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Smart, direkt und ungekünstelt: Wenn das Folk Bitch Trio Musik macht, dann klingt das unglaublich natürlich und unverstellt. Angefangen beim entwaffnenden und doch einprägsamen Bandnamen, findet die in Australien heimische Band zwischen Originalität und einem vagen Gefühl der Vertrautheit ihren eigenen Weg. Ihr augenzwinkernd „Now Would Be A Good Time“ betiteltes Debütalbum glänzt mit Folk-geprägtem Songwriting, zum Niederknien schönem dreistimmigem Gesang, echten Emotionen und einem gekonnt reduzierten Sound, der dafür sorgt, dass jede Note zählt.
In den Liedern auf „Now Would Be A Good Time“ hallen Giganten wie Joni Mitchell, Sibylle Baier, Karen Dalton oder Nick Drake wider, wenn die Band mit Herz und – entgegen der Ernsthaftigkeit früher Folkies – auch mit einer ordentlichen Portion trockenem Humor die Irrungen und Wirrungen beschreibt, mit denen sich Twentysomethings im alltäglichen Wahnsinn konfrontiert sehen. Eine Mischung, mit der das Folk Bitch Trio einen Nerv trifft, und das nicht erst, seit sich sogar Phoebe Bridgers als Fan der Band geoutet hat.
So tourten die drei bereits durch Australien, Europa und die USA und standen dabei mit namhaften Acts wie King Gizzard, Alex G und Julia Jacklin auf der Bühne. Sogar zum Reeperbahn Festival waren sie im vergangenen Jahr eingeladen (in diesem Jahr sind sie Ende August beim Golden Leaves Festival in Darmstadt zu Gast). Natürlich sind sich Gracie Sinclair, Jeanie Pilkington und Heide Peverelle bewusst, dass die schon vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums mehr erreicht haben als viele andere Bands aus Australien in ihrer gesamten Karriere, aber sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen, haben die drei nicht vor.
„Ich habe kürzlich beim Aufräumen eine Liste mit Zielen gefunden, die wir letztes Jahr formuliert haben“, verrät Jeanie im Gespräch mit Gaesteliste.de, „und obwohl das Jahr noch nicht einmal halb rum ist, haben wir die meisten Dinge darauf bereits erreicht. Aber sobald du etwas geschafft hast, konzentrierst du dich auf etwas Neues. Es gibt noch so viele Dinge, die wir erreichen wollen, denn am Ende des Tages stehen wir ja noch ganz am Anfang.“ – „Das wichtigste Ziel ist allerdings, weiter zusammen Musik zu machen. Dass das hier jetzt unser Job ist, fühlt sich für alle von uns immer noch ziemlich surreal an“, gesteht Heide. „Weiter zusammen zu spielen, zu schreiben und unsere Fähigkeiten zu verfeinern – das ist das Ziel!“
Auch wenn die Band derzeit in aller Munde ist: Das Folk Bitch Trio ist über viele Jahre beim spielerischen Ausprobieren ganz organisch gewachsen. Was schon vor Jahren als reiner Spaß für die drei mit ein paar Kneipenkonzerten begann, ist inzwischen zu einer regelmäßig international tourenden Band aufgeblüht, die ganz sicher nicht nur zufällig das Interesse von Jagjaguwar geweckt hat, dem Label, das einst auch Bon Iver, Sharon van Etten oder Angel Olsen den Weg zu Weltkarrieren ebnete.
