Share This Article
Langsam, aber gewaltig: Geradezu heimlich still und leise haben sich Ratboys zu einer der besten Bands ihrer Generation gemausert. Lange Zeit war das Quartett aus Chicago so etwas wie ein geheimer Handschlag unter Indie-Connaisseurs, doch spätestens seit dem fabelhaften Album „The Window“ von 2023 ist es kein Geheimnis mehr, dass Ratboys es wie kaum eine zweite Band verstehen, ohrwurmigen Pop-Punk-Wucht und heimeliges Alternative-Country-Flair mit intelligent-introspektiven Texten zu verbinden. Auf ihrem just erschienenen sechsten (und bislang besten) Album „Singin‘ To An Empty Chair“ begeistern Frontfrau Julia Steiner und die Ihren nun mit unbedingter Ehrlichkeit und einem von Produzent Chris Walla fantasievoll inszenierten Sound, der sie endgültig zu Geschwistern im Geiste von Überfliegern wie Wednesday oder MJ Lenderman macht.
„Ratboys ist das gelungen, was sich jede Band nur wünschen kann: Sie sind im Laufe der Jahre immer besser geworden“, schrieben die Kollegen von Line Of Best Fit unlängst, und das ist nicht geflunkert. Ohne alte Ideale über Bord gehen zu lassen, finden Sängerin und Gitarristin Julia Steiner, Gitarrist Dave Sagan, Bassist Sean Neumann und Schlagzeuger Marcus Nuccio auf ihrer neuen Platte bei ihrem Brückenschlag von Indierock zu Americana ganz neue Facetten ihres Tuns und finden so ihren Sweetspot im Dunstkreis von Lucinda Williams, Wilco, Rilo Kiley und Waxahatchee.
Auch deshalb ergibt es viel Sinn, dass „Singin‘ To An Empty Chair“ bei einer neuen Plattenfirma erscheint. Nachdem alle früheren Werke beim auf Indierock, Emo und Postrock spezialisierten Label Topshelf Records erschienen waren, wird das neue Album von New West Records veröffentlicht, wo nicht nur Nada Surf oder Guided By Voices zu Hause sind oder waren, sondern über die Jahre auch viel Americana-Prominenz – darunter Willie Nelson, Steve Earle und die Drive-By Truckers – eine Heimat gefunden hat(te).
Der Hang zu klassischen Werten kommt natürlich nicht von ungefähr. Einst hatte Julia Steiner, die ursprünglich aus Kentucky stammt, eine Babysitterin, die ihr Oldschool-Country näherbrachte, und ihre Mutter führte sie an die goldene Pop-Dekade der 1960er-Jahre heran.
„Musik war schon immer etwas, das mich sehr angezogen hat. Sie hat mich schon von klein auf buchstäblich in ihren Bann gezogen. Ich glaube, meine Eltern haben schon früh gemerkt, dass ich gerne Musik höre und dass ich mich sehr dafür interessiere.“, erinnert sich Steiner beim Video-Interview mit Gaesteliste.de, live aus dem zum Bandproberaum umfunktionierten Keller des Hauses in Chicagoer Viertel Montclare, das sie gemeinsam mit ihrem Partner Sagan bewohnt.
„Eines meiner frühesten Geschenke, an das ich mich erinnere, war eine Kassette der Monkees, die mir meine Mutter schenkte, als ich etwa sechs Jahre alt war“, fährt sie fort. „Wir hörten auf dem Weg zur Schule Musik, ich sang mit und ich glaube, meine Mutter hat früh erkannt, dass ich Musik mehr liebte als ein durchschnittliches Kind. Ich bin dankbar, dass ich mir diese Liebe zur Musik und die Neugierde, neue Musik zu entdecken, aber auch die Verbundenheit mit den Platten, die ich so sehr liebe, bis heute erhalten habe. Bis heute ist die Musik mein wichtigstes Hobby und meine größte Leidenschaft. Mittlerweile ist sie auch ein fester Bestandteil meiner Identität in beruflicher Hinsicht und spielt so eine größere Rolle in meinem Leben, als ich es mir als Kind je hätte vorstellen können. Sie umfasst irgendwie alles, finde ich.“
Doch The Monkess waren nicht die einzige Pop-Sensation der Swinging Sixties, die Steiner als Kind beeindruckte. Schließlich gab es da auch noch ein Quartett aus Liverpool, dessen Drummer auf „Singin‘ To An Empty Chair“ im Song „Penny In The Lake“ mit der Zeile „Peace and love to drive my car / Baby you’re my Ringo Starr“ verewigt ist.
