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Du bist, was du isst.
Bereits 2014 hatten die Blood Red Shoes ein gefeiertes Konzert im Kölner Bürgerhaus Stollwerck gespielt. Besonders verwunderlich war es demnach nicht, dass Laura-Mary Carter und Steven Ansell im Rahmen der Tour zu ihrem neuen Album „Stay Lonely“ erneut an gleicher Stelle aufspielten. Köln gehört (neben Hamburg) eh zu den Favorite Spots des Duos aus Brighton, und da sich im Prinzip gegenüber 2014 auch gar nicht sooo viel geändert hatte (das Paar spielte mit dem gleichen reduzierten Set-Up für mittlere Venues wie 2014), machte es Sinn, quasi diese Repeat-Performance im Stollwerck anzusetzen.
Wie üblich hatten die BRS einen handverlesenen Support-Act engagiert – und das war die beinahe „ungooglebare“ Avantgarde-Elektronik-Künstlerin Imogen Mason, die sich als Moniker den Projektnamen Smasher ausgesucht hat, den sie aber „sm^sher“ geschrieben haben möchte. Anders als bei ihrem Bandprojekt Voka Gentle setzt Imogen als sm^sher ganz auf eher verstörende Klanginstallationen, die nur selten einmal in erkennbare Songformate abdriften, dafür aber mit einer fast schon ansteckenden Begeisterung ihrerseits präsentiert werden. Das war dann – abhängig davon, ob man die Künstlerin überhaupt sehen konnte (denn Kunstnebel und Beleuchtung von hinten sind auch im Stollwerck Trumpf) entweder ganz unterhaltsam oder ziemlich anstrengend – je nach Gemütslage. Zumal Madison hier ganz alleine mit ihrem Equipment auf der Bühne stand, anstatt mit ihren Musikern, die ihr ansonsten auch organische Elemente entgegenzusetzen haben. Es gab dann nervige Frequenzen, viel improvisatorisches Störfeuer und monotone Beats, die nur gelegentlich mittels der Gesangseinlagen in Richtung Dreampop und Artverwandtes abdrifteten. Das hatte dann wenig mit dem erdigen Sound zu tun, den die Shoes zu bieten haben, und wurde demzufolge eher geduldig und höflich als begeistert beklatscht.
Die Begeisterung hatten sich die Fans dann offensichtlich eh für die Shoes aufgespart. Diese ließen sich dann bis kurz vor 22:00 Uhr Zeit, bevor sie mit ihrer Show begannen – und zwar aus einem fast schon absurden Grund: Laura-Mary hatte die seltsame Idee, sich vor der Show noch die Haare färben zu müssen, was natürlich einige Zeit in Anspruch nahm. Und das am letzten Tag der Deutschlang-Tour! Dann ging es aber endlich los – und zwar gleich mit dem neuen LP-Opener „Start To End“. Obwohl die neue Scheibe „Stay Lonely“ produktionstechnisch zuweilen recht abenteuerliche Wege beschreitet, passten sich die neuen Tracks dann erstaunlich nahtlos in das bisherige Oeuvre ein. Laura-Mary hatte eine neue Looping-Station im Gepäck, und der Tontechniker Dan sprang bei den Songs „Bangsar“ und „Eye To Eye“ (und zusätzlich bei zwei der drei Zugaben) als zusätzlicher Bassist ein – ansonsten war dann aber alles wie immer.
