Platte der Woche KW 22/2026
Dass die kalifornische Multiinstrumentalistin, Produzentin und Songwriterin Nico „L-S“ Ludwig-Stock sich als Projektnamen den Titel des Elliott Smith-Songs „Tomorrow Tomorrow“ von dessen Album „XO“ ausgesucht hat, macht Sinn – denn ihre Musik lebt ganz vom harmonischen Feinsinn und dem prägenden Einsatz akustischer Gitarren in einem eher rockigen Kontext, wie sie der verstorbene Meister auch pflegte. Dass sie mit einem solchen Projektnamen im Web nur schwer aufzufinden ist, scheint ihr dabei nicht ganz so wichtig gewesen zu sein. Ihr Debüt-Album „Dwelling“ zeigt hingegen eindrucksvoll, was ihr wichtig ist: Nämlich nicht stehen zu bleiben und zu verweilen, sondern stets neugierig nach vorne zu schauen. Das macht sie – außer im Titeltrack – auch in Songs wie „Giant Steps“, „Rearview Mirror“ und besonders im Opener „Wreck Less, Venture Some“ deutlich – bei dem es darum geht, einfach mal mehr zu wagen.
Gerade „Wreck Less, Venture Some“ ist dabei nicht nur ein ziemlich perfekter Indie-Pop-Song, sondern auch eine Art Schlüsseltrack für das ganze Album. Denn mit diesem Song demonstriert Nico eindrucksvoll ihre Fähigkeiten als Allround-Musikerin und Songwriterin, die nicht vorgibt, etwas Neues schaffen zu wollen, sondern stattdessen in der musikalischen Synthese ihr Heil sucht. Nicht nur, dass dieser Track dann als Hommage an den Geist Elliott Smiths am nächsten kommt – es ist auch der harmonisch, dynamisch und musikalisch am perfektesten strukturierte Beleg ihrer Arbeit. Denn obwohl das ganze Album ohne Kenntnis der besonderen Umstände seiner Entstehung ohne weiteres als Band-Album durchginge, hat Nico L-S hier wirklich alles alleine gemacht (noch so eine Parallele zum (frühen) Elliott Smith).
In ihrem Homestudio spielte sie (mit einer riesigen Vinyl-Sammlung im Rücken) nicht nur alle Instrumente (und bis zu 17 Gesangsspuren) selbst ein, sondern produzierte und mischte das Album selbst und schuf obendrein auch noch das Artwork. Interessanterweise startete Nico ihre Musikerlaufbahn zunächst mal als Drummerin. Erst in der Pandemie lernte sie Gitarre zu spielen und begann erste Songs zu schreiben – bevor sie sich dann die anderen Instrumente auch noch selbst beibrachte, zu denen neben Bass und Keyboards dann auch noch ein Glockenspiel gehört, das in mehreren Songs prägend zum Tragen kommt. Anschließend richtete sie sich das besagte Studio ein und arbeitete sich in die Bereiche Produktion und Tontechnik ein, für die sie mit dem Besuch der The RecW (School of Audio and Music Production) in Chillicothe, Ohio bereits den Grundstock gelegt hatte. Die Idee, sich beruflich als Anwältin zu betätigen, hängte sie nach diesen Erfahrungen jedenfalls ganz schnell an den Nagel.
Obwohl einige der Tracks auf „Dwelling“ in der Genese wohl zunächst auf einer Folk-Basis aufsetzten, bleibt es selten bei diesem Setting (wie etwa bei dem Dream-Pop-Song „Tomorrow Squared“ oder dem Titeltrack), denn Nico L-S weiß mit Layern und Dynamik umzugehen. Dabei gelingen ihr dann eindrucksvolle Rocksongs wie eben „Wreck Less, Venture Some“, “When You Slithered Away“, „Indelible“ und „Giant Steps“ – aber auch transzendente Epen wie die psychedelische Elegie „Rearview Mirror“ oder das monumentale „Obsequy“ das mit über acht Minuten Spielzeit den Rahmen sprengen würde, wenn sie es nicht meisterhaft verstünde, die Aufmerksamkeit des Zuhörers über die ganze Laufzeit an sich zu binden, etwa durch eine geschickte Strukturierung mit Prog-Flair und Laurel Canyon-Vibes, dynamische Akzente und eine abwechslungsreiche Instrumentierung mit Keyboards, Glockenspiel, E-Bow-Gitarre und lebhaft improvisierten Drum-Fills.
Viel zu meckern gibt es da nicht: Nico L-S ist mit „Dwelling“ ein wirklich beeindruckendes Indie-Pop-Album gelungen. Es stellt sich dabei eigentlich nur eine Frage: Wie will sie dieses Material dann im Live-Kontext präsentieren? Denn die Art von Kontrolle, mit der sie wirklich jedes einzelne Detail auf dem Album liebevoll arrangiert und platziert hatte, kann sie ja im Zusammenspiel mit anderen Musikern nicht ausüben.
„Dwelling“ von Tomorrow Tomorrow erscheint im Eigenvertrieb.



