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Ehrenfeld, Tennessee
Ein Ereignis der besonderen Art gab es zum Monatsende im Stadtteil Ehrenfeld der Domstadt zu bestaunen: Im eher für raue Konzert-Töne bekannten Ehrenfelder Club Em Drügge Pitter (kurz E.D.P.) gab nämlich die aus Nashville stammende Songwriterin Hannah Juanita mit ihrer Band im Rahmen ihrer Skandinavien-Tour mit einem Abstecher nach Köln ihr erstes Gastspiel auf deutschem Boden.
Besonders war diese Veranstaltung dann weniger, weil sie an einem Sonntag bereits um 18 Uhr begann, sondern vor allen Dingen deswegen, weil es sich bei Hannah Juanita und Mose Wilson um Musiker handelt, die sich mit Haut und Haaren dem klassischen Honky Tonk verschrieben haben. Damit ist definitiv nicht jene Art von glattgeputzten Industriellem Country-Pop gemeint, der in der Music City nach wie vor tonangebend ist, sondern die ursprüngliche, authentische Grassroots-Variante nach klassischen Vorbildern, die sich links der kommerziellen Mitte bis heute eine Nische im wuseligen Musikbetrieb Nashvilles bewahren konnte. Will meinen: Hier gab es dann den ursprünglichen Country-Sound zu hören, der eben näher an der Grand Ole Opry dran ist, als an Arenen- und Stadien-Sound oder – bewahre – gar Instagram & Co.
Sowohl Mose Wilson wie auch Hannah Juanita machten dann immer wieder deutlich, dass es bei der von ihnen gewählten musikalischen Marschrichtung auch nicht um Originalität, Zeitgeist oder Mainstream Appeal geht, sondern vor allen Dingen darum, im gemeinsamen Spiel den Traditionen des Genres – und vor allen Dingen den Altvorderen – Tribut zu zollen und dabei eine gute Zeit zu haben. Das soll nicht heißen, dass sich Hannah und Mose nicht als Songwriter profilierten und ihre beeindruckenden performerischen und handwerklichen Qualitäten zur Schau stellten – aber über der ganzen Veranstaltung schwebte sozusagen der Geist der Tradition. Hannah erklärte das so, dass es in der Country-Szene stets darum gehe, die songwriterischen Qualitäten aller Musiker wertzuschätzen – weswegen es in Nashville eben üblich sei, neben den eigenen Songs eben auch die Songs der Kollegen zu spielen – oft genug mit diesen zusammen.
Bevor sich Mose Wilson der Band von Hannah Juanita als bemerkenswert virtuoser Lead-Gitarrist anschloss, gab er mit einem akustischen Set einen Einblick in sein Leben als Musiker. Geboren zwischen zwei Whiskey-Destillerien (eine davon Jack Daniels und die andere jene seiner Lieblingsmarke George Dickel) spielt der „Tennessee Whiskey“ eine große Rolle im Wirken des Musikers, der keinen Hehl daraus machte, dass er dem Gebräu auch kreative Kräfte zugesteht. Dem Vernehmen nach wachte er beispielsweise eines Morgens nach durchzechter Nacht auf und stellte fest, dass er im Suff einen Song geschrieben und als Voice-Memo abgespeichert hatte. Auch in eigenen Songs wie „Tennessee Rag“ nahm Mose Bezug auf seine Herkunft (tatsächlich war sowieso jedes dritte Wort aus seinem Mund „Tennessee“). Aber auch Mose Wilson machte klar, dass die Altvorderen das Maß aller Dinge seien. Der Song zum Thema „Tennessee Whiskey“, den Wilson dann präsentierte, stammt von Chris Stapleton, wurde aber in der Version von George Jones als Schunkel-Two-Step dargeboten.
