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Lebenstankstelle
Großartig! Wunderbar! Perfekt! Unglaublich! Hervorragend! Exzeptionell! Hyper! Mega-Gut! Wahnsinn! Herrlich! Toll! Toll! Toll! Das sind so ein paar Superlative, die auf das diesjährige OBS-Ereignis – zumindest in Bezug auf das Wetter – zutreffen könnten. Denn erstmals in der inzwischen doch 30-jährigen Gesamt-Historie des besten kleinen Festivals der Welt gab es punktgenau zum Festivalbeginn einen Wetterumschwung ZUM BESSEREN, der darin gipfelte, dass es die ganzen drei Festivaltage (und auch zur An- und Abreise) nicht ein einziges Wölkchen am Himmel zu sehen gab – geschweige denn die in den letzten Jahren eher üblichen Regen- und Gewitterschauer.
Aber wenn wir schon mal dran sind mit den Superlativen, können wir diese eigentlich auch auf das Festival selbst anwenden, denn trotz widrigster Umstände und zu überwindender Unbilden (zu denen in letzter Sekunde noch eine Streckensperrung der Bundeströdelbahn hinzugekommen war), war es Festivalmacher Rembert Stiewe wieder einmal gelungen, ein attraktives Musik- und Rahmenprogramm zusammenzubuchen, das – zumindest auf der menschlichen und atmosphärischen Ebene – keinerlei Wünsche übrig ließ und dem Festival-Motto „Lebenstankstelle“ alle Ehre machte.
Also noch mal: Großartig! Wunderbar! Perfekt! Unglaublich! Hervorragend! Exzeptionell! Hyper! Mega-Gut! Wahnsinn! Herrlich! Toll! Toll! Toll! Und auf der musikalischen Seite kommt noch ein weiterer Superlativ hinzu, denn was die musikalische Kurzweil betraf, so war es Rembert gelungen, das in der stilistischen Zusammenstellung sicherlich eklektischste Line-Up der OBS-Geschichte zusammenzustellen. Das ist insofern bemerkenswert, als dass die Sache ja mal ziemlich geradlinig als Americana-Festival begonnen hatte. Heutzutage ist zwischen Whisper-Folk und Screamcore-Punk einfach alles möglich – und funktioniert auch ganz prächtig.
Vielleicht auch deswegen, weil die Acts mittlerweile aus aller Herren Länder zusammenkommen (einfach auch weil die Amis systembedingt nicht mehr so wild darauf sind, in Europa rumzureisen). Und so fanden sich dann Acts aus Deutschland, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz, England, Schottland, USA, Kanada und sogar Brasilien (die Bassistin Amanda von der belgischen Band Maria Iskariot gelangte der Legende nach auf der Flucht vor der brasilianischen Mafia nach Belgien) ein. Lediglich die früher gern gesehenen skandinavischen Acts fanden dieses Mal nicht statt.
Aber mal zum Programm: In den letzten Jahren hat es sich ja zur schönen Gewohnheit entwickelt, dass die Walking Acts das Festival – noch vor dem Einlass – mit einem Set vor dem Festivalgelände eröffnen, wo sie dann die wartenden Fans beglücken. In diesem Jahr war es das Folkpop-Trio animat, das diese Aufgabe übernahm. Die Sache ist dabei die: Milena Wagner gehört zur OBS-Crew und hatte 2023 die glänzende Idee gehabt, das Kleinorchester Loki des Songwriters Marc Grünhäuser – in dem sie als Sängerin/Gitarristin mitwirkt – als Ersatz für eine kurzfristig ausgefallene Band für das OBS vorzuschlagen. In der Band Loki spielen nun aber auch Anna Meier und Tabea Niewirth mit – die nun mit Milena zusammen das Trio animat (ein Phantasiewort mit den Buchstaben aus den Namen der drei Protagonistinnen) bilden. animat haben sich dem hingeflüsterten Folk-Setting verschrieben und waren vermutlich froh darüber, dass sie schon bei ihrem ersten Gig über eine mobile Verstärker-Anlage verfügen konnten. Der Reiz der Musik des Trios liegt nämlich nicht darin, mit musikalischen Experimenten, großen Gesten oder aufgesetzten Virtuosität beeindrucken zu wollen, sondern im variantenreichen Zusammenspiel (und insbesondere dem ausgefeilten Harmoniegesang) die subtilen Zwischentöne der meist melancholisch angelegten Kompositionen der Debüt-EP „Slowwalker“ zu betonen. Dabei wechseln sich Anna, „Tabi“ und „Mille“ gesanglich zuweilen ab, wechseln auch ein Mal die Positionen zwischen E- und Akustikgitarre, Keyboard und Geige und bilden eigentlich das ganze Spektrum des introvertierten, romantischen Dream-Folk-Pop-Genres ab. Vor allen Dingen aber zwingen sie mit diesem Konzept das Publikum zum Zuhören. Beim Gig vor dem Einlass gab es natürlich noch viel Trubel mit Anreise- und Shuttlebus-Verkehr – aber bei den folgenden beiden Gigs – etwa vor dem OBS-Mural – lagen ihnen die Zuschauer bildwörtlich zu Füßen bzw. hingen aufmerksam an ihren Lippen. Auf jeden Fall war das eine sehr schöne Einstimmung für das Festival.
