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Lebenstankstelle
Das Thema des diesjährigen OBS war ja bekanntlich „Lebenstankstelle“ – eine Metapher für die spirituelle Energie, die der geneigte OBS-Freund hier (übrigens unabhängig von der Sperrung der Straße von Hormuz) auftanken konnte, um für das kommende Jahr gerüstet zu sein. Natürlich hatte die Lebenstankstelle dann auch schon am Sonntagmorgen geöffnet, um den obligatorischen „Surprise Act“ zu feiern, den Rembert Stiewe – wie üblich – bis zur letzten Sekunde geheimzuhalten gesucht hatte. Zwar hatten einige Sportsfreunde diesen Surprise Act durch geduldiges Tourplan-Studium ganz richtig erraten – allerdings nur als eine Möglichkeit von vielen.
Kurzum: In diesem Jahr war es dann die sympathische britische Band Young Rebel Set – die bereits 2011 auf dem OBS 15 aufgetreten war –, die Rembert als Surprise Act auserkoren hatte. Während sich die Musiker – sichtlich nervös aufgrund der Vorfreude – hinter dem Vorhang aufstellten, hinter dem sich die Surprise Acts seit einigen Jahren vor den Augen der Zuschauer bis zum Auftritt verbergen, umriss Rembert kurz die eigentlich tragische Geschichte der Band aus Stockton-on-Tees: 2011 standen Young Rebel Set kurz vor dem Zenith ihrer Laufbahn als mitreißender Live Act und Recording Artists. 2015 gab es eine Auszeit, als sich der Sänger Matthew Chipchase als Matt Wilde einer Solo-Karriere und anderen Projekten widmete. 2019 kam die Band wieder zusammen und war gerade auf Tour, als Chipchase im Dezember dieses Jahres durch Freitod aus dem Leben schied. Die Band löste sich auf und kam erst im September 2025 wieder zusammen, um mit einem neuen Sänger – dem Liverpudlian Tom Blackwell – weiter zu machen und auf Tour zu gehen.
Als dann schließlich der Vorhang fiel (wegen des großen Andrangs mit zehn Minuten Verspätung), überraschte die Band das Publikum dann gleich mit einem Paukenschlag – nämlich der neuen Single-Nummer „Anchorage“ – einer kraftvollen Brit-Pop-Nummer, die noch von Matt Chipchase geschrieben worden war, aber erst jetzt mit Tom Blackwell auf dem alten Label Grand Hotel Van Cleef herausgebracht worden war. Im Folgenden spielten die Jungs dann mit großer Begeisterung ein gefeiertes Set, das dann neben bekannten Gassenhauern wie „Lion’s Mouth“, „Yesca The Fear“ oder „Berlin Nights“ auch einige der Tracks der neuen EP „Sun“ enthielt. Kurz gesagt war das einer dieser Surprise-Act-Gigs, wie er passender für diese Gelegenheit nicht hätte sein können. Young Rebel Set boten eine Show voller Hingabe, Lebensfreude und Energie und hatten mit ihrem Folk- und Brit-Pop-Charme die Zuschauer schnell auf ihrer Seite. Humor haben die Jungs auch: Beim Fototermin setzte sich Tom Blackwell eine Maske aus dem Halloween-Fundus der Künstlerlounge auf und kurzerhand wurde auch noch einer vielen Papp-Nick-Caves, die den Backstage-Bereich bevölkerten, in die Band mit aufgenommen.
Dass die Jungs anschließend nicht zum Meet & Greet kommen konnten, hatte einfach logistische Gründe. Sie mussten gleich weiter zum nächsten Auftritt. Luke Evans – seines Zeichens Gründungsmitglied und Gitarrist der Band – legte aber noch Wert darauf, festzuhalten, wie sehr die Band den Auftritt beim OBS genossen hätte und wie glücklich sie sich geschätzt hätten, in diesem Jahr als Surprise Act auftreten zu können. Es muss im Allgemeinen festgehalten werden, dass gerade die Acts, die in diesem Jahr als OBS-Veteranen aufspielten – darunter etwa Willow Parlo, Marlo Grosshardt, Herrenmagazin oder auch Wrest – das mit einer gewissen Anerkennung und Dankbarkeit taten. Eben weil sie sich auf dem OBS so wohl fühlen.
