Der Musikexpress nannte Richard Thompson einst einen „Folkrock-Grandseigneur, famosen Songschmied und begnadeten Gitarristen“. Charakteristika, die auch auf das neue Album des inzwischen 77-Jährigen zutreffen. Das Rocklexikon widmet ihm fast so viel Platz wie den Rolling Stones, was seine Bedeutung in der Geschichte zeitgenössischer Musik unterstreicht. Nicht immer entsprach die Qualität seiner Kompositionen den kommerziellen Erlösen. Dennoch bleiben seine Alben mit Fairport Convention und mit seiner damaligen Frau Linda unvergessen. Nun legt er mit „Hippies, Thugs and Heroes“ sein 20. Soloalbum vor.
Dort tummeln sich allerlei obskure Figuren. In dem Blues-Rocker „Cocaine Walking, Booze Talking“ treffen wir auf eine Karussell-Königin, einen Kings Road-Hippie, einen Schwerenöter aus der ehemals berüchtigten Sauchiehall Street in Glasgow und einen Soldaten, der Shakespeare zitiert. „Unsung Heroes“ feiert die Alltagshelden, die in keinem Geschichtsbuch und in keiner Zeitung auftauchen. „Everybody Stealing“ führt geradewegs in eine rappelvolle Kneipe, aus der keltischer Folkgegröle erschallt. Singalong zwischen Band und den trinkfreudigen Gästen. Nicht immer dreht sich der Verlust um Diebesgut, sondern mag auch die Unschuld betreffen: „But the woman I love / Well bless her soul, / At least she only stole my virginity / (That’s what I told her)“. Wem kann man noch trauen: „My dog’s the only one I can trust – or is he?“ Mit getragenen Bläsern scheint die Stimmung zwischendurch umzuschlagen, bis die fröhliche Ausgelassenheit wieder durchbricht. Das erinnert an die Eingangsszene aus dem Bond-Film „Leben und sterben lassen“, wo ein Trauermarsch zunächst gramgebeugt und tränenreich durch New Orleans zieht, der Sarg einen von Schurken ermordeten Agenten aufnimmt und die gefakte Prozession von da an fröhlich feiernd tanzt, als fände hier eine Mardi-Gras-Party statt. „Pauper’s Grave“ schleppt sich hingegen dahin wie ein würdevoller Trauerzug, bereiten hier doch rechtschaffene Bürger einem Obdachlosen, den sie tot im Schnee aufgefunden haben, eine angemessene Bestattung.
Die bluesige Moritat „Stringer“ erzählt von einem skrupellosen Mörder. Geige und Akkordeon spielen zum Walzer auf, und Thompson streut kurze, fantasievolle und facettenreiche E-Gitarren-Soli ein. Songdienlich, nie poserhaft. Der Zauberlehrling, „The Sorcerer’s Apprentice“, versucht sich vom unheimlichen Meister zu lösen und klagt, er habe „uns alle an der Nase herumgeführt bis an die Schwelle der Katastrophe“, und „hat all die Risse mit einem riesigen Heftpflaster übertüncht“. Eine 12-saitige Gitarre klingelt wie bei den Byrds, und Thompsons Gesang ähnelt dem von Pete Townshend. In „She Burns It All“ pendelt die Akustikgitarre monoton hin und her, und darüber erhebt sich ein Klagegesang. Man meint nicht nur hier ein altes Traditional zu hören. Auch „Big Smoke“ mit der Fiddle wirkt wie aus der Zeit gefallen. „Pipe Dreams“ mit perlenden Akustikgitarren singt Thompson im Duett mit seiner Frau Zara Phillips. „Siren“ endet mit dem Vers „And love’s the only thing that matters“. Das klingt nach einer recht platten Erkenntnis, aber Obacht, wenn Sirenen im Spiel sind.
„Hippies, Thugs and Heroes“ von Richard Thompson erscheint auf New West Records/Bertus.




