Share This Article
Auf dem 2023er Debüt-Album „Follow The Cyborg“ machte sich Margaret Sohn a.k.a. Miss Grit Gedanken über die Sorgen und Nöte eines Roboters, der jenseits von Geschlechter- und Genregrenzen als Mensch-Maschine im Kraftwerk’schen Sinne nach Selbstbestimmung und Befreiung sucht. Ganz klar war das dann ein extrovertiertes Szenarium, das den besungenen Cyborg dann mit philosophischem Auftrag in die Welt entließ. Auf dem nun vorliegenden Nachfolgewerk kehrt Miss Grit die Perspektive nun um und lädt den Hörer ein unter einen Schirm, der sozusagen das Innenleben behütet. Will meinen: „Under My Umbrella“ ist die internalisierte Schwester des „Cyborg“-Albums geworden. Grund genug zu versuchen, einmal zu ergründen, was diesen Perspektivwechsel (der sich sogar im Artwork der beiden Alben verdeutlicht) bewirkt haben mag, bzw. was Miss Grit damit bezweckt – zumal sich der musikalische Ansatz (ein Clash aus elektronischen und psychedelisch getweakten organischen Elementen in einem urbanen Industrial-Setting) nicht grundsätzlich, sondern nur in der Akzentuierung geändert hat.
Zunächst mal grundsätzlich: Wie ist Miss Grit überhaupt zur Musik gekommen? „Ich habe schon mit sechs angefangen, Musik zu machen“, berichtet Margaret, „seither spiele ich auch Gitarre und habe auch eine Weile Cello gespielt. Ich habe aber erst auf dem College angefangen, erste Songs zu schreiben. Seit dieser Zeit existiert auch das Projekt Miss Grit. Ich habe angefangen, mit Software wie Ableton zu experimentieren, um mich erst einmal an die ganzen Programme zu gewöhnen und meine Produzenten-Skills zu entwickeln. Damit habe ich meine College-Jahre verbracht. Zuletzt hatten alle meine Produktionen elektronische Elemente und Charakteristika. Für diese Scheibe wollte ich mich aber stilistisch nicht zurückhalten und eine bestimmte Art von Energie erzeugen, die ich dann auch auf der Bühne beim Live-Spielen umsetzen könnte.“
Dazu muss man noch wissen, dass Miss Grit die Musik im heimischen Studio in Queens entwickelt. „Ja, ich wollte einfach Songs schreiben, die beim Live-Spielen Spaß machen würden“, ergänzt Margaret, „die Sache war nämlich die, dass ich mich mit den Sachen vom letzten Album auf der Bühne oft eingeengt fühlte und mich zurückhalten musste. Deswegen wollte ich dieses Mal Material, das ein gewisses positives Feedback in einem Live-Setting hätte. Deswegen wollte ich auch verstärkt mit anderen Musikern zusammenarbeiten und den Cyborg hinter mir lassen.“
Das erklärt dann die illustre Gästeschar, die Miss Grit bemühte – etwa Aron Kobayashi Ritch von Momma, der (neben Luciano Rossi) auch als Co-Produzent agierte, Filmkomponist Sae Heum Han, Backing-Sängerin Eva Liu, Violinist Zachary Mezzo sowie Bassistin Margaux Bouchegnies und der Momma-Drummer Preston Fulks als Rhythmusgruppe. Es erklärt auch, wieso es verstärkt Up-Tempo-Momente, Live-Drums und verstärkt organische Elemente gibt.
Dennoch: Die geborene Teamplayerin scheint Miss Grit höchstens in Sachen Musik – nicht jedoch konzeptionell – zu sein – weder als Cyborg noch in Sachen Psychologie. Gibt es da ein bestimmtes Verhaltensmuster, das Miss Grit entwickelt hat? „Ich weiß nicht, ob es ein spezifisches Rezept gibt. Ich denke einfach, dass ich das Allein-Sein vorziehe. Ich gebe nie gleich dem Zwang sozialen Verhaltens nach (obwohl ich das gelegentlich auch tue) – es ist nur so, dass ich lieber für mich bin.“
Geht es dann auf der Scheibe auch um die Selbstermächtigung? „Ich denke schon“, meint Miss Grit, „auf der Scheibe geht es um eine Menge heftiges Zeug, das ich durchlebt habe – aber vom Standpunkt der Nachwirkungen aus gesehen. Ich denke über Situationen nach, in denen ich mich machtlos fühlte, und fühle auch Empathie für diese Situationen, suche aber nach einer erhebenden, positiven Auflösung. Ich möchte mich auf dem neuen Album auch verletzlicher zeigen, um die menschlichen Aspekte zum Vorschein zu bringen.“
Hat das alles auch eine Auswirkung auf die musikalische Gestaltung? Denn diese neue Scheibe klingt ein wenig anders als die letzte – und auch anders als die vorangegangenen EPs? „Genau, an diese Scheibe bin ich mit dem Anspruch herangegangen, nicht zu viel nachzudenken, nicht zu viel zu filtern und zu editieren“, erklärt Margaret, „stattdessen habe ich Ebene auf Ebene aufgeschichtet, ohne wieder allzu viel wegzunehmen, sondern das wertzuschätzen, was auf diese Weise entstand. Auf der letzten Scheibe habe ich alles bis ins Kleinste geformt, Dinge editiert, nachbearbeitet und kontrollierter umgeformt – während diese Scheibe spontaner ist und ich den Songs erlaubte, sich zu entfalten, wie sie geschrieben wurden.“
