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Kontrolliertes Chaos
Der altehrwürdige „Rockpalast“ lädt ein: Zweimal im Jahr stehen an jeweils vier Abenden in der heimeligen Bonner Harmonie Acts mit dem gewissen Etwas vor den Kameras des WDR. Den Anfang machten in diesem Herbst zwei Bands, die unterschiedlicher kaum hätten sein können und genau deshalb viel Entdeckungspotenzial für das bunt gemischte Publikum boten – Engin aus Mannheim und Personal Trainer aus Amsterdam. Um es vorwegzunehmen: Es wurde ein Abend zwischen kontrolliertem Chaos und emotionaler Wucht. Wem das nicht reicht: Personal Trainer kommen im Februar zu Headline-Konzerten nach Köln, Hamburg, Bremen und Berlin.
Das Poster des Abends hatte zwar Grund zur Annahme geboten, dass Personal Trainer beginnen würden, aber vielleicht hatte Engin einfach jemand gesteckt, dass die Holländer keine Band sind, nach der man gerne auf die Bühne möchte? Auf jeden Fall machte das Mannheimer Quartett den Anfang.
Bei Engin dreht sich das mitgebrachte Bandlogo selbstironisch am Dönerspieß, aber sonst ist ihre Musik eher von Ernsthaftigkeit geprägt – klanglich wie textlich. Wenn Sänger, Gitarrist und Namensgeber Engin Devekiran, Drummer Jonas Stiegler, Bassist David Knevels und Keyboarder Philip Weyand auf der Bühne stehen, trifft anatolische Sehnsucht vergangener Zeiten auf deutschen Indie-Pop-Zeitgeist. Die Band verknüpft rohen Anadolu-Rock der 70er-Jahre mit psychedelischen US-Gitarren-Sounds und einer Portion anspruchsvollem Funk und klingt so vom ersten Ton an ungewöhnlich.
Sänger Engin wechselt fließend zwischen deutschen und türkischen Texten, hat aber ein Händchen dafür, nicht nur den türkischstämmigen Fanclub, der in den ersten Reihen völlig aus dem Häuschen ist, mitzunehmen, sondern bei den Ansagen die türkischen Texte auch für die deutschen Gäste gewissermaßen simultan zu übersetzen. Doch auch wenn sich viele Texte um ernste Themen drehen und im Titelsong der aktuellen Platte „Sag mir Almanya“ gewissermaßen die Sinnkrise der Bundesrepublik emotional thematisiert wird, ist das Ganze nie zu kopflastig.
Denn selbst wenn es um melancholische Themen wie Heimweh und Entfremdung geht, sind die Songs fast immer tanzbar und uplifting. Man könnte auch augenzwinkernd sagen: Den türkischen Wurzeln zum Trotz haben Engin alle Tugenden des deutschen Indie-Pop verinnerlicht – im Guten wie im Schlechten. Denn je deutscher das Quartett wird, desto belangloser wird es trotz unbestrittener Ohrwurmmelodien auch.
Am Ende sind für den ein oder anderen neutralen Zuschauer knapp 80 Minuten Engin vielleicht etwas zu viel des Guten, denn das, was die vier musikalisch wie inhaltlich zu sagen hatten, war schon deutlich früher umfassend klar.
Für die Ernsthaftigkeit von Engin ist danach bei Personal Trainer nicht viel Platz, wenngleich das nicht heißt, dass es dem Amsterdamer Kollektiv an musikalischer Qualität oder Präzision mangeln würde. Wer das Sextett um Mastermind Willem Smit in den letzten Jahren bei Festivals wie dem Orange Blossom Special in Beverungen oder der Traumzeit in Duisburg live erlebt hat, weiß um die eruptive, fast hyperaktive Energie ihrer Shows.
Das Konzert in Bonn macht da keine Ausnahme – und steht doch im Zeichen einer spürbaren Zäsur. Die Band feierte nicht nur die Veröffentlichung ihres gefeierten dritten Studioalbums „Human Assholes“, sondern präsentiert sich auch in einer frischen Bandbesetzung ohne Franti Marešová an der Gitarre und Leon Harms am Schlagzeug – und das hinterlässt durchaus Spuren im charmant-schrägen Soundteppich der Niederländer.
