Man sagt älteren Menschen nach, dass sie gedanklich zunehmend in die Vergangenheit abtauchen. Paul McCartney unternimmt diese Erinnerungsausflüge ebenfalls, lebt aber sonst ganz im Hier und Jetzt. Sonst hätte sich der 83-Jährige sicher nicht mit dem Produzenten und Musiker Andrew Watt (35) zusammengetan, einen Songreigen komponiert, der trotz klanglicher Vielfalt zu einem geschlossenen Album führt und allemal unterhaltsamer gerät als die erstaunlich hochgelobte, doch etwas überbewertete DIY-Kollektion „McCartney III“ von 2020. McCartney gelingen anrührende Texte, die aber nie ins Weinerlich-Melancholische abgleiten, wenn er in die Prä-Beatles-Zeit zurückblickt, als das Geld knapp war, die Mädchen noch nicht Schlange standen und Hitchhiking-Touren Richtung London erste Kontakte mit der Welt jenseits der Liverpooler Merseyside ermöglichten. Dankbarkeit den Eltern gegenüber und frühe Abenteuer mit den Jungs aus der Gegend um die Dungeon Lane, mit John, George und Ringo, sind Schlüsselthemen, bestimmen aber nicht den gesamten Liederzyklus.
„As You Lie There“ erzählt von einem abendlichen Spaziergang, einem Blick in ein Fenster, hinter dessen Vorhang sich die Silhouette eines Mädchens abzeichnet. Und wenn die E-Gitarre einsetzt, fühlt man auch gesanglich den Drang des jungen Paul, Teil der Gedanken des nur flüchtig bekannten Wesens zu sein. Der sinnierende Sprechgesang zu Beginn überrascht für einen Auftaktsong, setzt aber die Stimmung des Albums. Die Lärchen am Himmel, billige Gitarren und erste Begegnungen mit John Lennon, bei denen man einen „silent code“ bei ersten Songwriting-Versuchen ausmacht. Alltägliche Banalitäten, doch der eine Moment kann das Leben verändern. Zur Akustikgitarre gesungen erinnert sich McCartney in dem folkigen „Down South“ an Autostopp-Fahrten mit George und John.
Die beiden Schlusslieder sind den Eltern gewidmet und gehören zu den Höhepunkten. „My father was a salesman, my mother was a saint“, singt der Sohn in „Salesman Saint“. Sie arbeiten hart, um der Familie mit dem in den letzten Kriegstagen geborenen Paul ein auskömmliches Leben zu ermöglichen. Unterhaltung bieten ein Klavier und das Radio, und aus dem Äther scheint eine einsetzende Big Band in die Gegenwärtigkeit des Songs herüberzuschallen. „Momma Gets By“ feiert die Liebe der früh verstorbenen Mutter als Sieg über die Entbehrungen. Die erklingende Trompete setzt dem Vater Jim ein Denkmal, der früher in lokalen Bands Klavier und Trompete spielte und die musikalische Früherziehung des Sohnes förderte. Eine Trompete schenkte Jim Paul zu dessen 14. Geburtstag, es ist das Jahr, in dem seine Mutter starb. Ein Schuss Sentimentalität gehört dazu, getragen von dezenten Bläsern und Streichern. Das Falsett mag etwas brüchiger geworden sein, passt aber genauso gesungen hier hin. Sicher, „Life Can Be Hard“, aber das klimpernde Kneipenklavier, die jubilierende Klarinette und der aufgeräumte Swing versöhnen. Erste Skizzen zu dem Song entstanden während der Pandemie. Das Baby der Nichte von McCartneys Ehefrau Nancy Shevell ist zu Besuch. Begeisterung über neues Leben in Zeiten von Covid. Und die Akkorde scheinen dem Kind zu gefallen.
Und sonst: „Come Inside“ rockt wie einst die Wings und im Doo Doo-Chor meint man Linda zu hören. „Never Know“ evoziert Laurel-Canyon-Flair, eine „Fool On The Hill“-Flöte torkelt den Berg hinab und mit psychedelischen Sounds wird herumgespielt – wie auch bei „Mountain Top“ über einen Magic-Mushrooms-Trip. „Last Horizon“ ist straighter Blues-Rock und basiert auf akustischen Erinnerungen wie dem Pfeifen einer Lokomotive oder dem Ticken einer Uhr, das den Blick auf die Endlichkeit des Lebens impliziert. Der entspannte Popsong „First Star Of The Night“ entstand in einer Regennacht in Costa Rica. Man stellt sich den Sänger in einem Schaukelstuhl auf der Veranda vor. Und das Liebeslied „Ripples On A Pond“ sollte zum Sommerhit im Formatradio werden. Wohl ein frommer Wunsch.
Ach ja, und Ringo war auch dabei. „Home To Us“ ist eine Phrase es früheren Beatles-Schlagzeugers, der seine Herkunft aus dem Liverpooler Arbeiterviertel Dingle lakonisch kommentierte: „Das war nicht doll, aber es war für uns Heimat.“ Die Idee basiert auf einer Schlagzeugsequenz Ringo Starrs, auf die McCartney stieß. Eigentlich sollte Starr den Song auch komplett singen und die Melodielinien sind seinem sympathisch-limitierten Gesang angepasst. Er schickte aber nur zwei eingesungene Verse zurück, die dem Refrain seinen Duett-Charakter vermitteln. Chrissie Hynde (The Pretenders) und Sharleen Spiteri (Texas) steuern Background-Vocals bei. Das Herumfummeln im Studio ist seit George Martins genialen Ideen für die Beatles-Songs offensichtlich geblieben. So kramte McCartney ein Vier-Spuren-Aufnahmegerät hervor, um damit „We Two“ aufzunehmen. Es ist wohl die Verbindung mit der Vergangenheit und die Neugier auf das Neue, was Paul McCartney jung hält.
„The Boys Of Dungeon Lane“ von Paul McCartney erscheint auf MPL/Capitol Records/Universal Music