„Die Monkees sind tatsächlich eine meiner frühesten musikalischen Erinnerungen. Aber eine meiner prägendsten Erinnerungen daran, wie ich Musik in Echtzeit entdeckt habe, ist etwas später mit den Beatles verbunden“, verrät sie. „Meine Mutter hatte diese ‚1‘-CD, eine Zusammenstellung all ihrer Nummer-1-Hits. Die war damals in den USA sehr beliebt. Wir hörten diese CD im Auto, und ich war einfach überwältigt von der Vielseitigkeit der Beatles. Ich war total baff, dass das alles dieselbe Band war! Alle ihre Nummer-1-Hits zusammen sind so vielfältig und abwechslungsreich in Stil und Herangehensweise, und ich konnte nicht glauben, dass Paul McCartney mit seiner Stimme innerhalb von Sekunden von super süß und leise zu laut und schroff wechseln konnte. Das hat mich einfach umgehauen. Ich liebe Paul McCartney bis heute und werde ihn nächste Woche live sehen, und darauf freue ich mich sehr!“
Steiners eigene musikalische Ambitionen nahmen dann während ihrer Zeit an der Universität in Notre Dame, Indiana, Fahrt auf, wo sie Ratboys zunächst als Duo mit Sagan aus der Taufe hob. Vier Platten lang feilten die zwei mit wechselnden Mitstreitern an ihrer klanglichen Vision, bevor sie – nach dem Uni-Abschluss inzwischen in Chicago heimisch – gemeinsam mit Neumann und Nuccio auf „The Window“ fanden, wonach sie gesucht hatten. Tatsächlich ist Steiner sehr glücklich und auch ein bisschen stolz, dass sich ihre Band die Zeit genommen hat, sich zu entwickeln, und sich eine inzwischen beachtliche Fangemeinde auf die ganz altmodische Art – auf der Bühne – erspielt hat.
„Ich glaube, ich bin am stolzesten bin ich rückblickend wirklich auf all die Konzerte, die wir im Laufe der Jahre gespielt haben“, sagt sie. „Vor ein paar Tagen waren wir in Minneapolis für eine kleine Radio-Promo-Show und haben dort jemanden von unserem neuen Label New West Records zum ersten Mal getroffen. Er hat uns gefragt: ‚Spielt ihr eigentlich auch in ganz kleinen Städten?‘ Ich musste mir kurz alle kleinen Städte, in denen wir im Laufe der Jahre gespielt haben, ins Gedächtnis rufen, und die Antwort lautete: ‚Ja!‘ Wir haben an einigen wirklich abgelegenen Orten gespielt und im Laufe der Jahre nichts unversucht gelassen, besonders in den USA. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir so einfallsreich waren und dadurch viele nette Menschen kennenlernen durften. Ich bin auch stolz darauf, dass wir weiterhin Musik machen können, denn das ist im heutigen Umfeld nicht einfach. Natürlich haben wir auch viel Unterstützung von Menschen erhalten, mit denen wir im Laufe der Jahre zusammengearbeitet haben, und ich bin besonders dankbar dafür, dass die Leute nach all den Jahren immer noch unsere Songs hören und zu unseren Konzerten kommen. Ich denke, dass wir die Sache am Laufen halten konnten, ist ein Beweis für unsere Liebe zur Musik im Allgemeinen und auch für die Liebe, die wir vier in der Band füreinander empfinden.“
In Zeiten, in denen Bands oft zu Hause bleiben und statt Konzerte zu spielen lieber für einen Durchbruch in den sozialen Medien beten, ist das geradezu bemerkenswert. Schließlich scheint die Idee, einfach rauszugehen und an jeder Milchkanne zu spielen, ein bisschen in Vergessenheit geraten zu sein. Für Ratboys, die im Mai bei Konzerten in Hamburg und Berlin auch wieder auf deutschen Bühnen stehen werden, hat sich aber genau das ausgezahlt.