Dass sich die Band Zeit lassen konnte, sich erst einmal zu finden, anstatt sofort über Nacht durch die Decke zu schießen, sieht Jeanie rückblickend als Glücksfall. „Ich bin sehr froh, dass das alles nicht über Nacht passiert ist“, sagt sie. „Wir hatten auf unserem Weg oft die Gelegenheit, innezuhalten und alles zu überdenken, aber wir sind dabei nie zu dem Schluss gekommen, dass wir Gelegenheiten verstreichen lassen, die uns vorwärtsbringen könnten. Es war stets klar, dass wir dafür alle Schritte tun würden. Das Ganze war ein langsamer, schrittweiser Prozess, auch wenn es für jemanden, der uns gerade erst entdeckt hat, vielleicht nicht so aussieht, wenn wir jetzt unser Debütalbum herausbringen. Aber wir spielen schon seit fünf, sechs Jahren zusammen und sind schon sehr lange befreundet. Wir haben in den Pubs von Melbourne angefangen, und alles entwickelte sich erst allmählich. Die Momente, die sich damals, mit 19, 20, noch unglaublich verrückt angefühlt haben, erscheinen verglichen mit dem, was wir jetzt machen, geradezu winzig. Wir haben jetzt die Werkzeuge, mit den Dingen besser umzugehen und nicht mehr komplett geschockt zu sein, wenn wir etwas angeboten bekommen. Ich bin sehr glücklich, dass das so ist, denn die Dinge, die uns früher aus der Bahn geworfen haben, erscheinen im Vergleich mit den internationalen Tourneen, die wir jetzt unternehmen, geradezu unbedeutend.“
Das sieht auch Gracie ähnlich: „Wir haben jetzt, wie Jeanie schon sagte, die passenden Werkzeuge, um nicht durchzudrehen und die Bodenhaftung zu verlieren. Was gerade passiert, ist schon sehr aufregend, aber wir sind immer noch im wahren Leben unterwegs und können deshalb alles besser wertschätzen. Wenn ich mir vorstelle, dass es Acts gibt, die Musik in ihren Schlafzimmern machen, um sie bei YouTube hochzuladen und damit über Nacht berühmt werden – das fände ich völlig bizarr! Ich bin froh, dass wir uns richtig ins Zeug legen mussten und dafür viel Zeit zur Verfügung hatten.“
Die Wiege der Band liegt in Northcote, vor den Toren von Melbourne, und weil die drei inzwischen gefühlt mehr Zeit in den USA oder Europa verbringen als daheim, sei die Frage erlaubt: Hat das Folk Bitch Trio ein Geheimrezept oder Tipps gegen Heimweh? „Es ist schon seltsam“, gesteht Jeanie. „Wir vermissen unser Zuhause sehr, wenn wir unterwegs sind. Wir reden ständig von der High Street in Northcote. Gleichzeitig ist uns bewusst, was für ein unglaubliches Privileg wir genießen. Deshalb fällt es uns leicht, umzuschalten und dankbar zu sein, auch wenn man sich mal vor dem nächsten Flug, vor dem nächsten Tag auf der Straße fürchtet. Ich kann immer noch nicht gut im Flugzeug schlafen, Tipps habe ich da leider keine.“ Heide nimmt den Faden auf: „Ich habe einen Tipp! Wenn du mit Leuten in einer Band bist und auf Tour gehst, stelle sicher, dass es deine besten Freundinnen sind! Wir sitzen im Flugzeug nebeneinander und können zusammen abhängen. Das macht es leichter!“ – „Wichtig ist auch, dass du etwas zu lachen hast“, ergänzt Gracie. „Vergewissere dich, dass die beiden anderen Personen, mit denen du unterwegs bist, wirklich lustig sind!“