Wovon ließ sich Miss Grit denn auf der neuen Scheibe dann musikalisch leiten? Die Songs haben ja alle einen gewissen 90s Vibe. „Ich habe mir ja auch viel 90s Trip Hop angehört“, verrät Margaret, „Portishead, Massive Attack und so etwas und auch FKA Twigs. Mein Mixer ist auch ein großer Portishead-Fan.“ Aus welchem Grund hat Miss Grit die Vocals mit heftigen Autotune-Effekten überlagert? Offensichtlich ging es aber nicht darum, den Sound zu bereinigen – aber vielleicht darum, den Gesang etwas zu verschleiern? „Ja, denn das war anfangs schon ein bisschen ein Selbstschutz-Mechanismus für mich selbst. Indem ich über sensiblere Sachen sang, brauchte ich zumindest eine kleine Krücke, denn ich war immer erschreckt von meinen eigenen Aufnahmen – wie das wohl bei vielen SängerInnen der Fall ist. Insbesondere wenn wir die Mixe anhörten, fand ich es schwierig, mir den Gesang anzuhören, weil ich dann immer in so eine Phase der Selbstkritik gerate, die ich so schnell wie möglich hinter mich bringen möchte. Das war also zunächst der Grund für die Autotune-Effekte. Als sich die Sache dann aber weiterentwickelte, fühlte ich mich tatsächlich zu den Effekten hingezogen, weil ich damit irgendwie meine Gefühle besser vermitteln konnte. Ich denke, so habe ich ein Mittel gefunden, die Zartheit dessen, was ich ausdrücken wollte, einzufangen.“
Mit Autotune sind wir ja auch ganz schnell beim Thema AI angelangt. Wie steht Miss Grit denn dazu? Das Thema ist ja mittlerweile in aller Munde. „Sicherlich“, pflichtet Margaret bei, „ich weiß nicht – es ist ganz schön erschreckend. Ich bin aber immer noch der Meinung, dass es der AI nach wie vor nicht gelingt, wahre, menschliche Emotionen einzufangen und wiederzugeben. Vielleicht war das auch mit der Grund, warum ich mich bei diesem Projekt verletzlicher zeigen wollte – weil das heutzutage zu sehr als gegeben angenommen wird. Ich verstehe schon, dass AI für viele furchteinflößend ist und dass es außer Kontrolle zu geraten droht – aber für die Art von Musik, die ich mache, ist das nicht relevant. Ich habe da keine Antwort dazu, aber ich denke, der beste Weg, die AI einzudämmen und die Furcht davor, ist die Menschlichkeit in der eigenen Musik anzuzapfen – also das, was uns als Menschen ausmacht – besonders auf der emotionalen Ebene. Schade nur, dass die Welt bzw. unser Land echte Musik nicht mehr als wichtigen Bestandteil der Gesellschaft wertschätzt, denn Musik ist eine Notwendigkeit, die unserer Gesellschaft hilft, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen, indem sie unsere Empathie und Menschlichkeit erst ermöglicht und eine heilende Wirkung hat.“
Wenn Miss Grit sagt, dass die Musik in unserer Gesellschaft nicht mehr genügend wertgeschätzt wird. Was meint denn das? „Damit meine ich, dass es – zumindest in den USA – von der Regierung kaum noch finanzielle Unterstützung für die Musik gibt. Und generell gibt es keine großen Möglichkeiten für Musiker, über ihre Musik ihr Auskommen zu haben. In dem Sinne meine ich, wird die Musik nicht mehr so wertgeschätzt wie früher – und eher sogar unterschätzt.“
Was ist denn dann für MusikerInnen in der Position von Miss Grit heute die größte Herausforderung? „Heute ist es bestimmt die Kraft zu finden, überhaupt weitermachen zu können“, gibt Margaret zu Protokoll, „man investiert Herz und Seele in diese Sachen, die man da macht und es braucht heutzutage unglaublich viel, um es als Musiker aus eigener Kraft zu etwas bringen zu können. Es ist einfach schwierig, immer deine ganze Seele – und dein ganzes Geld – zu investieren, um etwas zu machen, was den Menschen letztlich Freude bereitet – aber dann so wenig zurückzubekommen. Ich meine damit nicht den Zuspruch der Menschen – den es natürlich schon gibt – sondern die Möglichkeit, davon leben zu können.“
Wie geht es nun weiter für Miss Grit? Wonach sucht Margaret? Gibt es ein Ziel? „Ich denke, schon als ich anfing, Musik zu machen, war es immer ein Ziel von mir, im UK und Europa einige Shows spielen zu können. Ich weiß gar nicht, welches Publikum ich adressieren sollte – aber ich denke, es müssten engagierte Musikliebhaber sein. Nicht, dass es die nicht auch in den USA gäbe, aber ich denke, dass es im UK und Europa bei Konzertgängern eine größere Wertschätzung und ein größeres Verständnis für kleinere Künstler wie mich gibt und die Leute die Musik für sich selbst entdecken. Ich habe kein bestimmtes Ziel dabei im Sinn, aber ich denke, es ist wichtig, bei den Shows mit den Menschen zu kommunizieren und auch zu erfahren, wie die eigene Musik diese Menschen fühlen lässt. Ich habe bereits ein paar vereinzelte Shows in Europa gespielt, so dass ich das einschätzen kann.“
Leider hat sich das noch nicht auf eine mögliche Tourplanung in unseren Breiten ausgewirkt. Wir werden noch eine ganze Weile warten müssen, bis Miss Grit den Weg über den großen Teich überhaupt in Betracht ziehen könnte, denn zurzeit tourt sie durch die USA und Canada.
„Under My Umbrella“ von Miss Grit erscheint am auf Mute/Pias.