„Wir können uns glücklich schätzen, denn als wir angefangen haben auf Tour zu geben, gab es noch nicht einen solchen Druck, per Social Media hohe Wellen zu schlagen, und es gab auch nicht eine solche Preisspirale“, gibt Steiner zu bedenken. „Es war damals noch etwas leichter, mit Menschen in Kontakt zu kommen. In den USA gab es ein ziemlich florierendes DIY-Netzwerk. Vielleicht gibt es das immer noch und wir sind nur älter geworden, aber die finanziellen Realitäten des Tourlebens sind heutzutage ziemlich schwer zu bewältigen. Was ich immer versuche zu vermitteln, wenn mich Bands, die gerade erst anfangen, um Rat fragen, ist: Auch wenn ihr nicht auf Tour geht, ist es wichtig, das Handy wegzulegen, rauszugehen und Konzerte zu besuchen – selbst wenn es nur in eurer Heimatstadt ist. Das persönliche Erlebnis, Musik von Angesicht zu Angesicht in einem Raum zu hören, wird immer das Wichtigste sein, und ich hoffe, dass das nie verschwinden wird.“
Die Geisteshaltung, die hinter dieser Aussage steht, ist auch auf „Singin‘ To An Empty Chair“ unüberhörbar, denn textlich ist das Album spürbar das Werk einer Band, die im Moment lebt und bei aller akribischen Liebe zum Detail am Ende doch die Freude am Zusammenspiel in den Fokus rückt. Dennoch hat sich der Blickwinkel in den vergangenen Jahren etwas gewandelt.
Der Flirt mit Americana-Klängen ist nicht neu für Ratboys, doch auf dem neuen Album treten die Country-Anklänge gleich in der Eröffnungsnummer „Open Up“, aber auch im bereits erwähnten „Penny In The Lake“ und im verträumten „Strange Love“ deutlicher in den Vordergrund als zuvor.
Nicht, dass sich Fans der früheren Ratboys-Platten deshalb Sorgen machen müssen, denn mit Songs wie „Anywhere“ vergessen Ratboys auch ihre vom Punk geküsste Indierock-Vergangenheit nicht, und mit „Light Night Mountain All That“ oder „Burn It Down“ beweisen sie eindrucksvoll, dass ihnen auch Rock-Songs von epischen Ausmaßen bestens zu Gesicht stehen.
Möglich wurde das nicht zuletzt auch durch die erneute Zusammenarbeit mit Produzent Chris Walla, der schon bei „The Window“ am Mischpult gesessen hatte. Den Ausschlag dafür gaben nicht nur kreative Belange, sondern auch persönliche.
„Er ist einfach ein wunderbarer Mensch, mit dem man gerne zusammen ist, und wir sind wirklich gut mit ihm ausgekommen“, schwärmt Steiner von dem früheren Death-Cab-For-Cutie-Gitarristen. „Bei der Arbeit am letzten Album haben wir uns sofort gut verstanden, und wir haben es geliebt, Zeit miteinander zu verbringen. Bedenken, dass wir uns zu sehr auf bekanntem Terrain bewegen würden, hatten wir nicht, weil wir wussten, dass diese Songs nicht wirklich wie die auf ‚The Window‘ klangen. Selbst wenn Chris im Studio in puncto Technik einen ähnlichen Ansatz verfolgt hätte, wäre dabei auf jeden Fall eine anders klingende Platte herausgekommen. Wir wussten, dass eine erneute Zusammenarbeit automatisch neue Herausforderungen und Möglichkeiten mit sich bringen würde.“
Außerdem schlug Walla der Band eine völlig neue Herangehensweise an die Aufnahmen für die neue Platte vor. „Wir diesmal logistisch etwas Neues ausprobiert“, sagt Steiner. „Wir haben die Session auf verschiedene Orte aufgeteilt. Das hatten wir in der Vergangenheit noch nie gemacht. Wir hatten uns immer für eine gewisse Zeit in einem bestimmten Studio verschanzt und dort die Platte aufgenommen.“
Dagegen war die Idee, die Walla der Band präsentierte, deutlich facettenreicher: „Er schlug vor, dass wir die Session in der Hütte in Wisconsin beginnen würden, wo wir die Demos für die Platte aufgenommen hatten. Wir würden eine Woche dort verbringen und dann ins Electrical Audio in Chicago umziehen, das Studio von Steve Albini, das in der Punk-Welt und der Independent-Gemeinde ein ziemlich legendärer Ort ist. Das Studio liegt praktisch direkt vor unserer Haustür, und es ist verrückt, dass wir dort noch nie zuvor gewesen waren! Im Electrical Audio stehen zwei ziemlich unterschiedliche Studios zur Verfügung, und wir haben jeweils eine Woche in beiden verbracht. Am Ende haben wir die Session mit einer Woche in Evanston abgeschlossen, in einer eher Homerecording-mäßigen Umgebung im Rosebud Studio unseres Freundes Sean O’Keefe.“
