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Paul Hiraga weiß, was er will, was er mag und was er kann. Auf seinen Alben als Downpilot hat der amerikanische Sänger, Songwriter, Multiinstrumentalist und Produzent noch nie einen Hehl aus seinem Faible für einen zeitlos schönen Sound zwischen Indie-Pop-Dynamik und Americana-Melancholie gemacht. Das gilt auch für sein just erschienenes achtes Album, das er Ende Oktober und Anfang November bei neun Konzerten in ganz Deutschland auch live vorstellen wird.
Mehr als 20 Jahre ist das Downpilot-Debütalbum „Leaving Not Arriving“ inzwischen alt, doch nicht nur deshalb hat Paul Hiraga einen weiten Weg hinter sich. Aufgewachsen in der Umgebung von Detroit, zog es den Musiker in den 1990er-Jahren zunächst nach Minneapolis, mitten hinein in eine lebendige Indie-Szene, die von rauen und melodischen Gitarrenbands gleichermaßen geprägt war.
Seine wahre künstlerische Heimat fand Hiraga Ende der 90er-Jahre dann aber an der US-Westküste. In Seattle schuf er sich im eigenen Studio einen Kokon aus erdigem Folk, Indierock-Versatzstücken und subtiler Psychedelia, bei dem er meist als Multiinstrumentalist fast alle Fäden selbst in der Hand hält. Weitab von kurzlebigen Hypes bastelt er hier an dichten, atmosphärischen Klangwelten.
Im Gaesteliste.de-Interview zu seinem neuen Album „Strange Horses“ geht es um Musik als helfende Hand, die Obsession mit Studio-Equipment und um Hiragas besonderes Verhältnis zum deutschen Publikum.
GL.de: Paul, das Musikmachen war und ist für dich auch ein Weg, die Dinge um dich herum zu verarbeiten. Erinnerst du dich an den Moment, als dir klar wurde, was Musik und Songwriting für dich tun können?
Paul Hiraga: Wenn man jung ist und so sehr von seinen sich entwickelnden Emotionen beherrscht wird und versucht, die Welt zu verstehen, findet man verschiedene Wege, das zu verarbeiten. In meinen frühen Teenagerjahren hatte ich das Gefühl, dass das Spielen von Instrumenten und das Singen mir Halt gaben, und dann wurde mir allmählich klar, dass ich meine eigenen Worte und Musik schreiben konnte, anstatt nur die Lieder von jemand anderem zu singen. Das machte es noch persönlicher.
GL.de: Apropos eigene Worte: Was macht für dich einen guten Songtext aus? Was sind da deine eigenen Ansprüche und Herausforderungen?
Paul Hiraga: Songtexte müssen auf vielen Ebenen funktionieren. Natürlich will ich, dass sie eine Bedeutung haben, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie rational Sinn ergeben müssen. Sie müssen gut klingen – die Musik der Phrasen und der Syntax, wie sie sich im Mund anfühlen, wenn ich sie singe. Für mich ist das nicht immer eine intellektuelle Sache, sondern meistens etwas sehr Intuitives und Emotionales.
GL.de: Wie sieht eigentlich dein Arbeitsprozess aus? Besonders wenn du alles im Alleingang machst – brauchst du da schon konkrete Ideen zu Beginn, eine Art Vision des fertigen Werks? Wie sieht die Balance zwischen Planung und Zufall bei dir aus?
Paul Hiraga: Es fängt meistens ziemlich frei, automatisiert und unbewusst an, wenn ein neuer Song entsteht. Ich plane oder konzipiere da im Vorfeld eigentlich gar nichts. Melodien, Textzeilen und Themen tauchen ganz zufällig auf – oft beim Spielen, manchmal aber auch, wenn ich gerade bei der Arbeit bin. Dann muss ich mir schnell irgendwas schnappen, um es aufzuschreiben oder in mein Handy zu singen.
Wenn ich aktiv am Songwriting für ein Album arbeite, klinke ich mich gerne aus dem Alltag aus und ziehe mich an einen anderen Ort zurück. Am Anfang gibt es dann nur eine Gitarre und ein Aufnahmegerät, um all die freien Assoziationen einzufangen. Ich nehme mir nie vor, ein Konzeptalbum zu schreiben, obwohl meistens schon ganz früh etwas passiert, das den Ton angibt, dem ich dann durch das ganze Album folge.
GL.de: Gerade weil du so viel allein einspielst: Wie hat sich dein Studio-Setup über die Jahre verändert? Begeistert es dich, mit neuer und alter Technik zu experimentieren, oder ist das für dich letztlich nur Mittel zum Zweck?
Paul Hiraga: Mein Studio-Equipment ist jetzt schon seit einigen Alben ziemlich unverändert. Es gab eine Zeit, da war ich regelrecht besessen von Recording-Equipment und Technik, vor allem vom Vintage-Kram. Ich bin damals voll in diesem Elektronik-Nerdtum aufgegangen und habe mir die Sachen alle selbst zusammengebaut – teils, weil ich mir die echten Vintage-Originale schlicht nicht leisten konnte, aber es war eben auch ein großartiger Lernprozess. Klassisches Studio-Equipment wird ja aus gutem Grund verehrt, aber es kann eben auch verdammt schnell vom eigentlichen Musikmachen ablenken, besonders wenn man auch noch der Toningenieur in Personalunion ist.
Heutzutage mache ich mir beim Aufnehmen keine großen Gedanken mehr darüber, mit zig Optionen herumzuexperimentieren. Ich weiß im Großen und Ganzen, was funktioniert, und fahre eher die Schiene: „Set it and forget it.“ Die Obsession mit Equipment ist zwar cool, aber bei Weitem nicht so wichtig, wie viele glauben. Etliche großartige Alben wurden mit absolut durchschnittlichem Equipment aufgenommen. Es gibt mir allerdings schon eine gewisse Genugtuung, dass – abgesehen vom digitalen Interface – fast alles, was ich zum Aufnehmen benutze, von mir selbst verkabelt wurde.