Zwar hatten Melanie „Mel D“ Danusier und ihre Band zuvor noch nicht auf dem OBS gespielt – dafür aber auf vielen anderen Festivals. Das OBS fehlte da sozusagen noch im Programm. Wie am Tag zuvor schon Annie Taylor waren auch Mel, ihre Bassistin Naiara und der spontan eingeladene Ersatz-Drummer Anton direkt aus Zürich zum OBS angereist. Und wie auch Annie Taylor hatten sie eine Autopanne gehabt und waren erst kurz vor ihrer Show auf dem Festivalgelände angekommen. Nun ja: Das OBS hat halt seine ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten, Mythen und kosmischen Schwingungen.
Mel D – wie Melanie ihr Projekt mit Bezug auf die Namensgebung der Spice Girls ironisch nennt – pflegt eine ganz eigene Art von Indie-Pop. Mit dem „Losrocken“ und „Abhotten“ hat es Mel D dabei nicht so sehr – auch wenn sie gegen Ende der Show mit Tracks wie „Not Crazy“ oder „We Win“ dann auch mal ganz munter loslegen kann. Die Songs ihres Debütalbums „Young Bones“ spielten Mel & Co. vor allen Dingen sacht groovend, getragen von wunderschönen Gesangharmonien, angenehm entspannten Melodiefolgen und körpernahen Bass-Impulsen, die eben am besten im balladesken Umfeld funktionieren; so etwa beim abschließenden Empowerment-Song „Bring The Wichtes Back“, mit dem Mel D das Publikum zunächst hypnotisch in Trance spielte und dann mit dem brillanten Singalong-Denouement des Tracks in den Nachmittag führte. Das war dann wie gemacht für diese Uhrzeit – auch wenn das den Rockfreunden natürlich zu seicht gewesen sein dürfte. Als Soul-Food war das jedoch zu diesem Zeitpunkt genau das Richtige.
Vor dem Trafohäuschen hatte sich derweil der Kölner Musiker Kilian Bungert a.k.a. Stoic Mind als Walking-Act eingerichtet. Auch Stoic Mind verdankt seine Musikantenkarriere seinen OBS-Connections und spielte die Songs seines Debüt-Albums „To Know What I’m Scared Of“ im entspannten, akustischen Americana-Setting. Damit erinnerte er als Erster an diesem Tag an die Gründertage des OBS. Ähnlich wie sein Kollege Matze Schwettmann mit seinem Projekt Would flirtet Stoic Mind dabei gelegentlich auch mit Folkpop- und Rock-Akzenten, die allerdings im akustischen Setting dann eine eher untergeordnete Rolle spielen. Freilich schadete das Ganze gar nicht, denn ein dankbares Familienpublikum versammelte sich so andächtig vor Kilians Füßen.
Katja Seiffert war mit ihrem Projekt Blush Always zwar selbst noch nicht beim OBS zu Gast gewesen – machte aber schon zu Beginn ihrer Show deutlich, dass das OBS nur eines von zwei Festivals sei, das sie in diesem Jahr zu bespielen gedenke – einfach weil sie sich hier wohl fühle und mit ihrer Art von Gitarren-orientiertem Indie Pop auch willkommen sei. Mit ihrem Projekt Blush Always hatte Katja schon von Beginn an erkennen lassen, dass es ihr nicht um bloße Rockpower gehe, sondern vor allen Dingen um gute Songs, die seit jeher das Rückgrat ihres Tuns bilden – was auch die hohe Dichte potentieller Genre-Hits auf ihren beiden Alben „You Deserve Romance“ und „An Ode To?“ erklärt.
Da Katja ihr Projekt unter anderem deswegen gegründet hatte, um besser mit ihrer chronischen Schüchternheit umgehen zu können (weswegen sie ihre Band ja auch „Blush Always“ nannte), überraschte es nicht, dass sie auch beim OBS selbst ihre Killertracks wie „Coming Of Age“, „My Mom’s Birthday“ oder die mit Brockhoff eingespielte Single „Bigger Picture“ nicht etwa mit ausholenden Stadien-Gesten oder Rockstar-Posen präsentierte, sondern bestenfalls mit einem verschmitzten Lächeln. Kenner werden attestieren können, dass auch das nicht bei jeder Show so ist – was Katjas Aussage, dass sie sich auf dem OBS wohlfühle, als durchaus glaubhaft erscheinen ließ.