Den Humor, den Gracie da anspricht, findet man auch in den Songs des Folk Bitch Trios. Denn auch wenn die Harmonien das Rückgrat des Albums bilden, sind es doch die mit viel Witz lebendig nachgezeichneten Momentaufnahmen von katastrophalen Beziehungen („The Actor“), hoffnungsloser Verliebtheit („Moth Song“) und dem Gefühl der Sehnsucht mitten im Tour-Blues („Mary’s Playing The Harp“). Aber ist der Humor eigentlich eher Ausdruck der Persönlichkeiten der drei oder doch eher ein Abwehrmechanismus? „Ich denke, es ist beides“, erwidert Heide. „Es ist Ausdruck unserer Persönlichkeiten, denn obwohl wir durchaus ziemlich ernst sein können, nehmen wir uns selbst auch nicht so wichtig, dass wir über die schwierigen Dinge nicht lachen könnten. Jeanie hat letztens mal in einem Interview gesagt: ‚All unsere Probleme sind ziemlich erbärmlich!‘ Ich finde, das ist eine ziemlich witzige Aussage – und sie ist vollkommen richtig.“
„Ja, das stimmt“, fährt Jeanie fort. „Natürlich nehmen wir uns bis zu einem gewissen Punkt ernst, aber wir wissen definitiv auch, wie man lacht! Das ist etwas, was wir alle gemein haben, und die Verlängerung dessen ist unser Songwriting. Wir nehmen die Dinge nicht zu ernst und können über die witzigen Dinge lachen, die uns passieren, auch wenn uns bisweilen in diesen Momenten der Humor der Situation gar nicht bewusst war.“
Fragt man die drei, was vor diesem Hintergrund für sie einen guten Song ausmacht, muss man nicht lange auf die Antwort warten. „Ich mag clevere Texte“, sagt Gracie. „Wenn ich einen Song höre oder einen schreibe und er clever ist, dann finde ich das richtig gut. Das kann auch ein Buch sein: Wenn du merkst, dass jemand klare Vorstellungen von einem Motiv hat und alles fest zusammengezurrt ist. Das ist genial! Leute wie Leonard Cohen oder Rufus Wainwright – all die großen Songwriter sind in der Lage, das zu tun. Das finde ich toll, und ich finde es toll, das zu entdecken.“ – „Ja, smart zu sein ist eine große Sache!“, ergänzt Jeanie. „Ehrlich zu sein ist es auch, aber man sollte nicht so unumwunden ehrlich sein, dass man darüber vergisst, zumindest ein bisschen clever zu sein. Das ist dann lediglich Stream of Consciousness, wenn du die Worte einfach auskotzt, und das bewundere ich heute weit weniger als früher.“
„Ja, dafür braucht es weniger Fähigkeiten“, ist Gracie überzeugt. „Ich will, dass Songs Humor haben, und ich will, dass jemand den Nagel auf den Kopf trifft. MJ Lenderman erzählt in vielen seiner Interviews, dass er jeden Tag 20 Zeilen schreibt, egal wo er ist, und dass er immer mit etwas anfängt, was ihn zum Lachen bringt. Daran muss ich ständig denken.“
Kein Wunder also, dass auf „Now Would Be A Good Time“ der Gesang im Mittelpunkt steht. Die musikalische Begleitung ist derweil oft bewusst minimalistisch. Das gilt nicht nur für die Arrangements, sondern auch die Produktion, für die Tiny-Ruins-Gitarrist Tom Healy verantwortlich zeichnete: Anstatt die vollen Möglichkeiten moderner Studiotechnik auszunutzen, nahm die Band ihren LP-Erstling auf Tonband auf.
Doch worin besteht für die drei der Reiz, sich durch die analoge Arbeitsweise von vornherein zusätzlich zu limitieren? „Das beeinflusst einfach den gesamten Prozess im Studio“, antwortet Gracie. „Du bist gezwungen, dich vom Perfektionismus zu verabschieden, und das hat für uns ganz hervorragend funktioniert, denn bei dieser ersten Platte stand für uns im Vordergrund, uns so einzufangen, wie wir jetzt klingen. Der Arbeitsfluss verändert sich auch einfach, wenn du weißt, dass du keine endlose Anzahl Versuche hast. Dann gibst du dir mehr Mühe, es gleich beim ersten Mal richtig zu machen.“
„Now Would Be A Good Time“ von Folk Bitch Trio erscheint auf Jagjaguwar/Cargo.