So bewegten sich Band und Produzent gewissermaßen zwischen diesen Räumen und natürlich hatten sie eine gewisse Vorstellung davon, welche Songs in welchem Raum am besten funktionieren könnten: „Letztlich haben wir aber an jedem der Orte an allen Songs gearbeitet. Das bedeutete, dass wir die Songs in gewisser Weise besser kennenlernen konnten. Wir haben aus den Aufnahmen der verschiedenen Orte das Beste herausgeholt, und es gab einfach unglaublich verschiedene Möglichkeiten! Wir haben dieses Mal wirklich mit einer breiteren Klangpalette gearbeitet, was superspannend war.“
Nachdem „The Window“ den Weg so brillant vorgezeichnet hatte, ging es bei den Aufnahmen zu „Singin‘ To An Empty Chair“ weniger um Fortschritt als um ein Entdecken der Möglichkeiten. War auf dem Vorgänger das achteinhalbminütige „Black Earth, WI“ noch die Ausnahme, trumpft die neue Platte gleich mit einer ganzen Reihe grandios ausufernder Widescreen-Nummern auf, die das blinde Verständnis der vier brillant einfangen. Im Zusammenspiel mit knackig kurzen Ohrwürmern ist „Singin‘ To An Empty Chair“ so mehr als nur eine Sammlung exzellenter Songs, es ist ein echtes Album alter Schule, bei dem jedes Puzzleteil ein essenzieller Teil des Ganzen ist. Das sieht auch Steiner so.
„Ich finde, dieses Album ist das einheitlichste von allen, die wir bisher gemacht haben“, sagte sie unlängst im Gespräch mit Stereogum. „Es wirkt in gewisser Weise sehr zusammenhängend, jeder Song hat seinen Platz. Würde man einen Song entfernen, würde das meiner Meinung nach nicht mehr dasselbe Statement oder dasselbe übergreifende Gefühl vermitteln.“
Das Resultat ist eine Platte, die sich extrem lebendig anfühlt. Weil die Songs alle auf gelebten Erfahrungen basieren, fühlen sie sich so an, als würden sie vor Leben nur so strotzen. Doch gab es eigentlich ein bestimmtes Gefühl, das die Band im Studio unbedingt einfangen wollte?
„Ich denke, klanglich haben wir versucht, die Lieder mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln so breitwandig und hi def wie möglich klingen zu lassen“, erinnert sich Steiner „Es ist so cool, dass uns das sogar in der Hütte gelungen ist, denn das war definitiv kein Aufnahmestudio. Es ist buchstäblich nur eine Hütte, die man über Airbnb mieten kann. Daher war es wirklich schön, dass uns in einem Raum, der nicht für die Musikproduktion gebaut oder umgerüstet wurde, einige wirklich hochwertige, gut klingende Aufnahmen gelungen sind. Was ich in den Texten gesucht habe, war so viel Aufrichtigkeit und Transparenz wie möglich. In einigen Songs sind die Texte noch etwas verschleiert und nicht ganz, im wahrsten Sinne des Wortes, nur ich, wie ich meine Gefühle ausdrücke, aber mein Ziel war es, diesmal so ehrlich wie möglich zu sein, und das fühlt sich wirklich gut an!“
Tatsächlich öffnen sich Ratboys mit der neuen Platte nicht nur musikalisch. Auch textlich lässt sich Steiner dieses Mal tiefer in die Karten schauen ja je zuvor. Den Titel des Albums hat sich Steiner aus der Gestalttherapie geborgt, wo ein „leerer Stuhl“ als Platzhalter für eine abwesende Person dient und durch die direkte Ansprache des Stuhls Konflikte und Emotionen aufgearbeitet werden sollen. Auf „Singin‘ To An Empty Chair“ nutzt sie ihre Songs als Kommunikationsmittel, um eine zerbrochene Beziehung zu reparieren, die ihr so wichtig ist, dass sie bereit ist, größte Anstrengungen dafür in Kauf zu nehmen.