Was dann folgte, bedarf einer Erklärung. Die Allstar-Band Agassi verkörperte nämlich das eklektische Gesamtkonzept des diesjährigen OBS innerhalb einer einzigen Band. Der gewesene Profi-Fußballer und Surfrocker Ben Galliers aus Coventry, Wir Sind Helden-Gitarrist und -Bassist Mark Tavassol, Songwriterin Nina „WIM“ Müller, Jonas Böker und Matthias Koschnitzke kommen aus so vielen musikalischen Richtungen zusammen, dass es fast schon zwangsläufig zum stilistischen Soundclash kommen musste, als sie sich unter dem Projektnamen Agassi zusammenfanden, um gemeinsam Musik zu machen.
Gerade erst ist ihr Debüt-Album „Arcade Melodies“ auf dem Kultlabel Clouds Hill erschienen – und schon hatte Rembert die englisch/deutsche Band auf dem Schirm. Als es ihm gelang, die Band zu buchen, war das Festival aber schon relativ dicht durchorganisiert, sodass diese nun erst mal auf der Minibühne zwischengeparkt werden musste. Dass das Ensemble nach zwei gefeierten Gigs dorthin spät im nächsten Jahr auf der Hauptbühne spielen wird, steht dabei schon so gut wie fest. Worum ging es aber eigentlich und warum ist das so?
Zunächst mal war da der eklektische Soundmix, der für jede Spiltterfraktion im Publikum wohl etwas bereit hielt: Etwa Postpunk, Kraut, Sleaford Mods-Style-Rap, Disco-Grooves, New Wave-Pop, NDW-Pop, Indie-Rock, Folk und sogar eine Prise Punk – auf Englisch vorgetragen – aber mit deutschen Textzeilen durchsetzt. Und dann war da noch die charmante Art, mit der Ben Galliers (der übrigens wohl nicht zufällig so aussieht wie der tennisspielende Namensgebervetter) das Publikum umgarnte und in die Show einband, sowie die demonstrativ zur Schau gestellte Spielfreude, mit der sich die Musiker in das offensichtliche Projekt „Hauptbühne“ einarbeiteten. Es wäre nun wirklich verwunderlich, wenn diese Art von fast schon hysterischer Party-Power im nächsten Jahr nicht im XXL-Format fortgesetzt werden würde.
Es folgte ein Kontrastprogramm der besonderen Art: Die aus Portland, Oregon stammende Songwriterin Alela Diane hatte (wie schon Annie Taylor zuvor) am Festival-Freitag ihr neues Album veröffentlicht. Das Werk heißt „Who’s Keeping Time?“ und wurde dann natürlich auch bei diesem exklusiven Festival-Gig beim OBS vorgestellt. Zwar hatte Alela auf diesem Werk – anders als bei den letzten drei Studioproduktionen – wieder mit einer Band gearbeitet und auch vorgehabt, diese mit auf ihre aktuelle Tour zu nehmen, aber der Drummer war aus familiären Gründen verhindert, so dass sie nun mit Bassist Sebastian Owens (der auch Geige spielen konnte) und ihrer Freundin, der Multiinstrumentalistin Paige Anderson (ihres Zeichens Leiterin des Folk-Projektes Two Runner) auf der Bühne stand und auch die neuen Songs dann wieder im gesitteten Folk-Setting spielte.