Gitarrist Sam van Ommen (Tim Knol & the Wandering Hearts) und Schlagzeugerin Annemarie van den Bonn (Loupe) gehen nun spürbar unaufgeregter zu Werke, ohne dass das der Musik und der Performance schaden würde. Wo früher manchmal der pure Slacker-Klamauk regierte, agiert die neue Besetzung tighter, fokussierter und rhythmisch variabler. Passend zu den AC/DC-Shirts, die gleich zwei Bandmitglieder tragen – auch Wilco und Westside Cowboy sind repräsentiert – konzentrieren sich Personal Trainer nun stärker aufs Wesentliche.
Gleichzeitig hat Smit jetzt in der Bühnenmitte noch mehr Raum, alle Blicke auf sich zu ziehen, mit anarchischer Freude jede Rock-’n‘-Roll-Pose gestenreich durchzuexerzieren und das Publikum, gern auch mal nah am Bühnenrand, nach vorne zu peitschen. Doch das vielleicht Schönste dabei: Obwohl Smit fraglos den Ton angibt, hat man dennoch stets das Gefühl, eine richtige Band und nicht nur einen Frontmann mit einer austauschbaren Backing-Band zu erleben. Die Freude am eigenen Tun ist bei allen sechs Musikerinnen und Musikern während des gesamten 75-minütigen Auftritts unübersehbar.
Im Zentrum des Sets stehen an diesem Abend verständlicherweise die Stücke des im September erschienenen Albums „Human Assholes“, das auf Bella Union veröffentlicht wurde und eine bemerkenswerte Weiterentwicklung für die Band markiert.
Der krachige Post-Punk und der augenzwinkernde Indie-Pop der Vorgänger weichen hier immer öfter einer reiferen, düstereren Melancholie, ohne den typischen Spielwitz zu verlieren, für den nicht zuletzt auch Smits langjährige Wegbeleiter, Keyboarder Abel Tuinstra und Gitarrist/Saxofonist Mart Bouwmans, verantwortlich sind. Das Album bewegt sich so gekonnt zwischen euphorischen Ausbrüchen und nachdenklichen Momenten, in denen Schmerz und Erinnerung verarbeitet werden.
Live bedeutet das, dass es für jeden wilden Ohrwurm wie „Round“ und „Intangible“ (alt) oder „Moping“ (neu) auch Songs gibt, die nicht allein durch Vollgas begeistern. So offenbaren „Scrambled Eggs“ oder „Punch Drunk Love“ schon früh im Set neue Facetten, und mit „Hole“ zeigen Personal Trainer spielerisch, wie die perfekte Balance aus Indie-Schrammelei und emotionaler Tiefe aussieht.
Zu den Highlights gehört deshalb natürlich auch der epische, fast achtminütige Titeltrack der neuen LP. Hier steigerte sich die Band in eine markerschütternde Wall of Sound, getragen von Ruben van Weegbergs hypnotischen Basslinien und Smits manischem Gesang, der zwischen verletzlichem Flüstern und wütendem Schreien die gesamte Gefühlsbreite auslotet und dabei die alles andere als schlechte LP-Version weit hinter sich lässt.
Nach einem letzten wilden Ritt mit augenzwinkernd swingenden „I Am Your Personal Trainer“ als finalem Song darf man deshalb das Gefühl haben, dass Smit und den Seinen das Kunststück gelungen ist, ihren (Klang-)Kosmos zu erweitern, ohne dem Ganzen die essentielle, unberechenbare Wildheit zu nehmen.
Mit dem bisweilen spürbar komplexeren Material von „Human Assholes“ im Gepäck sind die Niederländer nun endgültig von einer charmanten Indie-Underground-Hoffnung zu einer aufregenden, vielschichtigen Formation gereift, die wie einst ihre Vorbilder Pavement begriffen hat, dass Eingängigkeit nicht zwangsläufig in Vorhersehbarkeit münden muss, und als Live-Band trotz vieler kleiner und großer Veränderungen mitreißend und unterhaltsam wie eh und je ist.






























