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Zwischen Aufbruch und Nostalgie: Wenn animat Musik machen, ist der Weg vom Singer/Songwriter-Folk der 60er-Jahre zum träumerischen Indie-Folk der Gegenwart oft ganz kurz. Mehrstimmiger Gesang, verspielte Streicherarrangements und die pure Freude am gemeinsamen Musikmachen sind drei (gar nicht so) geheime Zutaten der Songs des aus Paderborn stammenden Trios, das nun seine erste EP namens „Slowwalker“ veröffentlicht.
Ganz egal, ob es anfangs The Staves, Daughter oder Fleet Foxes waren oder man inzwischen Black Sea Dahu oder Boygenius als Einfluss ausmachen darf – mit den fünf Songs ihrer Debüt-EP zeigen Anna Meier, Tabea „Tabi“ Niewerth und Milena „Mille“ Wagner, dass sie sich nicht so leicht in eine bestimmte musikalische Schublade stecken lassen wollen. Ein lebensbejahender Uptempo-Popsong wie „Fertilizer“ hat auf der EP deshalb genauso seinen Platz wie die traurig gestimmte Folk-Ballade „Blue“, während die Zeile „Plant a seed to grow“ in „Cherry Blossom“ ein dezenter Hinweis darauf ist, dass „Slowwalker“ für animat erst der Anfang ist.
Während der Pandemie fast schon zufällig zusammengekommen, führte der Weg des Trios von ersten Songs auf einem Innenstadt-Balkon zu einer gemeinsamen Tournee mit dem ebenfalls aus Paderborn stammenden Folktronica-Projekt LOKI (zu deren Line-up die drei seitdem als Multiinstrumentalistinnen gehören) bis hin zu dieser EP, auf der sie Erwachsenwerden, alte Verschlossenheit, neue Hoffnung und noch einiges mehr thematisieren, um Unsicherheit in Zuversicht zu verwandeln.
Bevor die Band am 05.12.2025 im Paderborner Deelenhaus die Veröffentlichung ihres ersten Tonträgers feiert, nahmen sich Anna, Tabi und Mille Zeit für unsere Fragen.
GL.de: Lasst uns mit einem kurzen Blick zurück beginnen. Wenn ihr auf die ersten vier Bandjahre zurückschaut: Was waren die wichtigsten Dinge, die ihr in dieser Zeit voneinander gelernt habt?
Mille: Ich mag es, dass du zu den ersten vier Jahren fragst. Dann fühlt sich alles mehr wie ein Anfang an, und das find ich schön. Ich glaube, wir lernen seit Beginn unserer Freundschaft und „Musikkarriere“ ständig voneinander. Zum Beispiel, dass wir durchatmen müssen, wenn alles zu viel ist, und dass man manchmal erst Ofengemüse mit Kräuterquark essen sollte, bevor alles andere dran ist.
GL.de: Wie habt ihr euch eigentlich gefunden? Stimmt es, dass ihr nicht explizit der Musik wegen zusammengefunden habt, sondern die Band eher das Resultat eurer auf der Uni entstandenen Freundschaft ist?
Anna: Ja genau, das trifft es eigentlich sehr gut. Wir haben alle im gleichen Semester angefangen zu studieren und recht schnell festgestellt, dass wir alle drei Streichinstrumente spielen und uns auch darüber hinaus gut verstehen. Als dann im zweiten Semester Corona kam, gab es Online-Open-Stages, bei denen man Musikvideos und/oder Live-Performances einreichen konnte. Da haben wir dann das erste Mal gemeinsam ein Cover aufgenommen und ab da einfach nicht mehr aufgehört, zusammen Musik zu machen.
GL.de: Für viele Singer/Songwriterinnen heute scheint die Musik oft eher wie das Mittel zum Zweck, die Texte zu transportieren. Im Gegensatz dazu spielt ihr alle – wie bereits erwähnt – auch klassische Streichinstrumente und habt vermutlich ja auch eine gewisse musikalische Ausbildung genossen. Wie macht sich das in eurer Herangehensweise an die Musik bemerkbar?