Zwar schien Alela ein wenig irritiert davon zu sein, an diesem Nachmittag zwischen ziemlich forschen Rock- und Krach-Acts eingebettet aufspielen zu müssen – nur ist sie zu sehr Profi, um sich von so etwas aus der Bahn werfen zu lassen und kommentierte das Setting dann so, dass die Zuschauer bei ihrem Auftritt die Möglichkeit hätten, sich mal zu entspannen und mal durchzuatmen. Da war dann etwas dran – denn so viele Möglichkeiten, auf dem OBS so entspannt einem Akustik-Konzert lauschen zu können, hatte es ja seit den Zeiten der Americana-Phase kaum noch gegeben. Das Material der Show bestand dann vorwiegend aus den Songs des neuen Albums – das die Zuschauer ja noch gar nicht kennen konnten, denn es war ja erst an diesem Tag zu haben. Vielleicht auch aus diesem Grund hörten zumindest die Fans vor der Bühne besonders aufmerksam zu, was Diane zu sagen hatte. Zwar fanden auch einige ältere Gassenhauer wie der zum Mitsummen anregende „Pirate’s Gospel“ oder der wunderschöne, abschließende Liebes-Walzer „Of Love“ vom letzten Album „Looking Glass“, mit dem Alela die Show ausklingen ließ, den Weg auf die Setlist – es waren dann aber die neuen Songs, wie das an Courtney Marie Andrews erinnernde „California“ oder besonders der eigentlich atypische Protestsong „Piss, Coffee, Blood Or Wine?“, mit dem Alela ein ziemlich düsteres Bild ihrer Heimatstadt und ihrer Nation zeichnet, die den Hauptteil der Show ausmachten. Das war dann eine der wenigen Gelegenheiten, Alela Diane in diesem Jahr überhaupt in unseren Breiten zu Gesicht zu bekommen – und damit ein besonderer OBS-Booking-Coup.
Nach diesem entspannten Zwischenspiel voller Nostalgie war dann erst mal Schluss mit Lustig. Und dann auch wieder nicht, denn die nachfolgende belgische Band Maria Iskariot hatte es faustdick hinter den Ohren: Helena Cazaerck, Loeke Vanhoutteghem, Drummer Sybe Versluys und die als letztes zur Band gestoßene brasilianische Bassistin Amanda Barbosa scheinen nicht nur die Lebensfreude mit Löffeln gefressen zu haben, sondern kennen nur ein einziges erklärtes Ziel: So viel wie möglich live zu spielen und dabei den Fans ordentlich einzuheizen. Etwas ungewöhnlich ist dabei das Setting, das sich das Quartett aus Ghent ausgesucht hat, denn sie mischen Grunge-Rock, Postpunk und Screamcore-Attitüde mit Texten auf Flämisch und packen das in ein aberwitzig körperbetontes Hochleistungs-Bühnensport-Programm, das in dieser Konsequenz nun wirklich seinesgleichen sucht. Rembert erklärte vor der Show noch, dass im technischen Rider um ein 20 Meter langes Mikro-Kabel gebeten worden war, mit dem die quirlige Frontfrau Manuela ihre Ausflüge ins Auditorium starten könnte – was er dann freiwillig für 40 Meter Länge bewilligt hatte.
Ganz so schlimm wurde es dann doch nicht, denn Helena absolvierte ihr performerisches Agitations- und Animationsprogramm dann doch hauptsächlich auf der Bühne – aber beeindruckend war es schon, wie viel ungefilterte Energie da von den Brettern, die die Welt bedeuten, strömte. Dabei überraschte vor allen Dingen, wie Helena – tatkräftig unterstützt von Loeke und Barbara – wild über die Bühne huschend und keine Rockstar-Pose auslassend – sich 60 Minuten lang ihren Weltschmerz mit viel performerischer Wut im Bauch von der Seele schreien konnte, ohne dabei heiser zu werden. Auf die Frage, was sie denn mache, wenn sie mal nicht wütend sei, wenn sie Konzerte spielen wolle, meinte sie „Ich bin immer wütend“.
Noch ein paar Worte zur Show selbst: Das ganze wilde Umeinander wäre ja nichts wert, wenn Maria Iskariot kein geeignetes Material als Basis hätte – und hier überzeugte das Quartett dann – trotz eines gehörigen Feedback- und Krach-Faktor auch in songwriterischer Hinsicht. Eigene Glanztaten wie „Rozemarijn“, „Zes Bekers“ oder das mit Verve implementierte, auf flämisch umgedichtete Pixies-Cover „Tijm“ („Tame“) beeindruckten dann mit hymnischer, emanzipatorischer Grrrl-Power. Und überhaupt, wer mit gelungenen Interpretationen von ikonischen Vorlagen (wie am Freitag auch Bikini Beach mit ihrem Cover von „Helter Skelter“) durchkommt und überzeugen kann, kann ja nicht zu den schlechten Menschen zählen.