GL.de: In unserer Rezension zum neuen Album haben wir geschrieben, dass es sich beim Hören deiner Musik anfühlt, als stünde man vor einem riesigen Gesamtwerk, bei dem du mit jedem neuen Album bestimmte Details heranzoomst, anstatt jedes Mal den Masterplan zu zerreißen und komplett von vorn anzufangen. Ist da etwas Wahres dran?
Paul Hiraga: Ich glaube, wenn ich mal etwas radikal anderes machen würde, würde ich wahrscheinlich einen neuen Bandnamen dafür nutzen. Also ja, es gibt definitiv einen roten Faden zwischen allen Downpilot-Alben. Ich verspüre einfach kein großes Bedürfnis, das Ganze nur um der reinen Neuerfindung willen über den Haufen zu werfen.
GL.de: Im Gegensatz zu „The Forecast“ scheinst du dieses Mal bei vielen Songs wieder mehr auf die Gitarre als treibende Kraft zu setzen. Machst du das einfach, um potenzieller Langeweile entgegenzuwirken, oder hast du das Gefühl, dass sich bestimmte Instrumente besser eignen, um bestimmte Gefühle auszudrücken?
Paul Hiraga: Wahrscheinlich Letzteres. Ich probiere Songs oft auf verschiedenen Instrumenten aus, um zu sehen, wie das den Ansatz verändert – das kann sehr überraschende Ergebnisse liefern. Außerdem habe ich kurz vor den Aufnahmen zu diesem Album eine wirklich tolle neue Akustikgitarre bekommen, das hat die Situation also ganz sicher auch beeinflusst.
GL.de: Obwohl du in der Lage bist, ein Album komplett im Alleingang aufzunehmen, hast du wieder die „üblichen Verdächtigen“, darunter Anne Marie Ruljancich (The Walkabouts), Terry de Castro (The Wedding Present), Lars Plogschties, Jeff Brown, Melinda Rice und Will Thomas (Dive Index), ins Boot geholt. Geht es dir dabei an diesem Punkt eher um Gemeinschaft und Connection, oder gibt es wirklich Parts, bei denen du das Gefühl hast, Hilfe von außen zu brauchen?
Paul Hiraga: Nun, ich kann keine Geige spielen, das ist das offensichtlichste Beispiel. Ich könnte zwar alle Gesangsparts selbst einsingen, aber es klingt harmonisch einfach viel reichhaltiger, wenn verschiedene Stimmen im Mix zu hören sind. Es ist schon lustig: Bei den letzten paar Alben habe ich mir jedes Mal fest vorgenommen, nicht wieder alles selbst zu spielen, sondern die Basictracks live als Band einzuspielen. Früher sah der Songwriting-Prozess so aus, dass ich mit einer groben Idee zur Band kam und wir so lange darauf eingeprügelt haben, bis der Song stand.
Heute nutze ich das Studio als mein Songwriting-Werkzeug, und wenn ich erst mal in diesem kreativen Flow bin, muss ich die Sachen schnell einfangen. Am Ende steht dann ein Demo, das ich gar nicht mehr neu aufnehmen will. Wenn du beim Experimentieren den magischen Moment erwischt, kannst du das nicht einfach jemand anderem in die Hand drücken und sagen: „Kopier das mal.“
GL.de: Du hast schon mehr als einmal darüber nachgedacht, das Touren in Deutschland an den Nagel zu hängen, aber so recht klappt das nicht, wie die von Gaesteliste.de präsentierte Tour im Oktober und November bestätigt. Was ist es am Live-Spielen und speziell am Touren hierzulande, das dich immer wieder zurückholt? Welches Bedürfnis stillt es, das das reine Musikmachen und einsame Aufnehmen im Studio nicht erfüllen können?
Paul Hiraga: Das Live-Spielen liegt mir im Blut, es gibt nichts anderes, das mich so lebendig fühlen lässt. Tapete Records ist schon seit langer Zeit mein Label, daher wird Deutschland für mich immer wichtig sein. Ich habe hier viele Freunde gefunden, die Teil meines Lebens sind und die zu sehen mir wichtig ist. Es ist außerdem in vielerlei Hinsicht viel einfacher, in Europa zu touren als in den USA. Das deutsche Publikum kann so viel besser zuhören als an vielen anderen Orten. Es hat mir anfangs ein wenig Angst gemacht, und ich musste mich erst daran gewöhnen.
GL.de: Nach acht Alben, unzähligen Shows hierzulande und der Zusammenarbeit mit einigen der ganz Großen in Seattle – was steht eigentlich noch auf der Downpilot-Bucket-List?
Paul Hiraga: Ruhm und Reichtum – das ist doch irgendwie ein veraltetes Modell, oder? Ich habe meine eigene Version von Erfolg erlebt und bin dankbar für das, was ich tun durfte. Vor allem, wenn ich fünfundzwanzig Jahre zurückdenke, als wir die Band gründeten. Wir waren damals mit den Walkabouts befreundet, und deren Definition von Erfolg sah für mich perfekt aus: bei einem Label zu sein, durch Europa zu reisen (was mich immer mehr gereizt hat als die USA) und eine so beständige Karriere zu haben, dass man weiter Platten machen kann und die Leute zu den Konzerten kommen. Deshalb gibt es keine Bucket List, sondern einfach nur Dankbarkeit.
„Strange Horses“ von Downpilot erscheint auf Tapete Records/Indigo.




