„Nur die Regierung“ hieß das letzte Album von Tilman Rossmys sagenumwobener Band, und trotzdem durfte man bei der Platte das Gefühl haben, dass sich Die Regierung mit dieser Platte klanglich wie textlich so weit wie nie entfernt hatte von all dem, was in den 80ern und 90er den Grundstein für ihre Legende gelegt hatte.
Auch auf „Immer unbekannt“, dem inzwischen fünften Album in den neun kurzen Jahren seit dem Comeback mit „Raus“ im Jahre 2017, ist unüberhörbar, dass sich Rossmy hier – wie bereits von den jüngsten Vorgängerwerken bekannt – ausschließlich dem Thema Liebe widmet.
Das hat er natürlich zuvor auch schon getan, mit dem Unterschied, dass man sich zumindest einbilden durfte, dass es auf den frühen Regierungs-Platten (und Rossmys ersten Solowerken) mitten aus dem (eigenen) Leben gegriffene Geschichten über gescheiterte Romanzen und unerfüllte Sehnsüchte waren, die gar nicht groß ausgeschmückt werden mussten, um herzergreifende Songtexte abzugeben.
Inzwischen, und das ist auch auf „Immer unbekannt“ nicht anders, muten seine Betrachtungen und Gedanken deutlich abstrakter an, wenn es ihm darum geht, „die Liebe in einem viel größeren, transzendentalen, kosmischen, schwer zu fassenden Sinne zu begreifen“, wie es im Waschzettel des Labels Staatsakt heißt.
Statt Protagonisten, die samstagnachts im Ruhrpott oder in Hamburg die Straße runtergehen, um „da draußen“ das Glück zu suchen, scheinen es jetzt – selbst in den pointiertesten Momenten – eher Überlegungen zu sein, auf die der Verfasser beim Sinnieren über philosophische Gedichte gestoßen ist.
Schlecht ist das nicht, aber der packende Mittendrin-Faktor, der einst das Kopfkino fütterte, ist inzwischen deutlich seltener geworden, auch wenn ein Song wie „Ich kann mein Glück nicht fassen“ als Ausnahme die Regel bestätigt. Anders gesagt: Wenn Rossmy früher durchaus erfolgreich auf den Spuren von Lou Reed wandelte, heftet er sich inzwischen mit nicht ganz so durchschlagendem Erfolg immer öfter an die Fersen von Leonard Cohen.
Tatsächlich sind es deshalb bisweilen die musikalischen Ideen, die auf „Immer unbekannt“ eher im Gedächtnis bleiben als die nach drei Platten auf ähnlichen Pfaden nicht wahnsinnig überraschenden Texte.
Weil das Album teils in einem alten Bunker in Bottrop aufgenommen wurde, scheppert es bei der zu Vergleichen mit Guided By Voices einladenden Eröffnungsnummer „Der Schmerz bin ich“ oder bei der Single „Eine Sekunde frei“ wie seit 35 Jahren nicht mehr, während andere Lieder durchaus spannende Ausreißer sind, die zwar alle deutliches Retro-Flair aufweisen, aber trotzdem für frischen Wind sorgen.
So fasziniert „Heute ist ein guter Tag“ mit sattem Funk-Einschlag, das ungestüme „Wohin ich auch geh bin ich schon da“ bahnt sich zwischen Punkrock und Grunge seinen Weg, bei „Nie den Boden berührt“ deutet der treibende Beat Richtung Northern Soul und „Unbekannt“ umweht ein dezenter Daniel-Lanois-Vibe.
Das alles macht aus „Immer unbekannt“ eine prima Platte, mit der Die Regierung zahlenmäßig in puncto Albenveröffentlichungen die Vergangenheit übertrumpft – es steht jetzt 5:4 für die Gegenwart -, gleichzeitig aber vielleicht auch ein klein wenig froh sein darf, dass sie den Legendenstatus schon innehat und sich nicht erst mit dieser Platte erspielen muss.
„Immer unbekannt“ von Die Regierung erscheint bei Staatsakt/Bertus.




