Platte der Woche KW 44/2026
Auf der Bandcamp-Page des belgischen Trios Bluai steht noch, dass es sich dabei um das Bedroom-Projekt der Songwriterin Catherine Smet handele. Musikalisch mag diese Sache vielleicht noch für die Veröffentlichung der Debüt-EP „Junkyard“ von 2022 gegolten haben, denn die kam in der Tat noch etwas hemdsärmelig daher. Aber bereits auf dem Debüt-Album „Save It For Later“ überraschte das Trio mit einem Ansatz, den man von etablierten Indie-Acts wie Sharon Van Etten, Emma Ruth Rundle und besonders Big Thief kennt (Catherine Smet hat nämlich das Andrienne Lenker Timbre ganz gut im Griff).
Das erste Album wurde produziert von Willem Ardui und für dieses Projekt erhielt der Tontechniker Tobie Spieleman eine Instruktion, das Album nach Nashville klingen zu lassen, um die erweiterte Instrumentierung effektiv in ein Americana-Setting einbinden zu können. Das Ergebnis war dann eine Art folkorientierter Auslegung des ursprünglichen LoFi-Indie Sounds. Für das nun vorliegende, zweite Album gingen Bluai und die Produzentin Isabel Gracefield (die zuvor mit Radiohead und Anna Calvi zusammengearbeitet hatte) einen ganz anderen Weg: Anstatt das neue Material noch authentischer in Richtung Leftfield-Country-Americana umzubiegen, entschloss man sich, die Songs komplett live im Studio einzuspielen – was zu einem ganz anderen Sound führte.
Tatsächlich klingt dieses neue Werk nun viel ursprünglicher, rauer und dynamischer als das erste Album – eben wie eine Live-Scheibe oder aber wie eine der von James Krivchenia produzierten Big Thief-Alben wie etwa „Dragon New Warm Mountain“. Damit ist aber nur das organische, lebendige Klangbild gemeint – und der Umstand, dass Catherine Smit eben dieses Adrienne Lenker-Vibrato in der Stimme hat. Songwriterisch sind Bluai dann schon eine ganz eigene Genussmittelklasse. Nicht indem hier versucht würde, irgendwelche Extreme auszuloten oder etwas grundsätzlich Neues auszuprobieren, sondern dass alles (Gesang, Arrangements, Produktion und die jeweils erzählte Geschichte) emotional betont gewichtet ausgeglichen wird. Will meinen: Da passiert öfter genau das, was auch zu erwarten gewesen wäre – ist dann aber jeweils genau das Richtige. Die Folge: Das Material fühlt sich seltsam vertraut an (besonders für Freunde des Genres), aber ohne Beigeschmack, da eben alles so sorgsam ausbalanciert ist.
Auf dem ersten Album ging es Catherine als Texterin noch um Selbstfindung und Coming Of Age-Themen. Auf diesem zweiten Album ordnet sie die zuvor gewonnenen und seither mitgenommenen Erfahrung im Kontext einer erwachsenen Frau ein. Dabei geht es oft genug um Akzeptanz des Geschehen – wie z.B. im fast schon hymnischen Aufschrei „I’m Alive“ in dem gleichnamigen Track. Catherine Smit gehört zweifelsohne zu jener Spezies von Songwriterinnen, die mittels ihrer Kunst ihr Leben verarbeiten.
Während sich also der Großteil des Materials in eher konventionellen Bahnen bewegt und dabei (wohl aufgrund der Produktionsumstände) oft akustische Elemente zum Tragen kommen (die zuweilen wie z.B. in dem Track „Greta’s Couch“, aber auch schon mal elektrisch verstärkt werden), haben sich Bluai und die Produzentin Isabel Gracefield was die Arrangements betrifft, keinerlei Beschränkungen auferlegt und reichern die Songs mit Cello, Pizzicato-Geige, Percussion, besonders effektiven Chören, Dobro oder Banjo-Sounds an. Das lenkt das Material zwar in eine folkige Richtung – während allerdings die Songs selbst grundsätzlich Rock-Nummern bleiben. Vor allen Dingen deswegen, weil Musik dieser Art aus Belgien nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre, verdient diese Scheibe besondere Aufmerksamkeit.
„The Way You Talk Reminds Me Of Home“ von Bluai erscheint auf Unday Records.