Einen besonderen Moment gab es dann noch, als die des Deutschen mächtige Gitarristin Loeke auf die Geschichte der Band einging, die sich über ihre Liebe der Sprache bei einem Literaturfestival zusammengefunden hatte – ein flammender Appell für die Literatur als solche und ein Plädoyer für das Lesen von mehr Büchern im Allgemeinen an das erstaunte Publikum, damit die Welt ein besserer Ort sein möge. Nicht nur wegen solch unerwarteten Momenten gehörte der Auftritt von Maria Iskariot zweifelsohne zu den faszinierendsten des ganzen Festivals. Dass die MusikerInnen nach der Show (ohne irgendwie erschöpft zu wirken und nicht einmal erkennbar durchgeschwitzt) die Fans beim Meet & Greet-Stand mit einem ziemlich verrückten, durchgeknallten, selbstironischen Comedy-Programm unterhielten, sprach natürlich noch mal ausdrücklich für die Band. Das Debütalbum von Maria Iskariot heißt „Wereldwaan“ – was so viel heißt wie „Täuschung“. Um es aber ganz klar zu sagen: Maria Iskariot täuschten hier niemanden. Die sind eben alle auf charmante Weise authentisch und liebenswert durchgeknallt.
Mit dem nachfolgenden Act – dem Mundart-Künstler Gringo Mayer und seiner Kegelband – hatte es Rembert mit der Eklektik dann vielleicht doch ein wenig zu ernst genommen. Denn Gringo (der im richtigen Leben Tim heißt) bietet mit seinem im Kurpfälzer-Dialekt vorgetragenen Indie-Schlager-Pop eine musikalische Spielart, die man selbst auf der OBS-Bühne nur selten zu hören (und sehen) bekommt. Nun ist das aber so, dass Gringo (und seine Männer) auf der Bühne ordentlich was hermachen und etwas verstehen von einer selbstironischen, amüsanten Präsentation.
Für Gringo selbst etwa kann da keine Gönner-Geste, keine Rockstar-Pose, keine verschmitzte Miene und keine schauspielerische Einlage groß genug sein, dass er sie nicht noch etwas übertriebener machen könnte als unbedingt nötig. Seine Band agiert da im Hintergrund (auch dank einer Bläser-Sektion) überraschend soulig – was dann den Mainstream- und Schlagertouch des Materials etwas unauffälliger macht. Beim Publikum kam dieser im Vergleich zum Rest des Programms überraschende Stilwechsel erstaunlich gut an, denn Gringo Mayer ließ keinen Zweifel daran, dass er zwar nicht sich selbst und sein Bühnen-Alter Ego so richtig ernst nimmt, wohl aber an das, was er musikalisch macht, glaubt und schafft es, das dann auch glaubwürdig zu verkaufen.
Bei der anschließenden Versteigerung des von allen Musikern signierten Festival-Paneels zu Gunsten von Viva Con Agua kamen satte 7.000,- € zusammen. Zumindest dieser Programmpunkt scheint als – dank der Leistung solventer Einzelkämpfer – von der allgemeinen inflationären Rezession noch nicht erfasst zu sein.
Der Auftritt der Flensburger Punk-Veteranen Turbostaat wäre ja eigentlich ein klassischer Fall für einen Headliner Slot gewesen. Da das Festival aber am Sonntagabend für gewöhnlich mit eher versöhnlichen Tönen ausklingt, war der Auftritt der wilden Herren für den letzten Auftritt bei Tageslicht angesetzt worden. Das wohl auch deswegen, weil die Jungs dafür bekannt sind, dass bei ihren Shows der Bär abgeht und die Fans sich einen Spaß daraus machen, mit Crowdsurfer-Aktionen das Security-Team organisatorisch in die Knie zu zwingen. Rembert hatte deswegen seine stärksten Leute in den Graben geschickt, wo diese dann die Fans im Sekundentakt abfingen und nach draußen schickten – nur damit diese sich gleich wieder ins Getümmel stürzten.