Anna: Ich glaube, gar nicht so offensichtlich, wie man vielleicht denkt. Denn obwohl wir alle Geigen-/Cellounterricht hatten, sind wir nicht sooo die Profis in Tonleitern, würde ich mal sagen. Wir gehen demnach relativ unvoreingenommen und impulsiv an die Songs ran. Vieles entsteht auch durch einfaches Improvisieren und Ausprobieren.
Mille: Haha, ja. Für den letzten Song haben wir zwei Stunden gebraucht, um herauszufinden, in was für ’ner Tonart er überhaupt ist – und das nach zehn Jahren Cello-/Geigenunterricht! Ich frage mich irgendwie, warum keine Theorie hängengeblieben ist! Aber manchmal bin ich echt umso mehr begeistert davon, wie wir aus dem Nichts einfach so Streicher-Arrangements schreiben.
GL.de: Natürlich seid ihr musikalisch im Hier und Jetzt zu Hause, trotzdem scheint auch immer wieder ein bisschen der 60s-Laurel-Canyon-Folk-Einfluss durch. Was macht für euch den besonderen Reiz an diesem, Generationen vor euch entstandenen, sehr puristischen Sound aus, der sich ja doch spürbar von vielen heute gängigen Trends absetzt?
Mille: Da sind teilweise schon Artists dabei, die mich motiviert haben, mehr Gitarre zu üben und vor allem neue Tunings auszuprobieren. Aber ich würde sagen, dass wir eher Neo-Folk hören, der natürlich davon inspiriert ist (z.B. Adrianne Lenker, José Gonzalez). Ich habe, wenn ich ehrlich bin, nie viel Joni Mitchell gehört, weil ich ihre Stimme gar nicht so feiere (shame on me). Aber dennoch muss ich sagen, dass der Folk-Gitarrensound uns einfach viele Möglichkeiten gibt, Emotionen über Musik auszudrücken. Das ist natürlich eine sehr einfache und pure Art, selbst Musik machen zu können, die von Leuten direkt verstanden wird.
Tabi: Ich mag sehr gerne alles Mögliche an Liedern aus den 60ern bis 00er Jahren, vieles habe ich auch durch meine Eltern und durchs Radio aufgeschnappt. Ein Sender, den ich häufig gehört habe, ist WDR4 – und da gibt es natürlich einen bunten Mix…
GL.de: Von „Slowwalker“ über „Cherry Blossom“ zu „Fertilizer“ schlagt ihr auf der EP einen klanglich doch recht weiten Bogen. Was braucht ein Song, damit er ein Lied von animat ist, was ist der rote Faden?
Mille: Vor allem braucht es auf jeden Fall uns drei. Ich habe das Gefühl, dass jede von uns ein wenig in die Songs hineingibt. Zumeist basieren die Songs auf einer Gitarren-Line, einer E-Gitarre, die sich da noch drüberlegt, und einer Geigen-Melodie, die den Songs noch das warme Extra gibt.
GL.de: Braucht ihr am Anfang eine klare Vorstellung davon, wie ein Lied am Ende klingen soll, oder ist eher der Weg das Ziel? Wir würdet ihr das Verhältnis von Planung und glücklichen Zufällen beschreiben?
Mille: Puh, das ist echt unterschiedlich und kommt darauf an, ob wir gerade viel zusammen proben oder ob jede für sich gerade ein wenig Musik macht. Ein Beispiel für einen glücklichen Zufall ist „Blue“. Wir saßen da mit der Gitarre, hatten eine recht einfache Akkord-Abfolge und jede hat einfach drauflos geschrieben, und zufälligerweise hat alles zusammengepasst, obwohl jede Strophe irgendwo ein anderes Thema behandelt. Was die vorherige Planung angeht: Manchmal haben wir schon Demos von neuen Songs und erklären die dann mit einer genauen Vision und einem leicht größenwahnsinnigen Enthusiasmus den anderen. Was von den Visionen dann alles umsetzbar ist, bleibt manchmal voller Fragezeichen, aber irgendwas wurde bisher meistens daraus.
GL.de: Angesichts der Tatsache, dass ihr alle Multiinstrumentalistinnen seid: Habt ihr ein Lieblingsinstrument?
Anna: Ich glaube, im Moment spiele ich das Cello wieder sehr gern. Bei animat habe ich das jetzt längere Zeit weggelassen, aber doch wieder festgestellt, wie gerne ich das eigentlich spiele.
