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Eigene Wege auf den Schultern von Giganten
Es ist eine echte Premiere: Zum ersten Mal stehen deary an diesem sommerlich warmen Pfingstsamstag auf einer deutschen Bühne. Im Spannungsfeld von Schwere und Offenheit, Intensität und Loslassen hatte die Band schon auf ihrem vor wenigen Wochen veröffentlichten Debütalbum „Birding“ geglänzt und ihre Ambition unterstrichen, sich mit ihrem introspektiven, emotional aufgeladenen Sound eine eigene Identität auf den Schultern der Giganten des Shoegaze und Dream-Pop – Cocteau Twins, My Bloody Valentine oder Slowdive – zu suchen. Dass ihnen das geglückt ist, zeigt auch das Gastspiel im sagenumwobenen Ratinger Hof, das für viele strahlende Gesichter im Publikum sorgt.
Eigentlich hatten wir uns auch auf den Support Resplandor sehr gefreut, schließlich haut das inzwischen von Peru nach Holland ausgewanderte Trio klanglich in eine ähnliche Kerbe wie deary und hat damit in ihrer inzwischen 30-jährigen Karriere schon eine Menge Staub aufgewirbelt. Bedauerlicherweise war Sängerin und Keyboarderin Jomie Bagchus erkrankt, doch anstatt den Auftritt abzusagen, traten Bandgründer und Gitarrist Antonio Zelada und Drummer Minne Davids als Duo auf.
Ausufernde Instrumentalpassagen und Backing-Tracks aus dem Computer gehören zwar auch sonst zum Repertoire von Resplandor, aber ohne Bagchus genretypischen Gesang fehlte dem düsteren Sound – das letzte Album heißt nicht umsonst „Tristeza“ – ein wenig das erhebende Moment und der Performance der Blickfang. Schade!
deary hingehen waren nicht nur vollzählig, sondern sogar mit personeller Verstärkung angereist. Seit einiger Zeit werden Sängerin Dottie Cockram, Gitarrist Ben Easton und Drummer Harry Catchpole auf der Bühne von Nick Rainey an Gitarre und Synth sowie Alice Geary am Bass unterstützt, und das macht sich vom ersten Ton an positiv bemerkbar.
Live tauschen deary nun all das, was im Studio intim und schwebend wirkte, gegen einen spürbar wuchtigen, hypnotisierenden Sound ein, in dem die glasklare, ätherische Stimme von Dottie Cockram mit den hallversetzten Gitarrenwänden von Ben Easton verschmilzt, um dynamisch im Spannungsfeld von fragiler Stille und euphorischen Ausbrüchen zu faszinieren.
Das unterstreicht direkt die erste Nummer, „Seabird“, eindrucksvoll, die das Publikum zunächst in verträumter Melancholie wiegt, bevor sich zur Hälfte ein gewaltiges Shoegaze-Gewitter entlädt, das manche im Saal vermutlich an die goldenen Zeiten des Genres in den 90ern denken lässt. Dass Easton ein „Heaven Or Las Vegas“-Shirt der Cocteau Twins trägt, zeigt trotz des Wunsches nach Eigenständigkeit dann doch, dass deary sehr wohl wissen, wer für sie den Weg vorgeszeichnet hat.
Bei anderen Songs sticht vor allem auch Catchpoles fast schon mechanisches, aber unglaublich präzises Schlagzeugspiel hervor, die das Faible der Band für Trip-Hop unterstreichen und dafür sorgt, dass deary vielen anderen Shoegaze-Acts, die sich allein auf das weiße Rauschen ihres Wall of Sound verlassen, eine Nasenlänge voraus sind. Besonders ist an dearys Musik auch, dass Cockrams Gesang nicht – wie bei vielen ähnlich inspirierten Bands üblich – unter Bergen von Effekten begraben, sondern messerscharf im Zentrum des Klangkosmos thront.
Für viele weitere der größtenteils aus „Birding“ stammenden Nummern ist „atmosphärisch“ das Zauberwort, aber obwohl deary nur rund 60 Minuten auf der Bühne stehen und keine Zugabe geben wollen, bleibt noch Zeit für Kontrastprogramm. Als Cockram zur Mitte des Sets „Garden Of Eden“ praktisch allein spielt, reicht die simple Folk-Magie einer Stimme und einer Akustikgitarre, bevor die Shoegaze-Tugenden und Effektgeräte wieder in den Mittelpunkt rücken und dem Finale mit den ganz besonderen Highlights „Fairground“ und „Alfie“ nichts mehr im Wege steht.
Mit einem immersiven, berauschenden Strudel aus facettenreichen Sounds zwischen Melancholie und Hoffnung finden deary so an diesem Abend mühelos ihren Weg in die Herzen der rheinischen Shoegaze-Gemeinde.



















