„Live Rust“, „Weld“ und „Unplugged“ bleiben Neil Youngs beste Live-Alben. Darüber hinaus gibt es in der Veröffentlichungsflut des Kanadiers reichlich lohnenswerte Konzertmitschnitte, ob solo, mit Crazy Horse oder zahlreichen anderen Begleitbands. Diejenige, die ihm auf der 2025er Welttournee zur Seite stand, setzt sich aus drei Mitgliedern von The Promise Of The Real zusammen, heißt nun aber The Chrome Hearts, weil der Keyboard-Veteran Spooner Oldham hinzustieß. Was der 83-Jährige seit fast einem halben Jahrhundert immer wieder getan hat. Die Songs wurden an verschiedenen Orten mitgeschnitten, einer stammt von der Berliner Waldbühne.
Braucht man noch ein Live-Album von Neil Young? Natürlich Ansichtssache. „As Time Explodes“ zeichnet sich durch eine gelungene Zusammenstellung aus ruhigeren Folksongs und lodernden Rockkrachern aus. Deep Cuts wie „Name Of Love“ mit hübschen Mundharmonika-Passagen und „Be The Rain“ mit den nervigen Megafon-Durchsagen vom gut gemeinten, umweltbewegten, aber musikalisch wenig überzeugenden „Greendale“-Projekt treffen auf die unschlagbaren Klassiker „Cortez The Killer“, „After The Goldrush“ und „Like A Hurricane“.
Mit dem Country-Pop von „Daddy Went Walkin‘“ geht es beschwingt in die pastorale Idylle à la „Harvest“. Der besinnliche Akustik-Folk-Song „Looking Forward“ stammt aus der Zusammenarbeit mit Crosby, Stills & Nash und erzählt von einem optimistischen Blick auf das Älterwerden. Die romantische Liebesode „Harvest Moon“ ist vielleicht Youngs bezauberndste Komposition. Wer es perfekt haben möchte, darf hier nicht so genau hinhören, gerät das Falsett doch recht wackelig. Gleiches gilt für „Long Walk Home“, ursprünglich auf dem unterschätzten Album „Life“ erschienen. Mit dem hier recht rockig präsentierten Protestsong „Ohio“ kritisierte Young 1970 zusammen mit Crosby, Stills und Nash die blutige Niederschlagung einer Studentendemo gegen den Vietnamkrieg in der Nixon-Ära. „Big Crime“ reagiert ganz frisch auf den erratischen aktuellen US-Präsidenten: „No more great again / Got big crime in DC at the White House“. Es erinnert ein wenig an „Let’s Roll Again“ mit dem visionären Musk-Bashing „If you’re a fascist, then get a Tesla“.
Mit dem „Vampire Blues“ geht es zurück zum großartigen „On The Beach“-Album. Der Blues-Rock schleppt sich inspiriert-träge dahin, garniert mit Oldhams Orgel-Einschüben. Erst mit dem zehnten Stück biegen die Chrome Hearts auf den Fan-Hit-Highway ab. „Cortez The Killer“ schleicht sich bedrohlich-drückend aus den Boxen. Corey McCormicks Bass tuckert, Micah Nelsons und Youngs Gitarren bahnen sich den Weg des Eroberers. Erst nach dem fast sechsminütigen Intro setzt Youngs Gesang ein mit der berühmten ersten Strophe: „He came dancing across the water with his galleons and guns / Looking for the new world and that palace in the sun“. In Zeiten hegemonialer Übernahmefantasien eine leider wieder hochaktuelle Kolonisierungskritik verbunden mit einer Klage über ein verlorenes Paradies, wie es so nur der 80-Jährige hinbekommt. Der dröhnende Furor der beiden E-Gitarren kann mit Crazy Horse-Versionen durchaus mithalten. Nach einer knappen Viertelstunde zerfällt alles in ein kakofonisches Dräuen. Irritierend ist, dass der verdiente Applaus kaum hörbar nur wenige Sekunden währt und somit fast nahtlos in „After The Goldrush“ übergegangen wird. So kryptisch die Verse, so berührend die Melodie, vor allem mit Youngs ikonografischem Gesang.
Das Jahrhundertriff von „Like A Hurricane“ schält sich erneut aus einem scheinbar ziellosen instrumentalen Intro heraus. Tausendmal gehört und immer wieder lohnend. Am Ende steht eine Fahrt mit dem „Silver Eagle“, das vom letztjährigen Studio-Album mit den Chrome Hearts, „Talkin‘ To The Trees“, stammt. Die Mundharmonika setzt ein und siehe da, es ist die Melodie von Woody Guthries „This Land Is Your Land“. Ein Busfahrer habe ihn gefragt, ob er nicht mal einen Song über einen Bus schreiben wolle. Zu einem neuen Text hat’s gereicht, der die Busfahrt als Allegorie für die Lebensreise eines Songschreibers beschreibt. Die Wendung „As time explodes“ stammt aus den Lyrics und gibt der Platte ihren Titel.
Resümee: Eine Setlist, die in Teilen zu überraschen weiß. Mit den Chrome Hearts eine Band, die den Meister kongenial begleitet und damit ein insgesamt lohnenswertes Hörvergnügen bereitet. Ohne gleich minutenlangen Applaus auf den Tonträger zu pressen: Ein wenig mehr Publikumseuphorie nach den Songs hätte die Laufzeit der CD hergegeben und die Live-Atmosphäre unterstützt.
„As Time Explodes / Live Album“ von Neil Young & The Chrome Hearts erscheint auf Reprise/Warner Records.




