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Julia Jacklin bricht mit alten Gewohnheiten. Ihr feines viertes Studioalbum „The Gem“ – ihr erstes für das renommierte britische Label 4AD – entstand über ihrer Lieblingskneipe in Melbourne und lebt von intuitiver Spontaneität statt durchgetakteter Eile, um ihre Gedanken zum Nebeneinander von Zuneigung und Freiheitswunsch in Töne zu gießen. Mit opulenten Pop-Rock-Melodien, ungeniert eingängigem Jangle-Pop, Schlenkern zu Psychedelia und Country und aufs Wesentliche heruntergebrochenen Akustiknummern beweist die australische Ausnahmemusikerin einen beeindruckenden Facettenreichtum in ihrem elektrisierenden Sound zwischen Intimität und Katharsis.
Fast auf den Tag genau zehn Jahre liegen die ersten Deutschland-Konzerte von Julia Jacklin inzwischen zurück. Trotzdem hat die inzwischen 36-jährige Musikerin aus Melbourne dieses denkwürdige Wochenende mit einem Auftritt in der Haldern Pop Bar noch gut in Erinnerung.
„Das war die Show zusammen mit Big Thief, oder?“, fragt sie beim Videocall mit Gaesteliste.de. „Das Verrückte ist, dass ich inzwischen beim gleichen Management bin wie sie! Ich denke oft an diesen Auftritt zurück. Ich hatte nicht lange zuvor erstmals das Debütalbum von Big Thief („Masterpiece“) gehört, das damals gerade neu erschienen war. Niemand, den ich kannte, hatte die Platte gehört, aber ich fand sie einfach unglaublich! Dann bekam ich diese Show angeboten, während ich unterwegs war, und ich erinnere mich, dass es eine Katastrophe war, mit dem Zug nach Haldern zu kommen, und Gage gab es auch nicht, aber ich musste da einfach zusagen!“
Seitdem ist viel passiert: Mit dem melancholischen Sound und den intimen Texten ihres Debüts „Don’t Let The Kids Win“, das sie damals in Haldern erstmals live vorstellte, gelang ihr der internationale Durchbruch, bevor sie sich 2019 auf ihrem Meisterwerk „Crushing“ intensiv mit Trennung und körperlicher Autonomie auseinandersetzte und damit endgültig Kurs auf den Indie-Folk-Olymp nahm. Ihr drittes Studioalbum, „Pre Pleasure“, erschien 2022 und zeigte eine musikalische Weiterentwicklung hin zu opulenteren Pop-Arrangements, ohne dass die charakteristische emotionale Tiefe verlorengegangen wäre. Gleichzeitig tourte Jacklin gleich mehrfach rund um den Globus und gönnte sich gerade in den Anfangsjahren kaum mal eine Atempause. Lange ließ sie sich auch von, wie sie heute zugibt, `“albernen Dingen“ stressen, anstatt ihren Erfolg zu genießen.
„Im Grunde ist es so: Die Leute mögen die Musik, die man geschrieben hat, und plötzlich, ohne dass man es merkt, wird man zur Inhaberin eines Geschäfts“, sagt sie. „Man hat Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, man bezahlt Leute, aber niemand bringt einem bei, wie man das angeht. Man muss es selbst herausfinden. Nicht zuletzt deshalb waren die ersten paar Jahre in diesem Job der Wahnsinn. Die Anzahl der Tourneen, die ich weltweit absolviert habe, war jenseits von Gut und Böse, denn lange war mir nicht klar, dass ich auch mal Nein hätte sagen können!“
Vielleicht auch deshalb sind es bis heute vor allem Business-Faktoren, die ihr in den Sinn kommen, wenn es um die Frage geht, wie das Musikmachen sie als Mensch verändert hat. „Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie ich ohne das alles war. Ich weiß noch, wie ich schon als Kind Lieder geschrieben habe; es war schon immer ein riesiger Teil meines Lebens. Aber ich glaube, dass mich die Tatsache, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, als Mensch verändert hat – denn von Natur aus bin ich eigentlich niemand, der so sehr in der Öffentlichkeit steht. Eigentlich würde ich wohl eher ein zurückgezogenes Leben führen. Die Entscheidung, die Musik zu meinem Beruf zu machen, hat mich also dazu gezwungen, mich an ein Umfeld anzupassen, das meinem natürlichen Wesen eigentlich nicht entspricht. Ich glaube, das hat mich tatsächlich verändert – mal zum Besseren, mal zum Schlechteren!“
Den Wunsch nach einem zurückgezogenen Leben erfüllt sich Jacklin zwischen den Albenzyklen. Während viele andere Künstlerinnen und Künstler ihrer Generation aus Angst, in Vergessenheit zu geraten, beständig den Algorithmus füttern, auch wenn es keine Neuigkeiten oder etwas zu sagen gibt, war es um Jacklin seit Ende der Welttournee zu „Pre Pleasure“ vor drei Jahren ziemlich still. Kein Wunder, denn da ihr Plattenvertrag ausgelaufen war und auch die Zusammenarbeit mit ihrem früheren Management geendet hatte, gab es lange niemanden, der ihr auf die Füße hätte treten können. Eine Erfahrung, die sie als befreiend und beängstigend zugleich empfand.