Zum Glück, denn genau das war es ja, wonach den Fans dürstete. Gleich beim ersten Track gab es Konfetti-Getöse, und später am Abend ging dann der Punk mit dem Publikum durch. Bei Tracks wie „Red River“ oder „Cold“ verwandelte sich fast das ganze Auditorium in einen einzigen Moshpit, und beim alten Gassenhauer „I Wish I Was Someone Better“ übernahm einfach das Publikum den Gesangspart des Refrains. Von den neuen Tracks gefielen dann besonders „Screams“ – einfach, weil das ein perfekt auf das Notwendige reduzierter Song ist und das Thema „Drei (bzw. in dem Fall vier) Akkorde und die Wahrheit“ auf den Punkt bringt – und dann auch „Get Into Myself“ – einer der stärksten Songs des neuen Albums, den sich die Shoes für den Zugabenblock aufgehoben hatten. Immerhin gab es aber ja einen Zugabenblock – und das war früher auch nicht immer der Fall. Heutzutage aber bilden die Shoes und die Fans eine verschworene Gemeinschaft, die den Titel des neuen Albums „Stay Lonely“ gewissermaßen ad absurdum führten. Und mit 20 Tracks auf der Setlist bekamen die Fans dann auch ordentlich was geboten.
Über die Hintergründe des neuen Albums wollten wir uns dann kurz noch mal mit Laura-Mary und Steve unterhalten, weil das aufgrund logistischer Probleme im Vorfeld des Album-Releases nicht möglich gewesen war.
>>> NACHGEHAKT BEI:
Blood Red Shoes
GL.de: Ihr habt ja auf dem Reeperbahn Festival eine Art akustisches Set gespielt. Was war denn da der Hintergrund – warum habt ihr das gemacht und was hat euch das gebracht?
Steven: Zunächst mal: Ein richtiger Akustik-Gig war das ja nicht – eher so eine Stripped-Down-Version von uns. Mir hat das wirklich Spaß gemacht. Wahrscheinlich mir sogar mehr als Laura-Mary – weil sie ja schon Solo-Shows gespielt hat, was ich noch nie gemacht hatte.
Laura-Mary: Ja, so was habe ich ja schon oft gemacht. Ich weiß aber gar nicht mehr, wie die Sache zustande gekommen ist. Ich denke, wir mögen es einfach, Sachen auszuprobieren – denn wir haben ja schon öfter in Kirchen gespielt.
Steven: Ich denke einfach, dass wir rastlos sind und verschiedene Sachen machen möchten. Das war ja am Tag, als unser Album rauskam. Und jeder in Hamburg hat uns ja schon „normale“ Rockshows spielen gesehen. Da haben wir uns dann gedacht: Warum machen wir zum Release nicht mal was anderes – etwas, was wir noch nicht gemacht haben? Für mich war das ein wenig beängstigend und eine Herausforderung, weil ich da ziemlich blank stand, während ich mich ansonsten ja dahinter verstecken kann, wie ich auf das Drumkit eindresche. Da stand ich also wie unter einer Lupe und hatte plötzlich Angst. Das gefiel mir aber und hat Spaß gemacht.
GL.de: Das neue Album „Stay Lonely“ gehört ja songwriterisch sicherlich zu euren stärksten Alben – eben auch, weil die Stücke so simpel und geradlinig sind. In den Liner Notes heißt es an einer Stelle, dass ihr ja eigentlich konventionelle Songs mögt, aber keine konventionellen Sounds. War das dann auch die Maxime, nach der ihr das Album angegangen seid?
Steven: Ich denke, wir haben immer schon konventionelle Songs geschrieben – das hat sich eigentlich nicht geändert.
Laura-Mary: Das würde ich auch sagen – unter dem Strich – obwohl wir das nicht planen. Ich denke zum Beispiel, dass unser letztes Album sogar noch einfacher und zugänglicher war als das neue. Wir haben da ja richtige Pop-Songs angestrebt.
Steven: Wir sprechen da nicht drüber – aber das passiert einfach. Dafür arbeiten wir dann am Sound. Ich finde es interessant, wenn du nicht weißt, welche Instrumente zu hören sind. Du kannst nicht unterscheiden, ob es ein Synth oder eine Gitarre ist – das finde ich spannend. Wenn man die Erwartungshaltungen der Leute unterwandert, dann ist das, als fändest du eine neue Farbe zwischen den ganzen üblichen.
GL.de: Als Laura-Mary ihre Solo-Scheibe aufnahm, betrieb sie ja ein bisschen Seelenreinigung. War das für dich, Steven, bei der neuen Scheibe ein bisschen auch der Fall?