Offiziell los ging die Sache dann mit einer Show von Willow Parlo auf der Hauptbühne. Im letzten Jahr hatten Noemi Bunk und ihre Männer noch Woodstock-würdige Schlammschlachten auf der Mini-Bühne bestritten, die aufgrund des schlechten Wetters nun wirklich nicht die Aufmerksamkeit erhielten, die die Musik eigentlich verdient hatte. Tatsächlich hatte sich Rembert aber die Zeit genommen, sich eine der Shows anzuschauen und es für würdig befunden, die Karriere von Willow Parlo mit dem diesjährigen Auftritt auf der Hauptbühne zu befeuern. Willow Parlo geistern ja schon seit einigen Jahren durch die Live- und Festival-Szene und überzeugen dabei immer wieder durch die Souveränität und die unaufgeregte Gelassenheit, mit der sie ihren attraktiven Soft-Grunge-Power-Pop auf der Bühne variantenreich zum Leben erwecken. Manchen Rockfreunden ist das dann zu soft – aber es ist ja auch mal ganz schön, wenn jemand nicht mit großen Gesten, sondern songwriterischer Qualität und subtiler Emotionalität zu überzeugen sucht, wie das Noemi & Co. eben tun – und dabei noch für Pop-Flair mit Mitsing-Charakter sorgen, wie etwa mit dem Donna Lewis-Cover „I Love You Always Forever“ und der eigenen, regelrecht beflügelnden Single „Can’t Get Enough“. Für den Herbst verspricht Noemi nun endlich auch mal ein echtes Debüt-Album.
Diejenigen, für die Willow Parlo dann vielleicht nicht laut genug gewesen waren, konnten sich beim folgenden Act Bikini Beach dann wieder entspannt die Ohren zuhalten. Mit „Herrlicher High-Energy Fuzz, gepflegter Slacker-Attitude, infektiöser Garage-Punk mit einer Prise Surf und Psychedelic“ hatte Rembert das Trio aus Konstanz angekündigt. Obwohl sich solch differenzierte stilistische Subtilitäten nun wirklich nicht aus der Show von Bikini Beach heraushören ließen, überzeugten Nils Hagstom, Lotti Peach und Drummer Flip dann doch als munter rockendes performerisches Gesamtpaket. Da blieb kein Schweißtropfen an seinem Platz und alle drei Protagonisten (insbesondere Bassistin Lotti) hätten jeden Headbanging-Wettbewerb souverän gewinnen können. Was da an musikalischem Feinsinn vielleicht fehlen mochte, wurde durch den enthusiastischen Körpereinsatz des Trios mehr als wettgemacht. Und musikalisch war das Ganze deutlich unterhaltsamer, lebendiger und auch variantenreicher als das, was Bikini Beach auf Konserve zu bieten haben.
Auf der Mini-Bühne war am Freitag nur eine Band zu Gast – und das war dann die Münchener Musikerin Magdalena „Lena“ Haslberger mit ihrem aktuellen Bandprojekt Lener. Zuvor hatte Lena mit ihrer Schwester Sophie mit dem gemeinsamen Projekt SweetLemon Erfahrungen gesammelt. Mit Lener macht sie heutzutage jene Art von Indie-Powerpop mit Grunge- und Jangle-Pop-Flair, der eigentlich schon automatisch für einen Auftritt auf der Hauptbühne im nächsten Jahr bestimmt wäre (zumal Lener neben englischen auch deutschen Lyrics zu bieten hat, was sie von ihren Indie-Kolleginnen absetzt). Ob es so kommt, werden wir sehen, denn da gab es in diesem Jahr starke Minibühnen Konkurrenz. Überzeugend und souverän waren die Lener-Shows aber allemal.
Israel Nash hatte bereits 2012 auf dem OBS 16 gezeigt, wes Geistes Kind er ist (damals noch als Israel Nash Gripka) und das Festival mit seinen gekonnten Neil-Young-Emulationen beglückt. Obwohl er zwischenzeitlich mit Alben wie etwa dem Heartland-Rock-Album „Ozarker“ seinen musikalischen Horizont deutlich erweitert hatte, kehrte er – mit neuer Band – nun im Rahmen seiner aktuellen Tour auch in Beverungen wieder zu seinen Wurzeln zurück und präsentierte im Wesentlichen die Songs seines 2013er Albums „Rain Plans“, das er mit einem Deluxe-Re-Issue zum Thema der besagten Tour gemacht hatte.