Die Zeit nutzte Jacklin nicht nur, um zu sich selbst zu finden, sondern auch, um Pläne für ihren nächsten künstlerischen Schritt zu schmieden. Dazu gehörte auch, erstmals eine LP in ihrer Wahlheimat Melbourne aufzunehmen. Als sie 2017 in die Metropole in Victoria gezogen war, entdeckte sie eine kleine Kneipe namens The Gem, wo sie schnell ein Umfeld fand, das ihr das Ankommen in der neuen Stadt erleichterte. Zufälligerweise gab es gleich über The Gem auch ein kleines Tonstudio. Genau dort, in den von Robert Muinos betriebenen Rat Shack Studios, entstand nun Jacklins vierte LP. Mit alten Weggefährten wie Jacob Diamond (Gitarre), Mimi Gilbert (Bass) und Jess Elwood (Schlagzeug) an ihrer Seite wollte Jacklin die Songs für „The Gem“ eigentlich wie immer in kurzer Zeit einspielen. Doch am Ende kam es anders.
„Ich dachte, ich hätte das Album ein Jahr früher fertiggestellt“, lässt sie sich in den Pressematerialien zitieren. „Es war gemixt, gemastert, wir hatten eine Listening-Party, wir haben gefeiert. Und zwei Tage später dachte ich: Es ist noch nicht fertig. Mir wurde klar, dass ich einige Dinge noch nicht verarbeitet hatte. Ich wollte etwas beweisen – und man konnte das in der Musik hören. Ich traf Entscheidungen mit dem Gedanken: Das wird bestimmt jemandem gefallen, oder? – ohne dass ich selbst wirklich dahinterstand.“
Deshalb feilte sie im Anschluss zusammen mit Muinos weitere elf (!) Monate an den Liedern, bis sie endlich zufrieden war. Einige Songs wie „Real Life“ und der Opener „Brand New“ krempelte sie dabei komplett um – Lo-Fi-Vibes und Drummachine inklusive.
„Bei ‚Real Life‘ habe ich mir dann gesagt: ‚Warum machst du nicht einfach etwas, das richtig cool ist und das dir wirklich gefällt?‘ Das ist so offensichtlich und simpel, aber es kann wirklich schwierig sein, das einfach mal in die Tat umzusetzen. Das Ganze war zudem sehr spielerisch, Rob und ich hatten einfach viel Spaß bei der Arbeit an diesen Songs. Im Grunde haben wir versucht, elektronische Musik zu machen, was ich noch nie zuvor gewagt hatte. Allerdings wussten weder Rob noch ich, wie man das angeht – wir haben einfach keinen Schimmer, wie man die Computer bedient (lacht). Letztlich haben wir dann einfach die Instrumente benutzt, die wir hatten, und anschließend versucht, sie zu zerlegen. Das hat mich daran erinnert, dass es bei Musik um das Spielerische geht.“
Auch „Brand New“, das jetzt das Album eröffnet, wurde völlig neu gedacht und macht nun seinem Text – „I’m free, now let me be brand new“ – alle Ehre. Doch obwohl Jacklin bisweilen klanglich bewusst neue Pfade beschreitet, ist doch der gewisse Julia-Jacklin-Faktor, mit dem sie schon auf früheren Veröffentlichungen glänzte, auch auf „The Gem“ allgegenwärtig. So gibt es mit „I Wish“ eine leise Folk-Nummer gemeinsam mit Elise und Maggie Rigby von der Band The Maes, einen Jangle-Pop-Ohrwurm in Form von „Get Away From Me (I Think I’ll Love You Soon)“ oder eine sechs Minuten lang praktisch wie in Zeitlupe anschwellende Großtat wie „Walk On“, die mit zu den beeindruckendsten Nummern des Albums gehört.