Steven: Seelenreinigung? Beim Singen? Ich denke über so etwas einfach nicht nach. Manchmal sind die Sachen recht persönlich, manchmal geht es um Charaktere, manchmal ist es irgendwo dazwischen. Meistens gibt es keinen bewussten Plan, die Songs betreffend. Wir erlauben dem Song dann einfach, das zu sein, was er sein möchte, ohne ihm unseren Willen aufzuzwingen.
GL.de: Das klingt ja so, wie ein klassischer Singer/Songwriter es ausdrücken würde.
Steven: Manchmal ist es einfach eine instinktive Sache, wenn sich etwas richtig anfühlt – und du weißt gar nicht warum. Und zwei Jahre später wird dir auf einmal klar, was da passiert ist. Es kommt einfach aus dem Unterbewusstsein.
GL.de: Musikalisch und Textlich?
Steven: Ja. Ich kann nur sagen, dass da nicht jede Zeile, die ich aus meiner Perspektive singe, auch immer von mir handelt. Das Schöne ist, dass die Musik dir sagt, wo es langgeht. Und wenn du dann zu viel darüber nachdenkst, dann verlierst du sogar den Fokus. Man muss einfach die Sachen laufen lassen und sie sein lassen, was sie sein wollen.
GL.de: Dabei scheint es doch auf der neuen Scheibe um Menschen zu gehen, die in Beziehungssituationen nicht besonders gut funktionieren und deswegen besser einsam bleiben, oder?
Laura-Mary: Im Großen und Ganzen könnte man das so sagen. Daraus hat sich aber nicht der Titel des Albums entwickelt, den hatten wir schon sehr viel früher. Das ist so ähnlich wie mit dem Titel „Get Tragic“ – das sind Inside Jokes, die wir uns immer mal wieder zuwerfen. Es ist aber nicht so, dass wir uns solche Sachen ausdenken – sie kommen einfach so heraus.
GL.de: Gab es denn da Bezüge aus der Vergangenheit, die einbezogen wurden? Etwa von Laura-Marys Album, Stevens Produktionsarbeiten oder dem Remix-Album?
Steven: Ich glaube sowieso, dass alles, was du tust oder getan hast, in deinem Kopf zermatscht wird. Alles, woran du arbeitest, was du beobachtest oder von anderen Bands, mit denen du auf Tour bist, mitnimmst – das alles kommt irgendwann auch wieder raus. Du bist das, was du isst.
Gl.de: Wie sieht das denn aus mit der Kunst und der Musik im Allgemeinen?
Steven: Musik bedeutet mir verdammt noch mal alles. Es gibt für mich nichts anderes. Ich weiß gar nicht warum – aber da komme ich nicht mehr heraus. Musik ist ein wichtiger Teil der menschlichen Kultur, bei der es um die Verbindung der Menschen untereinander geht. Ich glaube wirklich nicht, dass wir Musiker tatsächlich etwas erschaffen. Ich denke, wir greifen Sachen einfach aus dem Äther. Was wir als Musiker tun, ist, ein universelles menschliches Gefüge anzuzapfen. So wie ich die Sache sehe, versucht die menschliche Spezies, einen Sinn in sich selbst zu finden – weil das Dasein an sich keinen Sinn macht. Musik kann dir zwar die physische und biologische Welt erklären – aber sie kann dir nicht sagen, warum du bestimmte Gefühle hast – weil sie kein Verständnis des menschlichen Erlebens hat. Und das ist, was die Musik leisten kann. Musik ist die einzige Kunstform, die das kann, weil sie noch vor der Sprache da war. Und es gibt keine andere Kunstform, die das leisten kann, weil die Musik ein integraler, ursprünglicher Bestandteil der menschlichen Spezies ist. Ich bin darin so verwickelt, dass ich da nie mehr rauskommen werde.
GL.de: Das lassen wir am besten mal so stehen.


























