Share This Article
Kalkuliertes Chaos
„Ringlets are the most exciting post-punk band to emerge from the New Zealand music scene in years“, befanden die Kollegen des Rolling Stone, die BBC glaubte, eine „incredible band“ zu hören und die Foo Fighters luden Ringlets als Support zu ihrem Stadionkonzert in Auckland ein. Viel Vorschusslorbeeren also, aber in der Haldern Pop Bar wird an diesem Sonntagabend schnell deutlich, dass Leith Towers (Gesang), László Reynolds (Gitarre, Gesang), Arabella Poulson (Bass, Gesang) und Leo Mongelli (Schlagzeug) den hohen Erwartungen spielend gerecht werden.
Als „Ritt auf der Rasierklinge“ sind die Ringlets-Konzerte bereits beschrieben worden, und das ist durchaus treffend. Jenseits üblicher Indierock-Konventionen zelebriert das Quartett eine eigenwillige Mischung aus kantigem, repetitivem Post-Punk und over the top Art-Rock-Elementen und fesselt dabei mit bitterböser Satire und theatralischer Dringlichkeit. So hechtet Gitarrist Reynolds nach dem Intro aus dem Off tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes auf die Bühne und auch sonst liegt der Gitarrist ständig quer in der Luft. Da will Towers nicht nachstehen und wagt – samt Mikroständer – gleich mehrfach gestenreiche Ausflüge ins Publikum.
Das allerdings passt ausgezeichnet zu den Songs. „Street Massage“ etwa schwappt wie ein Tsunami durch den Raum, angetrieben von Mongellis peitschendem Schlagzeug und einem unbarmherzigen Basslauf Poulsons. Towers windet sich Grimassen schneidend am Mikrofonstativ und schleudert dem Publikum mit einer Mischung aus Verletzlichkeit und Aggression die Worte ins Gesicht, während die Gitarre von Reynolds den Rhythmusteppich zerschneidet und er sich die Seele aus dem Leib brüllt.
Auch das hypnotische „Heavenly Wheel“ kommt live weitaus wuchtiger und rauer daher als auf Platte und fasziniert als düsterer Ohrwurm, der sich gnadenlos in die Gehörgänge der Zuschauerinnen und Zuschauer bohrt, wenn die Band das Spannungsfeld zwischen kontrolliertem Art-Pop und zügellosem Post-Punk-Chaos auslotet.
Auch sonst lebt das Konzert von roher Energie und elektrisierender Live-Spannung und ist noch einmal deutlich druckvoller als die beachtlichen, auf dem zuletzt sogar auf dem neuseeländischen Kultlabel Flying Nun veröffentlichten Platten, deren Songs allein schon mit evokativen Titeln wie „Snakes In Egypt“, „Ancient Gays“ oder „Snitch Olympics“ glänzen. Fehlen darf natürlich auch nicht die vor wenigen Wochen veröffentlichte Single „Hard Evidence“.
Zwischen den Songs dagegen gibt sich die Band sympathisch bescheiden und liebenswert. So erzählt Towers von dem Versuch, in Haldern essen zu gehen, bis sie am Tisch im Restaurant beim Blick in die Karte feststellten, dass sie sich die Preise gar nicht leisten können… Als Ersatz gab es Spaghetti von Haldern-Pop-Chef Stefan Reichmann, und dafür waren die vier sehr dankbar.
Nach „Loving You Was Easy“ und etwas mehr als 50 Minuten lassen Ringlets das Publikum dann in der Gewissheit zurück, gerade eine der spannendsten Underground-Gitarren-Bands Neuseelands gesehen zu haben.




