Dass es dabei offenbar um ein nicht weiter genanntes Familienmitglied geht, legt „Just Want You To Know The Truth“ nahe, ein Acht-Minuten-Epos, das dem Album als emotionaler Ankerpunkt dient: „Once you left home / we cleaned out the house / came upon some skeleton / that none of us knew shit about / if I told you I was okay / well that would have been a lie / so, I blocked your telephone / without sayin‘ goodbye.“
Diesen emotional aufgeladenen Text zu schreiben, hatte Steiner lange aufgeschoben. Der Wunsch ihre persönliche Wahrheit so offen und ehrlich wie möglich zu kommunizieren, führte sie zu einer Reihe von Erinnerungsschnappschüssen, die dem Song als chronologischer Faden dienen. Das Hilfsmittel des Gesprächs mit einem leeren Stuhl half ihr letztlich dabei, in diesem Song die großen Veränderungen zu bewältigen, die ihre Familie in den vergangenen Jahren durchgemacht hatte. „Da die letzten Jahre eine so prägende Zeit in meinem Leben waren, war es ganz natürlich, dass dies eine Art Leitmotiv meiner Songs wurde“, erklärt sie. „Für mich es wie eine Momentaufnahme: Das bin ich an diesem Punkt in meinem Leben.“
Doch nicht nur textlich war die Nummer eine echte Herausforderung. „Weil dieses Lied eine Art Reise durch mein ganzes Leben, durch die Geschichte dieser engen Beziehung ist, wusste ich sofort, dass es ein längerer Song werden würde. Deshalb haben wir haben nach Möglichkeiten gesucht, die verschiedenen Strophen zu verhüllen oder zu betonen, Spannung aufzubauen und die Aufnahme in Bewegung zu halten. Das war eine spannende Herausforderung, ein spaßiges Arrangement-Puzzle. Wir haben bis zum Schluss an diesem Song gearbeitet, bis kurz vor dem Abmischen. Chris ist zurück nach Norwegen gereist und hat dort für die letzte Strophe dieses unglaubliche Klavier hinzugefügt. Das hat mich total umgehauen! Wir haben die Pedal Steel hier im Keller aufgenommen, nachdem wir die Session eigentlich schon beendet hatten. Es gab also noch einige letzte Feinheiten, die den Song für mich dann vollendet haben.“
Doch „Just Want You To Know The Truth“ ist allerdings längst nicht der einzige Song, der um das Thema Entfremdung kreist. Gleich in der Eröffnungsnummer „Open Up“ fragt Steiner: „What does it take to open up?“ und liefert mit den folgenden zehn Songs ihre betont persönlich und bisweilen düster gefärbte Antwort.
