an die Live-Umsetzung im Hinterkopf immer mit, daher überwiegen bei mir seit jeher immer die energetischen Lieder. Ich wollte noch nie Musik machen, zu der man sich nebenbei unterhalten kann – das könnte die Energie erklären.
GL.de: Wie bringt man diese Energie und Leidenschaft in die Songs und wie schafft man es, dass sie auch bei uns Hörenden ankommen?
Frehn Hawel: Gute Frage. Das war zu Beginn meiner musikalischen Laufbahn eine echte Herausforderung, wie man das transportiert bekommt. Mit Rick gab es das Problem tatsächlich nie – weil wir beide genau wissen, was wir wollen und natürlich auch, weil Rick mit seiner Erfahrung genau spürt, wann ein Take gut ist- und wann nicht. Als Koryphäe in Sachen Sound weiß er intuitiv, welche Regeln man beachten und welche man ignorieren muss, damit es so klingt, wie wir uns das vorstellen. Und nicht zuletzt tragen seine Drums einen entscheidenden Teil zur Energie bei.
GL.de: Der eine ist der Songwriter an Gitarre und Gesang, der andere macht den Rest, sagt der Promo-Zettel. Kommt man sich da trotzdem mal ins Gehege und wie läuft das mit dem Songwriting und den Aufnahmen so bei euch?
Frehn Hawel: Ins Gehege kommen Rick und ich uns nie, dafür kennen wir uns einfach viel zu gut und zu lange. Er ist der erste, der die Songs zu hören bekommt und merkt an, wenn ihm bestimmte Teile auffallen. Er hat einen super Blick für das Gesamtpaket und ich vertraue ihm einfach. So haben wir z.B. einige Mittelparts, die sich zu ähnlich waren, schnell neu arrangiert – oder bei ‚Best Before‘ zum Beispiel fand er den ursprünglichen Refrain zu poppig für die Gesamtanmutung des Songs, woraufhin ich ihn umgeschrieben habe – und heute froh darüber bin. Er hat durch seine Studioerfahrung ein Gefühl für einen gelungenen Spannungsbogen, was gerade bei nur zwei Instrumenten wichtig ist. Ich vertraue ihm zudem blind, was die Gestaltung von Gitarren- und Drumsounds betrifft – da ist er einfach eine echte Institution. Ich liebe auch seine Backing Vocals – die er komplett allein entwickelt –die hauen mich jedes Mal aufs Neue um, weil ich darauf nie gekommen wäre und sie die Songs aber perfekt abrunden.
GL.de: Gibt es neben euch beiden noch andere Instanzen, die Feedback geben oder Ideen einbringen dürfen?
Frehn Hawel: Wenn wir uns unsicher sind, welche Songs die Singles werden sollen, fragen wir Velvet von La Pochette – und klar, unsere Familien und ausgewählte Freunde bekommen mal was zu hören im Prozess. Aber da wir schon so lange dabei sind, wissen wir, dass die Richtung bereits stimmt, wenn es uns beiden gefällt, was wir hören.
GL.de: Wie läuft es so mit La Pochette Surprise?
Frehn Hawel: Mit La Pochette bzw. Velvet läuft es von Anfang an absolut konstruktiv und freundschaftlich – ich könnte mir keine bessere Labelheimat wünschen.
GL.de: Warum gab es fünf Jahre kein Hawel/McPhail-Album?
Frehn Hawel: Kurze Antwort: Das Leben. Die lange ist erheblich komplizierter und auch nicht komplett für die Öffentlichkeit bestimmt. Nur soviel: Je älter man wird, desto näher rücken Dinge, die man früher nur aus der Ferne wahrgenommen hat. Inzwischen sind Freunde gestorben, schwere Erkrankungen im direkten familiären Umfeld aufgetreten, mit denen umgegangen werden muss, es gab kritische Diagnosen, solche Sachen. Das sorgt zum einen dafür, dass die Musik in den Hintergrund rückt und schärft andererseits das Bewusstsein dafür, dass alles endlich ist und nicht immer nach Plan läuft – und dass diese Erfahrungen früher oder später niemandem erspart bleiben. Gleichzeitig wird einem deutlich, dass es absolut wichtig ist, das Hier und Jetzt anzunehmen und bestmöglich zu gestalten.
Umso mehr darf man sich freuen, dass es „Sorrow Wonderland“ nun gibt. Es ist quasi die Antithese zum Anspruch der permanenten Selbstoptimierung, denn was viele vergessen, ist, dass man nicht alles selbstbestimmt kontrollieren kann. „Life is what happens when you’re busy making other plans“ – und auch im Aufnahmeprozess zu „Sorrow Wonderland“ gab es immer wieder Phasen, wo Reden wichtiger war, als den jeweiligen Song fertigzustellen.
GL.de: Welche Rolle spielten die Erfahrungen, die ihr mit „Transmissions From The Upper Room“ gemacht habt, bei der Entstehung von „Sorrow Wonderland“?
Freihn Hawel: Oh, eine große! Wir sind erheblich effizienter vorgegangen und wussten von vornherein, was wir alles NICHT mehr machen würden. Dadurch konnten wir uns direkt aufs Wesentliche fokussieren und klar hat auch die Regelmäßigkeit unserer Proben über die Jahre enorm geholfen – das Zusammenspiel ist dadurch viel intuitiver geworden. Das spürt man sicherlich alles, auch wenn es für uns möglicherweise gar nichts Besonderes darstellt, weil wir es ja nicht anders kennen.
GL.de: Beim Blick aufs Cover von dem neuen und dem alten Album: Was hat das mit den Augen und den Blicken auf sich?
Frehn Hawel: Chefdesigner und Art Director McPhail hat eine äußerst eigene Handschrift, was die Gestaltung betrifft. Er hat bei „Transmissions“ zum Beispiel kurzerhand die Typo selbst entwickelt und mit den Strahlen unsere „Transmissions“ dargestellt. Für „Sorrow Wonderland“ hatten wir die Idee eines Jahrmarkts mit Achterbahn – und bei dem Titel war klar, dass es eher eine Geisterbahn-Anmutung haben müsste. Und ohne Augen sah es viel cooler aus als mit.
GL.de: Seid ihr auch ehrgeizig und verfolgt konkrete Ziele mit der Platte oder ist überwiegend wichtig, dass ihr beide zufrieden seid?
Frehn Hawel: Es gibt so viel neue Musik da draußen, dass es unmöglich ist, es allen recht zu machen – zudem sind wir aus dem Alter auch glücklicherweise raus, über solche Dinge überhaupt noch nachdenken zu müssen. Zuallererst muss es uns gefallen und vor allem das reflektieren, was uns bewegt – erst dann kann man davon ausgehen, dass es auch irgendwen anderes interessiert.
GL.de: Wie sieht’s mit einer Tour aus?
Frehn Hawel: Gar nicht so einfach, denn wir haben die erste Platte ja mitten in der Pandemie veröffentlicht, weshalb wir sie nie richtig touren konnten. Also gibt’s keine regelmäßig live bespielte Fanbase. Und da es inzwischen vielen kleinen Clubs wirtschaftlich deutlich schlechter geht, müssen wir gucken, was möglich ist – hinzu kommt, dass die oben beschriebenen geänderten Lebensumstände uns auch keine unbegrenzten Zeitfenster zur Verfügung stellen – aber wir arbeiten dran, „Sorrow Wonderland“ und letztlich auch „Transmissions“ live vorzustellen – denn wenn wir gespielt haben, war die Euphorie am Ende groß.
„Sorrow Wonderland“ von Hawel/McPhail erscheint bei La Pochette Surprise Records.




