Platte der Woche 18/2026
Sophie Harris – ihres Zeichens Stimme, Texterin und Frontperson des Londoner Avant-Artrock-Projektes Modern Woman – bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt, dass das Debütalbum „Johnny’s Dreamworld“ von Konflikten, Gegensätzen und Extremen lebt. Das gilt sowohl für die Lyrics, die genau diese Konflikte und Gegensätze thematisieren und die „rauere Seite der Weiblichkeit“ und die „Komplexitäten weiblicher Fixierung und Besessenheit“ behandeln, wie auch für den Vortrag, der entsprechend agitativ zwischen den Extremen pendelt. Auch musikalisch geht es eher um Konfrontation als Mediation – was sich sowohl in einer bemerkenswerten Bandbreite an Stilen, Stimmungen wie auch einer abenteuerlichen Instrumentierung manifestiert, die eher gegeneinander ausgespielt als versöhnlich miteinander verwoben wird.
Modern Woman entstand zunächst als Duo-Projekt, als die Songwriterin Sophie Harris auf den Violinisten und Komponisten David Denyer traf und in der Verbindung von klassisch avantgardistischer Musiktheorie und eher rock-orientiertem Songwriting eine Möglichkeit sahen, sich jenseits konventioneller Formate musikalisch auszudrücken. Eine Reminiszenz an diese Gründerzeiten ist die Single „Daniel“, die Sophie und David alleine – mit Geige, Gitarre und Gesang – einspielten. Typisch ist dieser Sound allerdings nicht für das gesamte Album, denn während Sophie und David hier mit Kook-Pop- und Folk-Elementen spielen, geht es auf den meisten anderen Tracks ruppiger zu.
Das hängt damit zusammen, dass Modern Woman inzwischen zur Band geworden sind. Juan Brint-Gutiérrez kam als Bassist und Saxophonist hinzu und Drummer Adam Blackhurst als Drummer. Ein klares Sounddesign kann es aufgrund der unterschiedlichen Interessenlagen, die bedient werden müssen, natürlich nicht geben. Insbesondere das avantgardistische Ausloten führt dabei gegebenenfalls zu Irritationen. Auf der einen Seite sind da abrasive, avantgardistisch aufgebohrte Postpunk-Nummern wie „Neptune Girl“, „Offerings“, „Blessed Day“ oder „Fork Heart“, die von Sophie Harris mit dezidiert hysterischer Exaltiertheit vorgetragen werden (wohl um die thematisierten Spannungen und Konflikte emotional adäquat repräsentieren zu können). Bei denen sorgen dann – neben brachialen, ineinander verzahnten Gitarrenattacken – auch die merkwürdigen Klassik-Zitate von Daniel Deyer und die atypisch organisierten, lautmalerischen Saxophon-Einlagen von Juan Brint-Gutiérrez für Aufhorchen im allgemeinen Gewusel. Im Track „Blessed Day“ wird das dann alles in Perfektion zusammengeführt. Rein musikalisch ist das dann auch der Schlüsseltrack des Albums.
Auf der anderen Seite gibt es fast schon sanftmütig anmutende Songs, die wie musikalische Inseln der Ruhe im allgemeinen Gewittersturm herumtreiben. Das bereits erwähnte „Daniel“ kommt dabei mit Folk-Referenzen aus. Die vorab ausgekoppelte Single „Dashboard Mary“ beginnt als meditative Kontemplation zu flächigen Sounds und wird im Mittelteil erst allmählich zum Glamrock-Drama mit furiosem Finale und der letzte Track „The Garden“ kommt als fast schon versöhnliche Piano-Elegie mit Harmonium-Sound, Engelschören und romantischem Hollywood-Flair daher. Letzteres ist kein Zufall, denn SophieHarris räumt ein, dass sie ihre Songs mit einem gewissen cinematischen Anspruch schreibt – so auch den Track „Dashboard Mary“ für den sie dann auch das Video-Treatment entwickelte. Irgendwo dazwischen liegen der Titeltrack (der obendrein mit einer Art Sprechgesang, wie wir ihn von Dry Cleaning kennen, glänzt) oder „Killing A Dog“, der lange Zeit als Ballade in der Art von „Daniel“ funktioniert, dann aber mit heftigen Power-Chords punktiert wird und in der Bridge mit avantgardistischen Streicher-Einlagen zu einem monumentalen Grunge-Monument geleitet wird, bevor er dann säuselnd zu Ende geht.
Alles in Allem wird „Johnny’s Dreamworld“ so vielleicht nicht gerade zu einem angenehmen, aber dann doch lohnenden Hörerlebnis – einfach weil hier so viele gegensätzliche Ideen miteinander verwoben werden, dass es für den Hörer niemals langweilig wird – auch wenn dieser zuweilen Mühe haben dürfte, jedem Schlenker ohne weiteres nachfolgen zu können.
„Johnny’s Dreamworld“ von Modern Woman erscheint auf One Little Independent/Bertus.



