Seit die norwegische Musikerin Susanne Sundfør 2023 ihr letztes Album „blómi“ veröffentlichte, ist eine Menge passiert. So wurde Susanne Mutter, verließ die gewohnte städtische Umgebung und zog aufs Land. Dort entdeckte sie das Buch „Revelations Of Divine Love“ von Julian Of Norwich – einer Mystikerin, die Ende des 14. Jahrhunderts das erste Buch auf Englisch verfasste, das von einer Frau geschrieben wurde. Die Geschichte dieser Frau, die sich nach einer Reihe von mystischen religiösen Visionen neben der St. Julian Kirche in Norwich (deren Namen sie als den ihren annahm) in einer kleinen Zelle einmauern ließ, um dort ihrer religiösen Überzeugung in Form der sogenannten Inklusion Ausdruck verleihen zu können. Dabei stand sie den Menschen als geistliche Beraterin und Seelsorgerin zur Verfügung, stand in Kommunion mit der Kirche und verfasste das besagte Buch, auf dem Susanne Sundfør nun ihr achtes Album basierte.
Wie kommt man auf so etwas? Nun die Theologie der Julian Of Norwich beruhte auf einer fürsorglichen, mütterlichen, allumfassender Liebe Gottes – die Julian dezidiert auf die weiblichen Perspektive ausrichtete – und der zentralen Schlussfolgerung. Das erklärt schon mal den Titel des Buches – und natürlich auf den des Albums. Die zentrale Botschaft, die Julian of Norwich vermittelte (und die ihr schon während der erwähnten Visionen zugetragen wurde) lautet: „Alles wird am Ende gut werden“. Das nahm Susanne dann zum Anlass, dieses Thema auf den Vorgang der Geburt zu beziehen – den sie ja selber zwei Mal durchlebte – was sie dann zum zentralen Schlüsseltrack des Albums (und begleitender Videos) machte. Alle Texte – sowohl die gesungenen, wie auch die rezitierten – stammen aus dem besagten Buch in einer Übersetzung von 1901.
Aber kommen wir mal zur Musik. Die Sache mit dem Einmauern neben der Kirche, um auf diese Weise Gott näher sein zu können inspirierte Susanne Sundfør dazu, das ganze Album alleine mit Hilfe einer Kirchenorgel zu gestalten. Nun war die Gute ja noch nie darum verlegen, wenn es darum ging ungewöhnliche musikalische Wege zu gehen – so radikal und konsequent hat sie dabei allerdings noch nie agiert. Das Ergebnis ist dabei erstaunlich zugänglich, abwechslungsreich und songwriterisch gelungen. Anstatt sich ganz auf liturgische Klangfarben zu konzentrieren, verwendet Susanne das Instrument auf unterschiedlichste Weise – mal eben wie eine Kirchenorgel, mal wie einen Synthesizer, mal ambientmäßig und mal als Geräuschkulisse.
Dabei gelingen ihr meisterhaft ausformulierte, melodische Dream-Pop-Elaborate wie „I It Am“, „What Are We“ oder der Schlüsseltrack „All Shall Be Well“ ebenso wie eher lautmalerische und/oder rezitative Kontemplationen wie „One High Love“, „Charity“ oder „Overcome“ ebenso wie soundtrack-mäßige – zum Teil verstörende – Instrumentals wie „Hazelnut“ oder „Visions“, die dem Zuhörer die Ehrfurcht vor dem Göttlichen schon einbläuen werden. Nach Kirchenliedern klingt das alles nicht. Kurz gesagt: Das Experiment ist gelungen – auch wenn das Ganze meilenweit entfernt ist, von dem was Susanne Sundfør zuvor gemacht haben mag.
Wer sich für das Thema interessiert, kann mal nach dem britischen Spielfilm „Anchoress“ von dem Regisseur Chris Newby Ausschau halten, der das Leben von Julian Of Norwich als „Klausnerin“ zum Thema hat.
„Revelations Of Divine Love“ von Susanne Sandfør erscheint auf Bella Union/Bertus.