Tabi: Mein Instrument ist natürlich die Geige! Aber eigentlich hätte ich große Lust, auch mehr Schlagzeug, Gitarre und Klavier zu lernen. Ich liebe es aber auch, zusammen mit den anderen zu singen.
GL.de: Wonach sucht ihr denn beim Texten?
Tabi: Wenn ich texte, dann suche ich, glaube ich, nach einem unmittelbaren Ausdruck von dem, was ich mal gefühlt, erlebt oder erhofft habe, ohne anfangs allzu viel darüber nachzudenken. Fast wie ein codiertes verziertes Emotionstagebuch.
GL.de: „I guess I saw the world with eyes closed“ heißt es im Titelsong. Aber bedeutet das, dass das Songwriting, die kreative Beschäftigung mit dem eigenen Leben und eigenen Mustern aktiv dazu beitragen, sich und die Welt anders zu sehen, oder sind die Songs eher die Dokumentation einer Veränderung, die abseits der Musik auf persönlicher Ebene stattgefunden hat?
Tabi: Auch wenn ich diese Zeile nicht geschrieben habe, habe ich doch den Eindruck, dass zwar manche Songs von unseren Erlebnissen geprägt sind, aber umgekehrt auch unser Leben beeinflussen, indem wir auf andere Art und Weise unsere Emotionen gespiegelt bekommen. Beides, Erfahrungen und die Lieder, ist miteinander verwoben.
GL.de: Gerade das Titelstück drückt auch einen gewissen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft aus. Mal ganz naiv gefragt: In was kann man denn ob all der Irrungen und Wirrungen der Welt heute noch Hoffnung setzen?
Anna: In das, was jeder individuell als das Schöne bezeichnet. In den Zusammenhalt der Menschen, in gute Erfahrungen und, auch wenn’s vielleicht kitschig klingt, in die Musik.
Tabi: Vielleicht kann man durch Musik auch erfahren, dass Hoffnung verloren, aber auch wiedergefunden werden kann.
GL.de: Ihr habt in den vergangenen Jahren, vor allem, aber nicht nur bei Loki, immer wieder auch mit anderen Musiker*innen kollaboriert. Gab es da bestimmte Dinge, die ihr euch für die Arbeit mit animat abschauen konntet?
Tabi: Vor allem das Miteinander-Reden und -Kommunizieren war schon immer ein wichtiger Punkt und auch das Aufeinander-, aber auch Auf-sich-selbst-Achten. In der Zusammenarbeit mit anderen tollen Musiker*innen hat sich das ebenso als essenziell erwiesen. Wir haben auch viel über die Musikwelt durch andere erfahren, was so hinter den Kulissen und in den verschiedenen Bereichen passiert.
GL.de: Was macht für euch ein gutes Konzert aus?
Tabi: Dass alle Beteiligten, Band wie Zuhörende, eine Zeit hatten, in der etwas ihr Herz berührt hat.
GL.de: Von der Fußgängerzone über die Open-Air-Bühne bis zu Clubs – ihr seid schon überall aufgetreten. Aber wie sieht euer idealer Wunschauftrittsort aus?
Anna: Irgendwo in Irland, da hätte ich Bock drauf!
Mille: Oh, ja! Da sehe ich uns auch. Ansonsten wäre ich beim Primavera Sound oder Glastonbury dabei (gerne Hauptbühne 21 Uhr) oder auf Europatour fahren als Voract für Aurora. Das wäre auch irgendwie extrem nice. Ah ja, und KEXP-Session und Tiny Desk Concert auch noch – und Vorband für Giant Rooks sowieso!
GL.de: Welche Hoffnungen und Erwartungen verbindet ihr mit der Veröffentlichung der EP?
Mille: Ich bin froh, wenn Leute unsere Musik hören und dann eine gute Zeit haben und sich mit Musik und Kultur auseinandersetzen. Vielleicht kann die EP ein Anreiz sein, langsam zu laufen, und dabei nach links und rechts zu schauen und die Welt mit offenen Augen zu betrachten. Ich freue mich außerdem extrem darauf, unsere erste eigene CD in der Hand zu halten!
„Slowwalker“ von animat erscheint auf Sliepsteen.




