Wenn Andrew Heissler durch die Straßen von Bloomington, Illinois schlenderte, rief seine Mutter: „Trödel nicht, Pokey!“ Den Spitznamen der Jugendtage kombinierte er mit dem Nachnamen des Folk-Sängers Peter La Farge zu. Als Pokey LaFarge hat der 43-Jährige mit „Rent Money“ nun sein 11. Album vorgelegt. Konsequent vintage sind Cover, Frisur, Kleidung und diese sympathische Mixtur aus den musikalischen Wurzeln der Popmusik: vor allem Urban Blues, Rock ’n’ Roll, Boogie, Gospel und Electric Country Funk mit Spritzern von Ragtime, frühem Jazz und Reggae. Mit twangender Gitarre und einer Menge Swing.
Die munteren Liedchen täuschen darüber hinweg, dass LaFarge sich mit pekuniären Alltagssorgen, amourösen Problemen und der Hybris des aufstrebenden Künstlers beschäftigt. Das Ding, „The Thing“, sei, dass der Weg an die Spitze lang werden kann und der Fall auf den Boden der Realität schneller kommen mag, als erwartet. Der Country Blues „Rent Money“ beklagt das Sich-Abstrampeln, um die Miete bezahlen zu können: „Here come the landlord / Knocked upon my door / So I gave him all my dough / That’s where the money go“. Auch der Protagonist in „Work“ hat Schwierigkeiten, mit Geld umzugehen: „Now I’m broke / I got to get back to work“. Aber hey, mit der Überlegung, warum man sich Gedanken über Silber und Gold machen solle, wenn man es nicht mit ins Grab nehmen kann, wird das lockere Arbeitsethos in „Can’t Take It With You“ verteidigt.
Sein Fett weg bekommt zudem der „Big Boss Man“: „From the big apple to the city of angels / Plays his tricks turns us all into strangers / He owns all the streets and he don’t pay dues / You’ll buy what he’s sellin with no right to choose“. Jeder möge sich seinen individuellen Big Boss suchen. La Farge scheint dem Glücksversprechen des American Dream nicht mehr zu trauen, beklagt zwischenmenschliche Entfremdung und Verrohung in einer Gesellschaft, die Integrität, Kultur und familiären Zusammenhalt zunehmend vermissen lässt. Aber da sind eben auch die Schwerenöter, die sich dem Hamsterrad, das Beziehungen zu zerstören droht, entziehen („Stick Together“). Das Aussteigerleben als Alternative, „livin’ like a rollin’ stone“, um doch überall ein Fremder zu bleiben („Stranger“)?
Aber LaFarge lässt sich davon nicht runterziehen, setzt seine Finger-Schnipp-Melodien dagegen. In „Hambone“, ursprünglich ein Plantagentanz, der mit Körper-Percussion das Trommelverbot der Sklaven umging, feiert LaFarge die sich ausgelassen bewegende Mama und denkt dabei an das auf dem Herd brutzelnde Hühnchen. Dabei heißt Hambone in zweiter Bedeutung Schinkenknochen. Putzig. „Told You No“ schleicht zu einer gedämpften Trompete ums Eck, dort stimmt ein souliger Chor mit ein, der in „My Baby Loves Me“ zum gospeligen Wechselgesang übergeht. In „On And On“ nimmt LaFarge die Welt so hin, wie sie ist und schließt mit dem lakonischen Kommentar: „One man’s truth is another man’s lie’s / One man’s cure is another’s disease / One man’s junk is another man’s prize / Some stay blind while others choose to see“.
Elliot Bergmans Produktion vereint heimelige Wärme mit knackiger Klarheit, auch wenn mit Verzerrungen gearbeitet wird. Bergmans Schwester Natalie singt Background, ebenso wie LaFarges Ehefrau Addie Hamilton, die sich zudem Co-Writing-Credits verdient. Hier werden familiäre Bande gepflegt. Rhythmisches Klatschen, Marimba, Fender Rhodes Piano, Kontrabass, Hammondorgel, Klarinette, Flöte und vieles mehr verfeinern einen Sound, der sich vor LaFarges Vorbildern Howlin Wolf, Chuck Berry und Jimmy Reed verbeugt und damit eine dennoch eigenständige Vintage-Idee ins Hier und Jetzt transferiert. Pokey, der Langsame, der Trödler, ist inzwischen recht flott unterwegs. Vielleicht sollte er mit der Mutter mal wieder einen Hambone tanzen.
„Rent Money“ von Pokey LaFarge erscheint auf Boxer Boy Records/PIAS.




