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Der kanadische Songwriter Noah Derksen ist schon einige Zeit im Geschäft: Bereits 2015 veröffentlichte der Liedermacher aus Winnipeg eine erste Songsammlung mit dem Namen „Man That I Am“, mit der er sich in der Tradition nordamerikanischer Folk-Songwriter als klassischer Vertreter seiner Zunft präsentierte und legte 2019 den Longplayer „America, Dreaming“ vor, mit dem er diese Position festigte – dabei aber erstmals mit Band-Unterstützung agierte. Dass man von Noah Derksen hierzulande erst in den letzten Jahren etwas gehört hat, liegt sicherlich auch daran, dass er sich erst mal über seine Community in der ruralen Provinz Manitoba hinaus einen Namen machen musste. Um in die nächstgelegene Stadt zu gelangen, muss man von Winnipeg aus etwa neun Stunden Autofahrt in Kauf nehmen. 2023 präsentierte er auf dem Reeperbahn Festival Songs seines damals aktuellen Albums „Sanctity Of Silence“ – und fand dann schnell Gefallen daran, in Europa und insbesondere in Deutschland zu spielen, weil man hierzulande in neun Stunden das ganze Land durchqueren kann. Mit der B-Seiten-Sammlung „Nothing Lasts Forever“ und dem Cover-Projekt „Stolen Serenades“ rundete er dann sein Oeuvre ab und präsentiert nun mit dem Album „Mercy On The Skyline“ ein Werk, mit dem er sich stilistisch ziemlich von seinen Folkroots absetzt und sogar so etwas wie Rock-Songs im Angebot hat.
„Oh – ich fühle mich geehrt, dass du sagst, dass ich Rocksongs auf der Scheibe habe“, schmunzelt Noah, „das ist sehr freundlich. Um ehrlich zu sein, war ich aber selbst darüber überrascht, dass sich ein paar Songs in diese Richtung entwickelten. Ich weiß nicht: Wenn ich Songs schreibe, dann versuche ich, gar nicht darüber nachzudenken, wie sie klingen sollten. Ich weiß, dass manche Leute sich hinsetzen können, um eine bestimmte Art von Song zu schreiben – dazu gehöre ich aber nicht. Wenn ich das versuche, dann kommt nie das dabei heraus, was ich wollte. Also schreibe ich einfach einen Song und schaue, was passiert. Der Grund, warum einige der Songs rockig ausgefallen sind, wird der sein, dass wir das Material im Studio zusammen mit der Band zum Leben erweckt haben. Die Band führte das Ganze an einen anderen Ort als den, an dem es in meinem Herzen begonnen hatte. Daher kommen also die rockigeren Songs. Die Songs haben uns schon wissen lassen, wohin sie wollten. Ich war also genauso überrascht, wie du.“
Was will uns denn der Titel „Mercy On The Skyline“ sagen? „Der Titel des Albums kommt so in einem der Songs vor“, berichtet Noah, „ich war damals gerade in Nashville und ich erinnere mich daran, dass ich oft in den Himmel schaute. Um Songs schreiben zu können, muss ich mich nämlich in der Nähe eines Fensters mit Blick nach draußen befinden. Für gewöhnlich schreibe ich dann über das, was ich durch dieses Fenster sehen kann. Die Zeile, auf die sich dieser Titel bezieht, lautet ‚Come and find me sweet resolution I‘ve been patiently waiting for your call. I see mercy coming up at the skyline – I run to you but I’m just too scared to fall“. Für mich geht es dabei um eine Abrechnung mit allem, was mir in der Vergangenheit passiert war. Ich schrieb das Album um die Zeit, in der ich 30 wurde, und für mich fühlte sich dieses Album wie eine große Landmarke in meinem Leben an. Es sind nun so viele Jahre ins Land gegangen, in denen ich mit der Musik mein Geld verdiene, dass es sich für mich anfühlt, als verginge die Zeit immer schneller. Die Zeit hat mich – mit all ihren Schwierigkeiten – zu dem geformt, was mich heutzutage ausmacht. Heute kann ich auf diese Zeiten zurückblicken, sie annehmen und mit Zuversicht nach vorne blicken, auf das, was als Nächstes kommt. Heute weiß ich, dass das Leben nicht so ernst ist, wie ich es in meiner Jugend dachte, als noch alles so ein enormes Gewicht hatte. Mein Fazit ist: Es können dir zwar schlechte Dinge passieren im Leben, aber am Ende wird sich schon alles irgendwie zum Guten wenden.“