Turbostaat waren lange Zeit als Wunschkandidaten vom OBS-Team gehandelt worden – und deswegen war insbesondere bei den OBS-Mitarbeitern die Freude groß, die Band nun endlich begrüßen und feiern zu dürfen. Um das Ganze aber mal realpolitisch in den Kontext zu setzen: Mit echtem, ursprünglichen Punk hat die Musik, die Jan Windmeier und seine Herren heute machen, eigentlich nur noch von der Attitüde her zu tun. Musikalisch präsentierten sich Turbostaat hier gut organisiert, mit einer durchstrukturierten Bühnenshow (inklusive eigener Beleuchtungs-Dramaturgie) und eigentlich mit gut gemachter, dynamischer Rock-Musik, die dem Punk ebenso viel schuldet wie dem Postpunk und klassischen Vorbildern. Und mit guten Songs: Die Musiker sind einfach mit der Zeit gegangen und haben sich konsequent weiterentwickelt. Ihre Haltung haben sich Turbostaat indes bewahrt. Und so gab es dann nach dem jungen Zorn von Maria Iskariot nun den alten Zorn (so der Titel des aktuellen Albums „Alter Zorn“) der zwar gereiften, aber nicht ruhiger gewordenen Jungs zu hören. Logischerweise gehört der Auftritt von Turbostaat zu den energischsten und konsequentesten des Festivals.
Aus einem ganz anderen Holz sind die schottischen Musiker der Band Wrest geschnitzt, die sich ja bereits beim OBS 25 mit ihrem pflegeleichten, angenehm temperierten und für die einen romantisch und für die anderen melancholisch empfundenen Schottenrock in die Herzen der Zuschauer gespielt hatten. Und das ohne irgendwie vom Zeitgeist berührt zu sein und ganz in der Tradition der schottischen Gitarrenbands der 80er Jahre (wie etwa Big Country). Das mit den Herzen der Zuschauer beruhte übrigens auf Gegenliebe: Stewart Douglas und seine Männer strahlten bereits lange bevor sie die Bühne betraten wie die Honigkuchenpferde – einfach weil sie glücklich darüber waren, hier wieder aufspielen zu können – und legten ihr Grinsen auch nach der Show nicht mehr ab. Der Erfolg beim OBS mag auch damit zusammenhängen, dass wir es bei Wrest mit einer Band zu tun haben, die zwar die gesamte Klaviatur des raumgreifenden, schwelgerischen „Schottenrock“ virtuos zu bedienen weiß, dabei aber auf den in diesem Bereich üblichen aufgesetzten Pathos und zu Musik gewordenen Nationalstolz verzichtet und eher zurückhaltend hinter ihrem Songmaterial steht. Auch hier wird man dann keine Rockstar-Allüren finden – das sind eben Jungs von nebenan, die Musik eher aus der Freude am Tun machen als aus Geltungsbedürfnis. Kein Wunder: Denn bis zum heutigen Tag machen Wrest alles in Eigenarbeit und bringen ihre Scheiben selbst heraus, anstatt sich in die Fänge der Industrie zu begeben. Ohne Frage war das dann ein mehr als würdiger Abschluss für das OBS – mit einer Prise musikalischer Grandezza, wie Rembert im Vorfeld ganz richtig angekündigt hatte.
So weit so gut: Was noch fehlt, ist der Drei-Tages-Witz und ein jahresspezifisches OBS-Fazit. Für den Drei-Tages-Witz hatten sich Rembert und Simon nicht lumpen lassen – den Witz über eine Ausschreibung ermitteln lassen (wobei der von Torsten Folge mit seinem Vorschlag überzeugen konnte), einen Bühnenaufbau realisiert (auch wenn der nur aus einem Tisch bestand) und eine Off-Sprecherin engagiert, die die Rahmenhandlung des von Rembert und Simon aufgeführten Dramas vortrug, und die ging so:
Rembert kommt volltrunken zum Kirmesstand von Schießbudenbesitzer Simon und will gerne schießen. Nach einigen Bedenken stimmt Simon schließlich zu – unter der Bedingung, dass Rembert dann aber auch sofort nach Hause geht. Rembert trifft dann tatsächlich ins Schwarze und sichert sich so den Hauptgewinn – eine kleine lebende Schildkröte, die er mit den Worten „Das ist aber ein schöner Preis“ nach Hause trägt. Am Tag zwei wiederholt sich das Ganze – nur dass Rembert noch besoffener ist als beim letzten Mal. Nach einigem Zögern lässt Simon ihn erneut schießen – wieder mit dem Versprechen, danach aber nach Hause zu gehen. Rembert schießt und trifft dann erneut ins Schwarze und sichert sich so den Hauptgewinn – eine kleine lebende Schildkröte, die er mit den Worten „Das ist aber ein schöner Preis“ nach Hause trägt. Auch am dritten Tag läuft alles nach dem gleichen Schema ab – nur dass Simon dieses Mal keine lebende Schildkröte mehr hat, sondern Rembert einen Stoffteddy überreicht. Dieser meint daraufhin: „Das ist auch ein schöner Preis – aber lieber hätte ich wieder so eine Fleischwurstsemmel wie beim letzten Mal.“ Das war leidenschaftlich gespielt und funktionierte recht gut – zumal sich das Publikum dazu entschlossen hatte, die Schauspieler mit dem Holland-Tanz anzufeuern und zu unterstützen.