Nachdem Nash weiland überraschend die Tour zu seinem Ozarker-Album abgebrochen hatte und sich ins Privatleben zurückgezogen hatte, feierte er mit dem „Rain Plans“-Projekt nun seine Rückkehr ins Rampenlicht. Und das tat er in Beverungen mit Enthusiasmus und Spielfreude. Zwar gab es da auch dieses Mal ordentliche Neil Young-Vibes – insbesondere dann, wenn sich Nash und Gitarrist Joey McClennan mit großer Geste und viel Wind im Haar breitwandig „duellierten“. ABER: Das war ja der Grund, warum die Fans früher zum OBS pilgerten, und so gab es da ein angenehmes Déjà-Vu-Erlebnis wie in alten Zeiten. Auch wenn im Vorfeld der Show erstaundlich viel Rockstar-Energie geflossen war, zeigte sich der Meister beim an die Show anschließenden Meet & Greet dann erstaunlich locker, entspannt und pflegeleicht.
Der Hamburger Songwriter Marlo Grosshardt hatte 2024 bereits mit seinem ersten Auftritt auf dem OBS die Herzen der Fans im Sturm erobert. Leider war das damals ein Gewittersturm gewesen, der dazu führte, dass Marlo die Show und die Huldigung der Fans beim Meet & Greet sozusagen im Dusch-Modus absolvieren musste. In diesem Jahr fand die triumphale Rückkehr dann zur Zeit des Sonnenuntergangs statt – was sich stimmungsmäßig deutlich auf die Laune von Publikum und Musikern auswirkte. So viel glücklich gelächelt wie in diesem Jahr wurde beim OBS jedenfalls schon lange nicht mehr.
Marlo Grosshardt gehört dabei ja eher zur Gattung der Liedermacher als zu jener der Deutschpop-Stars (obwohl er inzwischen schon so etwas wie ein Star ist) – und das heißt, dass da eben das poetische Wort ein besonderes Gewicht hat. Das bedeutete dann zum einen, dass sich Marlo zwischen den Tracks erklärend um Kopf und Kragen redete – aber auch, dass er ein besonderes Gewicht auf die ernsthafteren und teils auch politischen Texte legt – wie etwa die Geschichte von der Oma, die vor den Braunen und Blauen warnt oder jener vom kleinen Astronauten, der sich aus seiner Krebserkrankung heraus ins Weltall träumt. Hier wird dann nicht mit Klamauk und Entertainment, sondern mit subtiler Zurückhaltung überzeugt. Ein besonderes Kunststück gelang Marlo dann, als er die Show gar nicht alleine eröffnete, sondern das Publikum mit einem Singalong zum einleitenden Track „Rasselbande“ gleich an die Hand nahm und in die Show mit einband. Zweifelsohne war diese Show dann auch DAS emotionale Highlight des ersten Festivaltages.
Mittlerweile ist es ja zur lieb gewonnenen Gewohnheit geworden, für die ersten beiden Festivaltage Acts zu buchen, die mit heiterer Gelassenheit und systemimmanenten Chaos die Hauptbühne in ein Tollhaus verwandeln. Zu dieser Art von sympathischen Wahnsinns-Botschaftern gehört auch das Londoner Sextett Man/Woman/Chainsaw, das sich mittlerweile zum heißesten Live-Hype der Insel-Monarchie entwickelt hat. Und womit? Mit Recht! Dabei hat die Band – noch bevor im August überhaupt erst das Debütalbum „Cannonball“ ansteht – bereits eine erstaunliche musikalische Entwicklung hingelegt. Denn erschien es zunächst so, als wüssten die fünf MusikerInnen teilweise selbst nicht so recht, was sie da auf der Bühne trieben, so hat sich die Sache inzwischen insofern konsolidiert, dass nicht einfach alle gleichzeitig machen, was ihnen gerade in den Sinn kommt, sondern sich stattdessen immer deutlicher griffige Songstrukturen herauskristallisieren. Auch wenn man Tracks wie „Nosedive“, „Mad Dog“ oder „What Lucy Found There“ immer noch keine musikalische Provenienz zuweisen kann – wohl aber neueren Stücken wie „Only Girl“ eine Art von Hitpotential zusprechen kann.
Wild ist das trotzdem immer noch. Dabei lösen sich die Bassistin Vera Leppänen, Gitarrist Billy Ward und Keyboarderin Emmie-Mae Avery als manische Vokalisten ab. Echte Front-Leute gibt es nicht. Alles wird kollaborativ dargeboten. Allerdings ist es die sanguine Geigerin Clio Harwood, die dem Ganzen das musikalische I-Tüpfelchen aufsetzt, indem sie mit ihrem wilden Folk-Gefiedel dem Mix aus Post-Punk, Kaputnik-Rock, Prog und neuerdings auch Glam- und Drama-Rock ein Element hinzufügt, das im Zusammenhang nun wirklich niemand erwartet hätte. Funktionieren tut das trotzdem, denn der herzige Wirbelwind befeuert das Geschehen immer wieder auf kreative Weise. Wer nach dieser überbordenden Musik-Kirmes dann immer noch schlechte Laune hatte, hatte wohl im Allgemeinen bereits mit dem Leben abgeschlossen.
Der 2. Teil folgt in Kürze…


















