Auch Hannah Juanita machte im Folgenden keinen Hehl daraus, wessen Geistes Kind sie ist. Zwar bestand ihre Setlist zum größten Teil aus den Songs ihrer beiden Longplayer „Hardliner“ und „Tennessee Songbird“ – aber die Show war dennoch gespickt mit Referenzen an ihre Inspirationsquellen. Neben ihrer offensichtlichen Lieblings-Sängerin Dolly Parton (deren Geburtstag sie im Kalender markiert hat und deren Song „Do I Ever Cross Your Mind“ sie im Programm hatte) waren das dann auch die Gründerväter- und Mütter der klassischen Country-Musik. So gab es etwa Hank Williams’ „Cold Cold Heart“ oder das spontan als Zugabe ausgerufene Patsy Clines „Walking After Midnight“, die der Show eine gewisse Bodenhaftung verliehen. Aber auch Springsteens „Atlantic City“ stand auf der Setlist und Lucinda Williams wurde geehrt mit einer Version von „Concrete & Barbed Wire“, die wie das Original im Duett-Modus mit Mose Wilson dargeboten wurde. Und zusammen mit Mose Wilson präsentierte sie dann auch noch das Duett „We’re Gonna Hold On“, das im Original von George Jones und Tammy Wynette dargeboten wurde.
Auch in Hannah Juanitas Songs geht es vornehmlich um das Leben im Süden der USA. So hatte sie etwa den „Louisiana Two Step“ im Angebot und mit „Tennessee Sunshine“ und „Tennessee Songbird“ gleich zwei Tracks mit Verweisen auf ihre Wurzeln. (Mit dem „Tennessee Songbird“ meint sie allerdings nicht selbst: In dem Song geht es um die Frage, warum Vögel eigentlich singen.) Auch Alkohol fließt bei Hannah Juanita – wenngleich im Fall nicht Whiskey, sondern „Tears & Tequila“. Mit der im Februar veröffentlichten Single „If I Ever Lost You“ gab es dann auch noch den ersten Song zu hören, den Hannah & Mose nicht nur gemeinsam singen, sondern auch gemeinsam geschrieben haben. Die meisten der gespielten Tracks waren dann zweifelsohne dem Honky Tonk-Genre zuzurechnen – auch wenn die Band zuweilen Spuren von Blues, Rockabilly oder Folk-Flair einfließen ließen. Hannahs Track „Fortune“ fiel dabei vielleicht am stärksten aus dem Country-Rahmen – überzeugte aber gerade deswegen besonders.
Musikalisch bekamen die Fans, die trotz des atypischen Bookings den Weg in den Drüggen Pitter gefunden hatten, dann ein Lehrstück in Sachen amerikanischer Musikkultur geboten. Und zwar nicht nur deswegen, weil hier eine ur-amerikanische Musiktradition zelebriert wurde, sondern auch, weil die Musiker eine wirklich beeindruckende handwerkliche und performerische Qualität und Souveränität an den Tag legten, wie man sie tatsächlich nur bei US-Bands findet. Die Sache ist dabei die: Shows wie jene, die es nun im Drügge Pitter zu bestaunen gab, gibt es im Süden und im Heartland der USA jedes Wochenende in jeder Kneipe mit oder ohne Bühne. Die Konkurrenz ist also groß – und so verbringen die US-Musiker ihre Zeit im Probenraum, um ihre Kunst zu perfektionieren, wenn sie nicht gerade auf der Bühne stehen. So etwas macht sich natürlich bemerkbar.
Hannah Juanita überzeugte als Performerin zudem durch eine unaufdringliche Professionalität, die aber nicht um den Preis der aufgesetzten Distanz zwischen Künstlern und Fans daher kommt – wie sie bei vielen Kollegen aus der kommerziellen Country-Schiene zu beobachten ist. Letztlich geriet die Show dann so kurzweilig, authentisch – und in musikalischer Hinsicht gar bildend – dass der Stadtteil Ehrenfeld (oder heißt es „Honourfield“?) für einen Abend tatsächlich zum Staat Tennessee zu gehören schien. Im Herbst kehrt Hannah Juanita für eine „richtige“ Tour nach Deutschland zurück.
