„Die Überwindung dieser Kommunikationsblockade in dieser entfremdeten Person ist definitiv das übergreifende Thema, das alle Songs miteinander verbindet“, sagt Steiner. „‚What does it take to open up?‘ ist für mich einfach eine allgemeine Frage, die ich in guter Absicht stelle. Sie könnte rhetorisch sein, sie könnte an jemanden gerichtet sein, aber es ist eine Frage, die sich durch das gesamte Album zieht. Ich bin wirklich stolz auf diesen Song. Das erste Lied ist entscheidend, denn ich finde es wichtig, gleich zu Beginn eines Albums die Richtung vorzugeben. Es muss nicht unbedingt etwas sein, das den Hauptkonflikt thematisiert, aber als Zuhörerin finde ich es immer hilfreich, wenn man von Anfang an eine Orientierungshilfe hat.“
Allerdings handeln nicht ausnahmslos alle Lieder von den Umwälzungen in Steiners Familie. Zwar könnte man auf den ersten Blick auch bei „Anywhere“ einen Zusammenhang vermuten, allerdings war die Inspiration für das Lied, in dem ein düsterer Text über eine Panikattacke („Ooh-ooh, I know it’s bad / But I can’t help my panic attack / Making sense of what is out there / I don’t have what it takes to bounce back, yeah“) in betont fröhliche Klänge gehüllt wird, eine gänzlich andere.
„Ich habe eine Affinität für Musik, der diese Spannung zwischen dunklen, bedrohlichen oder pessimistischen Texten und fröhlicher, unbeschwerter Musik innewohnt“, erklärt Steiner. „Das ist so ein blink and you’ll miss it-Ding. Mitzusingen und dann plötzlich zu begreifen, was der Text bedeutet, das macht einfach Spaß! Das ist eine Art von Lied, die ich ganz besonders mag. Das alles verschmolz irgendwie hinter diesem Bild von Daves Familienhund, der einfach ein kleiner Wuschelball ist, ein mitleiderregender, ängstlicher, süßer kleiner Hund. Seine Persönlichkeit als Fixstern dieses Songs zu nehmen, machte für mich vollkommen Sinn.“
Sie hält kurz inne, um dann hinzufügen: „Natürlich möchte ich die Interpretation des Songs durch das Publikum dadurch nicht einschränken. Es muss nicht unbedingt um einen Hund oder eine bestimmte Person gehen. Aber für mich war das eine Art Leitfaden im Studio. Wir wollten die Aufnahme wirklich kantig gestalten und dieses Gefühl der Angst einfangen, gleichzeitig sollte sie aber auch genauso knuffig sein wie dieser wuschelige kleine Hund. Es hat sehr viel Spaß gemacht, an diesem Song zu arbeiten.“
Sich die Themen für ihre Songs im unmittelbaren Umfeld ihrer Familie zu suchen, ist nicht neu für Steiner. Schon vor zehn Jahren schrieb sie mit „Molly“ einen Song für und über ihre jüngere Schwester oder zollte mit „Elvis Is In The Freezer“ ihrer verblichenen Katze Tribut, während das Titelstück des letzten Albums „The Window“ aus dem Jahre 2023 um den Abschied von ihrer verstorbenen Großmutter kreist.
„Ich bin nicht besonders gut darin, fiktive Geschichten zu schreiben“, gesteht Steiner lachend. „Ich finde, dass die meisten unserer Songs und die meisten meiner Texte zu einem großen Teil auf meinen eigenen Lebenserfahrungen und meiner Sicht auf die Welt basieren. Das hat sich nicht geändert. Aber in den letzten Jahren gab es einige prägende Ereignisse in meinem Privatleben, und es fühlte sich ganz natürlich an, diese durch das Songschreiben zu verarbeiten. Ich bin wirklich sehr dankbar, dass ich dieses Ventil habe, um mich auszudrücken und die Komplexität meines Lebens durch die Musik zu verstehen.“
Wenn Steiner sagt, dass sie froh ist, dieses Ventil zu haben, wirft das natürlich die Frage auf, was für sie dabei im Vordergrund steht. Will sie ihre persönlichen Fortschritte dokumentieren, oder geht es ihr eher darum, Antworten zu finden und sich davon überraschen zu lassen, was der Prozess des Songschreiben zutage fördert?