Und die Musik hilft bei diesem Gedankengang? „Ich finde, Musik hält alles zusammen“, überlegt Noah, „wenn du an einen Ort gehst, an dem es keine Musik gibt, dann fühlt sich das doch gleich beunruhigend an – ohne dass man gleich realisiert, weswegen das so ist. Wenn hingegen Musik spielt, dann glättet das irgendwie die Kanten – wie ein Glas Schnaps. Musik kann zugleich verstärkend wie beruhigend wirken – und das macht alles ein bisschen erträglicher.“
Wenn Noah sagt, dass seine Grundeinstellung im Wesentlichen positiv ausgerichtet ist, dann liegt das ja daran, dass er durch sein Soul-Searching zu dieser Erkenntnis gelangt ist. Ist diese „Ich-Bezogenheit“ dann letztlich der Schlüssel zum Erfolg? „Hah“, meint Noah, „ich weiß es nicht ganz genau, aber vom Gefühl her ist die Welt in Nordamerika in letzter Zeit generell immer introspektiver und individualistischer geworden. In derselben Weise, in der sich die Menschen voneinander entfernen, tendiert die Kunst dazu, das widerzuspiegeln – und somit auch die Kultur widerzuspiegeln. Wenn die Kultur sich also immer stärker auf das Ich bezieht, tut die Kunst das auch. So sehe ich das jedenfalls.“
Was inspiriert Noah Derksen auf der thematischen Ebene? Auf dem Album gibt es etwa einen Song namens „Chuck Palahniuk“ – und das ist der Autor des Romans „Fight Club“. „Alle meine Songs kommen über sehr persönliche Erfahrungen zustande“, führt Noah aus, „und wie ich sagte, war das Schreiben von Songs ursprünglich für mich eine Art von persönlicher Therapie. Für einen jungen Mann, wie ich damals einer war, gibt es ja nicht so viele Vorbilder, die sich emotional ausdrücken können – weil so etwas jungen Männern ja nicht erlaubt ist. Das Schreiben von Songs war für mich immer eine Art sicherer Ort, an dem ich meine Emotionen verarbeiten konnte. Der Song ‚Chuck Palahniuk‘ entstand im Rahmen eines Workshops, bei dem es darum ging, einen Song unter Zeitdruck zu schreiben und alle Gefühle einfach rauszulassen. Das sind dann meist auch die reinsten und ehrlichsten Songs, weil ich da einfach reflektiere, was in meinem Herzen und meiner Seele vorgeht – im Gegensatz dazu, wenn ich vorher über ein Thema nachdenke und versuche, das zu intellektualisieren. Ich schaue mir dann an, was da entstanden ist und realisiere erst dann, um was es ging und was zu dem gegebenen Zeitpunkt in meinem Leben passiert ist.“
Nachdem sich Noah ja auf der neuen Scheibe auch als Rockstar etabliert hat: Wie denkt er denn über seine musikalische Zukunft nach? „Haha“, schmunzelt er über die Rockstar-Referenz, „was ich über die Jahre gelernt habe, ist, dass ich gar nicht genug Kontrolle über mein Songwriting habe, dass ich wirklich bewusste Entscheidungen treffen kann – außer vielleicht, indem ich mir aussuche, mit wem ich zusammenarbeiten will. Wenn ich allerdings musikalisch bewusst etwas Bestimmtes anstrebe, dann geht es am Ende doch in eine ganz andere Richtung. Meine musikalischen Interessen haben sich über die Jahre verändert – und ich denke, das spiegelt sich auch in Bezug auf meine Alben wider. Man ist schließlich, was man isst. Und so, wie sich meine musikalischen Interessen verändern, so verändert sich wohl auch meine eigene Musik. Zuletzt höre ich zum Beispiel viel Soul-Musik und es wäre cool, etwas in dieser Richtung zu schreiben – aber meistens ist das Songwriting ja viel zu internalisiert, als dass ich so etwas berücksichtigen könnte. Kurz gesagt: Ich kann genauso wenig voraussagen, wie es für mich weitergeht wie du.“
„Mercy On The Skyline“ von Noah Derksen erscheint auf AWAL.