Dass sich Jacklin auf das Abenteuer eingelassen hat, erstmals eine Platte über einen langen Zeitraum zu produzieren, ist nicht zuletzt deshalb überraschend, weil sie uns zum letzten Album noch erzählt hatte, dass es ihr am liebsten wäre, wenn ihre Songs innerhalb von nur fünf Minuten entstünden. Inzwischen hat sich ihre Sicht der Dinge allerdings grundlegend gewandelt.
„Früher hatte ich Angst, dass sich herausstellen würde, dass ich eigentlich gar nicht gut bin in dem, was ich tue, wenn ich zu lange an etwas arbeite“, gesteht sie. „Ich glaube, der veränderte Ansatz bei der Arbeit an der neuen Platte bestand einfach darin, dass ich versucht habe, genau diese Theorie auf die Probe zu stellen. Ich glaube auch, dass man in diesem Job sehr leicht vergisst, dass es nicht nur um das Endprodukt geht. Für mich als Individuum ist es wichtig, dass ich Freude an der Arbeit habe. Es ist wichtig, dass das, was man tut, nicht nur für andere Menschen bestimmt ist. Es sollte tatsächlich eine bereichernde menschliche Erfahrung sein, und die Musik sollte am Ende nur ein Bonus zu einem wirklich coolen Erlebnis sein – Zeit, die man mit Freunden verbringt, Zeit, die man mit anderen Menschen verbringt, um etwas zu erschaffen. Ich glaube, dass ich das dieses Mal tatsächlich erreicht habe und auch das macht mich ein bisschen stolz.“
Textlich derweil kreisen die Songs um Dinge, die Jacklin schon lange beschäftigen. „Ich möchte lieben und geliebt werden, aber ich möchte mich auch frei fühlen. Die Spannung zwischen diesen beiden Dingen war die zentrale Frage meines Lebens“, sagt sie, und genau diese Gedanken finden sich auch in den Lyrics der neuen Lieder wieder. So kreist „God Sometimes“ um die Notwendigkeit, das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. „If I Had The Hand Of God“ dagegen liebäugelt mit dem kompletten Gegenteil: Würde Allwissenheit überhaupt dazu führen, dass sich etwas ändert, fragt sich Jacklin hier. Auch sonst sind es oft Gegensätze wie Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, mit denen Jacklin hier ringt.
Im Februar 2027 kommt Jacklin mit ihrer Band im Rahmen ihrer Europatournee für zwei Konzerte nach Hamburg und Berlin und auch wenn für sie nach all den kleinen und großen Erfolgen der Vergangenheit keine klassischen Bucket-List-Wünsche mehr offen sind, hat Jacklin durchaus noch Pläne. „Ich würde liebend gerne ein Ballkleid tragen und mit einem Orchester im Rücken im Sydney Opera House singen“, verrät sie lachend. „An Songwriting habe ich lange gar nicht gedacht, aber es war immer mein Traum, Sängerin zu sein. Deshalb würde ich sehr gerne etwas machen, das mich als Sängerin auf die Probe stellt. Vermutlich wäre dieses Ziel gar nicht so schwer zu erreichen.“ Sie muss lachen. „Wenn ich wollte, könnte ich diese Show wahrscheinlich einfach selbst auf die Beine stellen!“
„The Gem“ von Julia Jacklin erscheint auf 4AD/Beggars Group/Indigo.




