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Dolly for President!
Bei ihrem ersten Besuch in der Domstadt war Lera Lynn ja noch skeptisch gewesen, ob das denn was werden könnte mit ihr und den Kölnern. Das war aber auch schon 2018, wo sie vor einer Handvoll ausgelesener Fans spielte, die mitbekommen hatten, dass es sie überhaupt gab. Inzwischen hat sich aber herumgesprochen, welche besondere Art von Künstlerin Lera Lynn ist – und demzufolge knubbelten sich die Fans bei ihrem Konzert im Kölner Jaki geradezu, wo Lera zusammen mit ihrem Gatten und Gitarristen Todd Lombardo eine Show im Rahmen ihrer gerade laufenden Europa-Tour spielte. Einen besonderen Anlass gab es dafür eigentlich nicht (denn Lera hatte nur einen neuen Song im Gepäck) – außer vielleicht dem, dass sie sich von einem Film- und Kamerateam begleiten ließ, um eine Doku über ebendiese Tour festzuhalten.
Die Show fand dann im Duo-Setting statt – denn auch wenn Lera nun öfter in unseren Breiten aufschlägt: So richtig reich wird man heutzutage als reisende Indie-Künstlerin ja immer noch nicht. Und leichter wird die Sache ja auch nicht. „Wir waren gestern so müde von dem Flug“, erklärte die aus Nashville angereiste Musikerin eingangs, „zu touren wird auch immer anstrengender, je älter man wird. Das hatte man mir vorher nicht erklärt.“
Immerhin schien die Müdigkeit an diesem Abend aber verflogen, denn Lera und Todd zeigten und zeitigten große Begeisterung bei dieser Show. Da man sich ja als Musiker auch irgendwie motivieren muss und sich nicht ständig wiederholen will, hatten sich Lera und Todd ein neues Setting überlegt. Anstatt wie üblich beide elektrische Gitarren zu spielen, hatte sich Todd eine alte Silvertone zu einer sogenannten „Rubberband“-Gitarre umbauen lassen – was zu einem ganz ungewöhnlichen, trockenen Klangbild führt. Außerdem spielte er ein Mikro-Keyboard, dem er ziemlich große Töne entlockte. Lera selbst spielte nur akustische Gitarre – und hatte sich ansonsten originelle Klangideen einfallen lassen. Ein zweites Mikro stand nur für Effekte zur Verfügung; über ein Wah-Wah-Pedal tweakte sie bei dem Song „Destroyer“ ihren Gesang, und bei dem Track „Shapeshifter“ kam ein Kickboard zum Einsatz, das zuvor unter ihrem Kleid verborgen war. Insgesamt ergab das dann deutlich mehr als die Summe der zwei Protagonisten alleine. Lera Lynn und Todd Lombardo haben nicht nur im Studio ein Händchen für originelle Soundoptionen.
Auf dieser Tour ging es dann nicht um einen Showcase des letzten Albums „Something More Than Love“ – denn das war ja das Thema der letzten Tour mit Band im vergangenen Jahr. Stattdessen gab es dann einen bunten Querschnitt mit Material aus der ganzen Laufbahn – und einige wirklich coole Cover-Versionen. Da war zum Beispiel das eigene „Cover“ namens „What Is Love“ – ein Song, den Lera zusammen mit Dylan LeBlanc für ihr Duett-Album „Plays Well With Others“ geschrieben hatte und hier nun solo vortrug. Das war dann also sozusagen nur ein halbes Cover. Dann gab es aber noch eine eher ungewöhnliche Version von „Black Hole Sun“ am Ende der Show – bei der Lera stimmlich plötzlich eine Art „Rock-Röhre“ auspackte und (auf der akustischen Gitarre) losriffte, was das Zeug hält. Schön, wenn man den Musikern auf der Bühne manchmal wirklich anmerken kann, dass sie sich selbst amüsieren.
Und schließlich gab es noch eine rührende Version von Dolly Partons „Jolene“, die Lera gegen Ende ins Programm eingebaut hatte. „Wisst ihr was“, meinte Lera nach dem Stück: „Dolly hätte unsere Präsidentin sein sollen.“ Die Sache ist nämlich die, dass Dolly Parton – wie auch Lera und Todd – in der Gegend um Nashville lebte und dort nicht nur ihrer Musik wegen verehrt wurde, sondern auch wegen ihrer politischen Aktivitäten und sozialen Projekte.
Aber natürlich gab es auch jede Menge genuine Highlights. Etwa der wunderschöne akustische Opener „Black River“ vom letzten Album, das notgedrungen entschleunigte „Cherry Tree“, das mit anzüglichen Kommentaren (wie „wäscht hier etwa jemand die Wäsche anderer?“) dargebotene „Laundry“ und die bereits erwähnten Tracks „Destroyer“ und „Shapeshifter“ mit ihren Soundeffekten. Zwar schienen Todd und Lera gegen Ende der Show im wörtlichen Sinne stimmungsmäßig etwas auseinanderzudriften – ansonsten gab es aber nun wirklich nichts auszusetzen an diesem intimen Ereignis. Noch eine kleine Anmerkung: Todd und Lera erschienen farblich abgestimmt in weinrotem Outfit – und Lera hatte eine Art Blumenkrone im Haar. Es ist ja auch heutzutage manchmal ganz angenehm, wenn die Musiker auf der Bühne etwas glamouröser erscheinen als die Leute davor.


















