Boris Blank ist ein Studio-Nerd und Klangtüftler. Nicht überraschend hat er beim Durchforsten des Archivs Liegengebliebenes, Verworfenes und Unvollendetes ausgegraben. Yellos Stimme, Dieter Meier, erklärt das Credo der Schweizer Duos: „Durch die Vergangenheit in die Zukunft“. Klingt nach dem Filmtitel „Zurück in die Zukunft“. Und Blank ergänzt: „Man kann sich nicht jeden Tag neu erfinden. Man holt immer wieder Sachen aus der Vergangenheit hervor, die einen Stück für Stück weiterbringen.“
So war die erste Singleauskopplung „Around The Sun“ ursprünglich für ihr Zweitwerk „Claro Que Si“ von 1981 gedacht, wurde aber nicht berücksichtigt. Tatsächlich überrascht das Stück mit einem fast singenden Meier und nicht durch den typischen raunenden und sonoren Sprechgesang. Das begleitende Video hat Blank aus Aufnahmen vom «Desire»-Video-Dreh 1985 in Havanna sowie einem TV-Clip vom allerersten Yello-Auftritt in einem Zürcher Kino zusammengebastelt.
Dagegen führt die zweite Single „Break Out“ in gewohnte Gefilde: ein tigernder Bass-Beat, treibende Percussion, dramatisch verhallte Keyboard-Schwaden, Meiers dringlich-spookige Satzfetzen, weitere verfremdete Stimmen, ein irres Lachen. Passt in die Zeit der großen Alben „You Gotta Say Yes To Another Excess“, „Stella“ und „ One Second“. Electro-Dance trifft Bond-Grandezza. „Midnight Traffic“ und vor allem „Streets Of Berlin“ mit klackernden Drumsbeats, federnder Percussion, pluckernden Synthies und Meier-Raps fahren auf einem ähnlichen Kurs wie das legendäre „The Race“, einst Erkennungsmelodie des Videomagazins „Formel Eins“.
Bereits auf dem „Touch“-Album hatte sich die Schweizer Singer/Songwriterin Heidi Happy bewährt. Mit „You And Me“ und „Beautiful You“ sorgt sie mit wehender Stimme für die ruhigeren Momente. Die Malawierin konnte man schon auf dem Yello-Album „Toy“, aber vor allem bei ihrer Zusammenarbeit mit Blank auf dem famosen gemeinsamen Album „Convergence“ bewundern. Mit dunkler Stimme singt sie hier „Dancing Flame“. Beide Sängerinnen haben ihre eigenen Texte eingebracht. „Saturday Morning“ lebt von dem wunderbaren Kontrast einer von Meier erzählten Begegnung mit seiner „woman of my life“ und dem von Blank gesungenen catchy Refrain. Zu Beginn Geräusche von der Straße, die an das Ohr des Erwachenden gelangen.
Blanks Spieltrieb offenbart sich bei „Spin Back“, wenn er „Spinning My Mind“ vom Vorgängeralbum „Point“ einen 80er-Sound verpasst. Blank hatte bereits 2014 das Soloalbum „Electrified“ herausgebracht, das auf 40 Tracks seinen Umgang mit Archivfunden, Samples und neuen Ideen vorführte. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt „Time Lab“. Das ohne Lead Vocals auskommende „China Blue“ scheint eine Kombination aus Filmmusiken zu sein. Pfeifen und Twang wie bei Morricone, der Flug eines Adlers, ein Frauenchor, metallisches Klopfen, ganz kurz eine elektronisch erzeugte singende Säge – erstaunlich. „Unbelievable“ fügt Hammondorgel-Phrasen und Bläsersätze ein. Blank hat einen längeren Text Meiers zerstückelt und Teile davon dadaistisch neu zusammengesetzt. Die Stimme fungiert damit eher als Instrument und Klangkörper.
„About Time“ wirkt hingegen wie ein Gleiten durch das Weltall in Zeitlupe. Der Blick hinunter auf die Erde erweckt Gedanken an den Menschen im Kontinuum der Zeit, ein Sandkorn im großen Ganzen. Die warnende Feststellung „Earth gave us everything/But we are about to destroy it all“ verbindet Meier mit dem Appell, das Steuer noch herumzureißen. „It’s about time“ heißt es wiederholt am Ende. Was nutzt auch sich selbst aufgebender Pessimismus? „Zebra“ – so hieß auch das Album von 1994 – ist dann tatsächlich Science-Fiction. Ein sechsminütiges Minihörbuch zu einem von Philip K. Dick („Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ war die Vorlage für Ridley Scotts Film „Blade Runner“) verfassten Brief an einen fiktiven Mr. Einhorn zu einem „Vast Active Living Intelligence System“, wegen seiner Tarnung „Zebra“ genannt. Eingelesen von Dieter Meier zu einem Ambient-Background. Eigentlich ein Bonustrack und sinnigerweise ans Ende der Platte gesetzt. Den Gegenpol bildet zuvor das sonnige „Burning Dreams“ mit seinem dezenten West-Coast-Flair.
Boris Blanks Studio wird zum Klang- und Zeitlabor. Das neue Yello-Album gewährt einen Blick in die Werkstatt des Soundmagiers und bietet gleichzeitig eine unterhaltsame Kollektion von Stücken, die von der Liebe zum Detail strotzen. Zeitlose Musik, wie sie so keine andere Band kreiert.
„Time Lab“ von Yello erscheint auf Polydor/Universal Music.