Das Bemerkenswerte daran war, dass Rembert früher bei diesen Gelegenheiten oft so besoffen war, wie er es jetzt nur spielte. Das ist große Kunst. Am wichtigsten bei all dem war aber, dass Rembert in einem Nebensatz deutlich machte, dass es auch nächstes Jahr wieder ein OBS geben werde. Es seien auch noch Restkarten zu haben, ergänzte Simon – uns zwar alle. In dem Sinn scheint dann also ein Wiedersehen im nächsten Jahr gesichert.
Was das diesjährige OBS betrifft, so muss gesagt werden, dass dieses aufgrund der eklektischen Auswahl der Acts sicherlich zu den musikalisch aufregendsten und spannendsten in der OBS-Historie gehörte. Es gehörte aber zugleich aufgrund der perfekten Organisation und aufgrund des guten Wetters auch zu den entspanntesten und stressfreisten. Die Leistungen der erstmals verkleinerten Festival-Crew – inklusive des Social Media-Teams, der Künstler-Betreuern, des technischen Personals, der Stage-Hands und der Security – gebührt dabei das größte Lob für die perfekte Organisation. Es mag ja für den Musikfreund nicht so sehr von Bedeutung sein – aber wenn sich bei einem Festival dieser Größenordnungen nicht nur die Musiker, sondern auch die Tourmanager, Fahrer und Techniker begeistert über die Betreuung vor Ort zeigen, dann darf davon ausgegangen werden, dass es sich dabei um etwas ganz Besonderes handelt. Musiker und Fans wissen die familiäre Atmosphäre des Festivals ja sowieso schon lange zu schätzen.
Der Umstand, dass nicht ganz so viele Fans wie zu den Hochzeiten vor der Pandemie das Gelände bevölkerten, wirkte sich auf die Atmosphäre durchaus förderlich aus – auch wenn das fiskalisch nicht so schön war – und bedeutete, dass die Fans, die es nach Beverungen geschafft hatten, wegen der Musik und nicht alleine wegen des Event-Charakters gekommen waren – und Rembert somit auch das Vertrauen ausgesprochen hatten. Das war aber auch wieder mal mehr als gerechtfertigt, denn auch in diesem Jahr war es ihm gelungen, eine ganze Reihe von Acts zu buchen, die auf dem Papier (bzw. auf Konserve) gar nicht so viel herzumachen schienen – die aber im Live-Kontext und auf der menschlichen Ebene vollkommen zu überzeugen wussten. Wie immer war das dann so, dass der Otto-Normalkonzertbesucher, der vor dem OBS vielleicht unter chronischem Schulterzucken gelitten haben möchte, was die Bekanntheit der Bands betraf – dann aber mit einer ganzen Sammlung neuer Lieblingsacts in der Erinnerung glückselig nach Hause taumeln konnte. Das ist zwar immer so beim OBS – dieses Mal aber in ganz besonderem Maße der Fall.
Und noch eine abschließende Frage sei erlaubt: Was tankt man an einer Lebenstankstelle eigentlich? Vermutlich ja Seele (natürlich bleifrei, denn wir sind ja alle nachhaltig). Und die hat das OBS ja nun mal im Übermaß. Das macht natürlich süchtig – aber das ist in dem Fall ja nicht von Nachteil. In diesem Sinne: Bis zum nächsten Jahr dann!






















