„Es ist tatsächlich beides“, erwidert sie. „Jedes Mal, wenn ich einen Song schreibe, bin ich mir nicht sicher, ob ich das zu einem anderen Zeitpunkt in meinem Leben auch gekonnt hätte. Die Songs sind immer sehr verbunden mit dem Moment, in dem sie entstehen. Das ist das beste Gefühl beim Songwriting, wenn man spontan eine Phrase oder eine Zeile singt oder schreibt, die einen in diesem Moment überrascht, und es eine Weile dauert, bis man sie im Kontext dessen versteht, was man zu fühlen glaubte. Das ist die Art von Nervenkitzel, den ich suche, und ich glaube, die meisten Songwriterinnen und Songwriter würden dem zustimmen. Es ist aufregend, dass man sich nicht auf das beschränken muss, was man glaubt, sagen zu wollen. Es ist cool, diese Freiheit zu haben, in solchen Momenten sein Unterbewusstsein zum Vorschein kommen zu lassen.“
Trotzdem ist auffällig, dass sich Steiner in diesen neuen Songs offener und verletzlicher denn je zeigt. „Ich denke, ein Teil davon ist einfach der Wunsch, diesen Weg der radikalen Aufrichtigkeit weiterzugehen“, sagt sie bestimmt. „Es hat auch damit zu tun, zu lernen, sich nicht verrückt machen zu lassen, weil man sich selbst beurteilt. Das ist eine wichtige Fähigkeit, die man üben muss, um sein Unterbewusstsein nicht einzuschränken, wenn man einen Song schreibt. Es geht darum, sich einfach selbst zu vertrauen. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit zunehmendem Alter unbedingt einfacher wird, aber ich habe es in der Vergangenheit genossen, also weiß ich jetzt, wie es sich anfühlt, und deshalb möchte ich diesen Weg weitergehen.“
Das überraschendste Ergebnis dieses Prozesses war der Song ‚What’s Right?‘, an dem Steiner besonders lange gefeilt hat. „Wir wollten, dass die gesamte zweite Hälfte sehr hypnotisierend und meditativ wirkt“, erinnert sie sich. „Chris nannte es ein ‚Tongedicht‘, was mir sehr gut gefallen hat. Es sollte ein monotoner, nächtlicher Klangwirbel sein. Der Text für diesen Teil des Songs ist einer der wenigen Fälle, in denen ich das Klischee erlebt habe, aus einem Traum aufzuwachen und etwas im Kopf zu haben.“
Praktisch noch im Aufwachen hat sich Steiner dann selbst aufgenommen, wie sie den größten Teil des Textes und der Melodie in Echtzeit sang: „Die Zeile ‚My subconscious is a man‘ stammt aus diesem Traum, in dem ich eine wirklich tiefgründige Version von mir selbst gesehen habe. Ich bin in diesem Traum auf psychedelische, aber sehr beruhigende Weise mit mir selbst in Kontakt getreten (lacht). Ich fühlte mich in diesem Moment so selbstbewusst, und es war wirklich aufregend, das festhalten zu können, weil es sich wirklich so anfühlte, als hätte ich Zugang zu einem Teil von mir selbst gefunden, der sonst unerreicht geblieben wäre.
Weil „What’s Right?“ eine Art großes Studioexperiment war, ist die Nummer nun einer von Steiners Favoriten auf dem Album: „Wir konnten zwischen drei verschiedenen Räumen wechseln, in denen wir uns bei der endgültigen Aufnahme befanden, und wir konnten all diese verschiedenen Klangumgebungen in diesem Song miteinander verbinden. Das ist sehr aufregend, denn wenn das Lied von einem Teil zum nächsten wechselt, ist es wirklich so, als würde man in einen anderen Raum gehen. So etwas haben wir noch nie gemacht!“
Doch obwohl „Singin‘ To An Empty Chair“ ein Album ist, bei dessen Entstehung viele kleine und große Veränderungen eine entscheidende Rolle gespielt haben, sind die Erwartungen und Hoffnungen, die Steiner und Co. an das neue Werk knüpfen, geradezu bescheiden. „Wir sind alle einfach nur unglaublich dankbar, dass wir in der heutigen Zeit Musik veröffentlichen können, vor allem, weil die politische Lage in den USA ziemlich düster und beispiellos ist“, sagt Steiner abschließend. „Allein die Möglichkeit, Kunst schaffen zu können, sie zu teilen und von anderen gehört zu werden, ist für uns eine sehr wertvolle Erfahrung!“
„Singin‘ To An Empty Chair“ erscheint bei New West Records/Bertus.




